Geteiltes heiliges Land
Leben und famulieren in Israel
Holger Priebe
Legenden und Realität
Aber zur Entschädigung gab es ja noch das wirklich atemberaubend schöne Land zu erleben: Jedes Wochenende reisten wir quer durch Israel und besuchten unter anderem Tel Aviv, Nazareth, Bethlehem, Ramalah, das tote Meer und den See Genezareth. Hier stellte ich fest, dass idealisierte Legenden (wie eben dieser See, wo Jesus übers Wasser ging) in der Realität extrem vermüllt und touristisch überladen aussehen können.
In meiner Person addierten sich die Aggressionspotentiale
Aber auch auf diesen Streifzügen gab es immer wieder Probleme mit dem Militär. Eine Schwester aus dem Hospital brachte es irgendwann mal auf den Punkt: Sie meinte, dass sich bei mir die Aggressionspotentiale addieren.Ein Deutscher, der bei Palästinensern lebe, das sei nicht sehr beliebt. Ganz glauben sollte ich ihr erst, als ich beim Verlassen des Landes von drei Personen, drei Stunden verhört wurde und mir immer wieder dieselben Fragen gestellt wurden und neben dem Gepäck sogar Handy und Fotos kontrolliert wurden, ja sogar mein Körper. Alles wegen einer arabischen Unterschrift auf meinem Famulaturzeugnis! Ursprünglich wollte ich beide Kulturen kennen lernen. Aber von Beginn an schien es so, als müsse man sich für eine entscheiden. Das fängt in ganz alltäglichen Dingen an. Wenn ich mit meinem palästinensischen Kommilitonen unterwegs war, hielten teilweise die jüdischen Busse nicht an, erst, als er sich versteckte. Wir bekamen keinen Leihwagen, oder er wurde auf offener Straße beleidigt.
Befremdliche Erfahrung
Für mich als Europäer war diese Famulatur sehr befremdlich. Deshalb möchte ich dem in Würzburg studierten Arzt Dr. Georg Bakleh danken, der mir viel geholfen hat, einen Rest an Objektivität zu bewahren und dafür sorgte, dass ich das Handeln beider Seiten verstehen konnte. Mein Dank und meine Bewunderung gilt den Ärzten und Schwestern des St. Josephs Hospital, die diesen alltäglichen Wahnsinn mit stoischer Ruhe bewältigen, hier jeden Tag alles Menschenmögliche versuchen und dabei sogar noch die Zeit fanden, meine Fragen zu beantworten. Trotzdem ist für mich klar geworden, dass die Menschen in Israel nur ihre Währung gemeinsam haben. Und auch die ist ungerecht verteilt.