Schon lange stand für mich fest: Mein Traum ist es, Medizin zu studieren! Doch schon bald nach meinem Abitur stellte sich leider heraus, dass sich dieser Wunsch schwerer in die Tat umsetzten lassen sollte als erhofft. Denn trotz eines recht guten Abiturs erhielt ich in Deutschland keinen Studienplatz. Nun stand ich wie viele andere vor der schwierigen Entscheidung, was ich bis zum Beginn des Studiums machen wolle.
Nach vielen Überlegungen entschied ich mich dafür, ins Ausland zu gehen, um dort freiwillig in einem Krankenhaus mitzuarbeiten. Und auch das Ziel der Reise stand schnell fest: Indien. Denn dort, in einem derart armen, stark bevölkerten Land, so glaubte ich, wäre meine Unterstützung am hilfsreichsten. Auch war ich schon immer fasziniert von diesem Land, seiner Kultur und seiner Geschichte. Deshalb schrieb ich eine Organisation (Teaching and Projects abroad) an, die mir bei dem Auffinden von Krankenhäusern behilflich sein sollte und auch die Unterbringung bei indischen Gastfamilien organisierte. Und dann endlich, nach etwa fünf Monaten Vorbereitungsphase und einem vorhergehenden Krankenpflegepraktikum in Deutschland, flog ich in die beiden südlichsten Bundesstaaten Indiens, Tamil Nadu und Kerala. Ich hatte natürlich vorher viel über Land und Leute gelesen. Aber was mich in den folgenden knapp dreieinhalb Monaten wirklich erwarten sollte, damit hätte ich nicht gerechnet.
Erstmal ein Kulturschock
Schon bei meiner Ankunft am Flughafen in Chennai war ich überwältigt. Wenn man das erste Mal in einem Land wie diesem ankommt, ist es schwer, sich in dem vollkommenen Durcheinander zurechtzufinden. Alles um einen herum ist dreckig und laut, überall sind Menschen, die einem etwas verkaufen möchten oder ein Taxi anbieten, fremde Gerüche umgeben einen. Die Luft war stickig und schwül, auf den Straßen befanden sich außer vielen alten „Ambassador“-Autos auch Kühe, die schwer beladene Karren hinter sich herzogen. Ein Affe versuchte mir – ungelogen – meine Banane zu stehlen, Moskitos schwirrten durch die Luft, sogar Schweine und Hühner liefen durch die Gassen dieser Sechs-Millionen-Metropole. Erschöpft, müde und mit Heimweh kämpfend war ich erleichtert, als ich den Zug erreichte, mit dem es zum ersten Krankenhaus meiner Etappe gehen sollte: einem Geburtskrankenhaus mit zwei Ärzten in Shenkottai, einem kleinen Dorf in Südindien.
Doch auch auf der siebenstündigen Zugfahrt fand ich keine Ruhe, denn wie in den ganzen folgenden Wochen zeigte sich schon hier das große Interesse der Einheimischen an meiner Person. Alle wollten Fotos oder gar Autogramme von mir, ich fühlte mich oft wie ein berühmter Star. Sie fingen, falls es ihre Englischkenntnisse zuließen, Gespräche mit mir an, in denen sie mehr über das Leben in Europa wissen wollten oder baten auch nur mal darum, meine blonden Haare anfassen zu dürfen. Einigen war Deutschland sogar ein Begriff und ich wurde seltsamer Weise gleich mehrmals gefragt, ob Lothar Matthäus noch immer in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft spiele. Und eine Ähnlichkeit zu Steffi Graf wurde mir nachgesagt, worüber ich sehr schmunzeln musste. Im Allgemeinen hatten die Inder ein sehr positives Bild von den Deutschen, das auch durch unsere politische Vergangenheit nicht getrübt wurde. Dass der Hund einer Ärztin (!) erschreckender Weise „Hitler“ hieß, zeigt, wie entfernt Deutschland und seine Geschichte von hier ist.
Alle haben mich gastfreundlich, neugierig, interessiert und offen empfangen. Viele Male wurde ich zum Essen eingeladen, und das, obwohl viele Menschen oft selbst nicht viel Geld und Nahrung besaßen. Krankenschwestern verdienen zum Beispiel im Schnitt 25 Euro im Monat und müssen davon oft die ganze Familie ernähren.