Was haben Sie am Tag Ihres 3. Staatsexamen(s) gemacht, nachdem Sie die Prüfung erfolgreich hinter sich gelassen und damit das Medizinstudium abgeschlossen hatten?
Ich habe erst mal tief durchgeatmet und bin über Weihnachten in den Urlaub gefahren.
Anschließend habe ich meine Doktorarbeit endlich fertig geschrieben und zur Korrektur geschickt, um diesen Klotz vom Bein zu haben.
Erst danach habe ich mir Gedanken über alles weitere gemacht und angefangen, mich um eine AiP-Stelle zu bemühen. Das war dank der Stellensituation dann auch relativ schnell und unkompliziert möglich. Ich habe diese Durchatempause sehr genossen und würde es auch empfehlen, um sich noch mal über das weitere Berufsleben, das vor einem liegt, klar zu werden.
Mit welcher Motivation haben Sie das Medizinstudium begonnen, sprich warum haben Sie sich entschieden, Medizin zu studieren? Gab es den entscheidenden Augenblick/Situation, mit dem feststand „Jetzt weiss ich es: ich studiere Medizin“?
Zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass ich Medizin studieren könnte, habe ich, als bei uns in der 12.Klasse der Mediziner-Test (der damals noch obligat war), angeboten wurde.
Einen wirklichen Durchbruch gab es nicht, ich glaube, ich bin in das Medizinstudium eher „reingeschlittert“, nach dem Motto, es ist die beste aller Alternativen. Und das ist es bis heute geblieben.
Ich habe mich immer für naturwissenschaftliche Fächer interessiert und diese Fächer haben mir im Studium auch immer gut gefallen. Allerdings konnte ich mir schon damals nicht vorstellen, dass ich mein Leben lang nur hinter Reagenzgläsern stehen werde.
Das schöne am Medizinstudium ist, dass einem am Ende sehr viele Möglichkeiten offen stehen: Forschung, Verwaltung, Medizin-Recht, Med. Informatik, Journalismus oder die eigentliche Krankenhausarbeit in den verschiedensten Fächern.
Wie bewerten Sie diese Motivation rückblickend? Hat sie sich während des Studiums aufrechterhalten oder in welcher Form hat sie sich geändert?
Der Kontakt zu den verschiedensten Menschen jeden Tag ist das, was mir heute noch am meisten Spass macht. So hat sich diese Motivation durch die Jahre gehalten. Die verschiedenen Möglichkeiten, die das Studium bietet, die verschiedenen Facetten des Berufes, haben sich mir erst später aufgezeigt.Nach Ende des Studiums ist man als Arzt im Krankenhaus weiter in der Ausbildung, erst der Facharzt, dann evt. Zusatzbezeichnungen etc. Für manche mag das belastend und nervig sein, nie wirklich „fertig“ zu werden. Ich finde es aber schön, auch nach Ende des Studiums immer wieder neue Herausforderungen zu haben.Ich finde, Medizin lernt man von seinen älteren Kollegen, und deswegen ist es für mich ein weiteres Ziel, ein guter Lehrer zu werden und eigene Erkenntnisse/Fortschritte weiterzugeben (in den englischsprachigen Ländern ist dies z.T. viel selbstverständlicher als bei uns).
Wie sieht der Alltag als Arzt für Sie heute aus? Was macht Ihnen am meisten Spaß? Was am wenigsten?
Der Kontakt mit den Patient, mit Kollegen und Schwester/Pflegern, ist das, was am meisten Spaß macht. Durch den „Faktor Mensch“ in der Arbeit gibt es immer was neues, jeder Tag ist anders. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, neue Probleme zu lösen, neues zu lernen.
Denervierend ist natürlich der tägliche Papierkram, über den alle schimpfen. Man studiert 6 Jahre, um dann seine Faxe selbst zu schicken, Akten zu bestellen, Befunde abzuheften etc – in wahrscheinlich keinem anderen Beruf wirdjemand so teuer im Studium ausgebildet um z.T. als seine eigene Sekretärin zu arbeiten. Diese Zeit geht einem dann leider für diePatientenarbeit oder einfach nur fürs nachlesen und nachfragen verloren.
Weniger schlimm finde ich die Kostendiskussion und die Maßgaben, zu sparen. Zum einen schadet eine teure Verschwendungsmedizin uns allen, zum anderen kommt es v.a. den jüngeren Patienten entgegen, die nicht 2 Wochen im Krankenhaus bleiben wollen, wenn es auch anders geht (würde ich auch nicht wollen).
Was auch nicht schön ist, ist das Gehalt, das einen erwartet. Nicht nur im AiP, das ja wohl bald fallen wird, auch später wird man wohl nicht mehr so reich werden, wie viele das noch (als falsches Gerücht ?) von früher kennen.
Welche Tipps würden Sie Studenten, die jetzt vor der Entscheidung stehen, Medizin zu studieren, mit auf den Weg geben?
Entsprechend würde ich auch den Tipp geben, Medizin nicht wg. eines vermeintlichen späteren Verdienstes zu studieren. Da gibt es sichere bessere Möglichkeiten. Was die Arbeitszeiten angeht, ist es sicher nicht mehr so anstrengend wie früher, allerdings wir man nie eine 40-Stunden-Woche haben und muss in den allermeisten Fächern auch Nacht/Schichtdienste hinnehmen.
Der Arztberuf ist immer noch ein sehr angesehener Beruf, und es gibt sicher viele Studenten, die in irgendeiner Form den sozialen Aufstieg als vermeintlicher Halbgott in Weiß versuchen, Ich glaube und hoffe allerdings, dass sich die Haltung der Bevölkerung zum Arzt hin langsam ändert. Dass der Patient sein Schicksal nicht mehr in die Hände des Doktors legt und dieser es dann schon richten wird. Ich sehe eine moderne Medizin eher als Beratung an, mit dem Arzt als Experten, der dem Laien Patient erklärt, was ihn in welchem Fall erwartet, ihn über seine Erkrankung aufklärt und versucht, ihn zur Eigeninitiative zu motivieren, ihm aber nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger Rauchen und Trinken verbietet.
Insgesamt glaube ich, dass Medizin ein tolles Studium mit vielen Möglichkeiten ist, und wenn man sich für die Arbeit als Arzt entscheidet, ist es meiner Meinung ein wunderbarer und erfüllender Beruf. Es ist es tatsächlich wert, durchzuhalten, wenn´s zwischendruch (gerade in den vorklinischen Fächern) nicht so läuft!
Vielen Dank für dieses Interview!