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nickl
08.12.2017, 15:38
Hi Briga
deine Erfahrung finde ich heftig und ich bin froh, dass du wieder Fuß gefasst hast und jetzt in der Allgemeinmedizin glücklich bist. Wie lange hast du für die Pharmabranche gearbeitet und warst du davor eigentlich klinisch tätig?

querfeldein
08.12.2017, 16:33
Ja, das stimmt nachdenklich... Danke für dienen Bericht, Briga!

Anne1970
09.12.2017, 15:43
Briga, Danke für den eindrücklichen Bericht!

hebdo
09.12.2017, 20:51
Den Erfahrungsbericht über die freie Wirtschaft kann ich 1:1 bestätigen

Anne1970
10.12.2017, 02:56
Magst das weiter ausführen, hebdo? ( find es wichtig, die „andere Seite“ kennenzulernen: oft scheint mir die Tätigkeit in der freien Wirtschaft hier im Forum gern als Sehnsuchtsort oder „das gelobte Land“ dargestellt zu sein...)

ehem-user-31012019-1024
10.12.2017, 04:13
Naturwissenschaftlicher Fachkräftemangel? :-keule
Wenn ich schon so etwas lese kriege ich das kalte Kotzen!

Wer für die Industrie verbrannt wird, der ist mMn selbst Schuld. Friede, Freude, Eierkuchen gibt es hier gewiss nicht. Das sollte aber eigentlich klar sein.

Und natürlich ist die Pharmaindustrie kein Sehnsuchtort. Das behaupten nur die, die von dem Begriff "Pharmaindustrie" unglaublich fasziniert sind.

flopipop
10.12.2017, 12:15
Das meine Freunde und damaligen Kommilitonnen nach ihrem Facharzt an einem vorbeigezogen sind, ihre eigenen Praxen eröffnet haben, bei weitem mehr verdienen und selbstbestimmter sind etc. hat die Medizinischen Direktoren in den Abteilungen nicht interessiert.

das ist genau der punkt, der gegen ein angestelltenverhältnis grundsätzlich - also nicht nur in der pharmaindustrie, sondern auch in einer praxis - spricht. Sobald man aufhört, sich weiterzuentwickeln, rudert man zurück und wird von kollegen, die neben der maloche auch mal links und rechts schauen, kontakte knüpfen etc, überholt.
man ist dann auf die gute oder auch schlechte laune eines chefs (und seine persönlichkeit), der die wirtschaftliche verantwortung für einen trägt, angewiesen - für viele ein hoher preis für "ruhiges leben". alles hat vor - und nachteile.

Briga
10.12.2017, 12:39
Hallo nochmal zusammen,

um auf die Fragen einzugehen, ich war vorher ca. ein 3/4 in der Klinik bis ich in die Pharma gewechselt bin. Ingesamt 9 Jahre Pharma-Erfahrung.
Man muss sich einfach klar sein, dass wenn man in die Pharma geht, der Weg zurück in die Klinik oder Praxis je länger man dort ist immer schwerer wird und auch wenn man sich "entwickeln" möchte nur die Führungsposition der einzige Weg ist um nicht auf der Strecke zu bleiben (wofür fast ausschließlich der FA-Titel notwendig ist, wobei es auch Ausnahmen gibt). Sobald man in einer leitenden Position ist, ist man häufig bis eigentlich stets auf Reisen, unterwegs und das Büro im Office stets leer (insbesondere durch die fortschreitende Globalisierung weiter stark zunehmend) und wie gesagt immer "in angestellter Position". Auch die Umstrukturierungen innerhalb der Industrie und Konzerne werden immer häufiger (subjektiver Eindruck) zu Lasten der Mitarbeiter (mit Entlassungen trotz unbefristeten Arbeitsvertrages) und man muss sich stets neu orientieren. Meine klare Empfehlung, quält euch durch die Facharztzeit, danach hat man bei weitem mehr Optionen als in einer Karriere in der Pharma.

nickl
10.12.2017, 14:21
Danke für deinen Erfahrungsbericht. Es gab ja auch positive Stimmen in diesem Forum zur Pharmaindustrie (Bier, Thelma und noch jemanden), aber die habe ich nicht mehr erreicht per PN. Persönlich kenne ich drei Leute, die bei einem großen Pharamakonzern arbeiten. Einer war immer der Forscher und wollte nichts anderes machen und der andere hat nach 15 Jahren in der Klinik als Assistenzarzt angefangen (ich war seine PJlerin) und die dritte hatte nach dem PJ einen schweren Unfall und es war unklar mit welchen Folgeschäden das endet, sodass sie erstmal Prüfungs-Protokolle geschrieben hat. Heute leitet sie GCP Kurse und ist auch als Beraterin für Studienzentren (Unis, Pharma) selbstständig tätig.
Pauschal lässt es sich, glaube ich nicht sagen, dass der Weg in die Klinik dann unmöglich ist. An meiner Stelle gefällt mir eben sehr gut, dass ich immer noch viel Patientenkontakt habe und auch nicht abhängig bin von einem Produkt, sondern Dienstleister für viele Pharmaunternehmen. Ich muss einen Patienten nicht beschwatzen an einer Studie teilzunehmen und kriege auch keinen Druck von oben mehr Zahlen zu bringen. Ich fand es in der Klinik damals viel unehrlicher. Ich musste hochpalliative Patienten stationär aufnehmen, weil wir es nciht ambulant abrechnen konnten. Da hatte ich oft Gewissenskonflikte und habe die Patienten dann an andere Einrichtungen verwiesen. Weder sie noch ich wollten, dass sie ihre letzte Zeit im Krankenhaus verbringen. Ebenfalls bekam ich Druck bezüglich der wöchentlichen Anzahl an Entlassungen. Das hatte für mich am Ende nichts mehr mit Medizin zu tun...:-(
Auch eine Selbständigkeit erscheint mir im Anbetracht der politischen Lage irgendwie nicht erstrebenswert. Vielleicht sehe ich das auch zu schwarz, keine Ahnung. In Zukunft würde ich aber gerne den Facharzt für klinische Pharmakologie machen.
Vielen Dank für eure auch kritischen Stimmen! Ich freue mich auf weiteren Imput!

@Briga: Darf man fragen für wen du gearbeitet hast? Großer bekannter Konzern? Gerne auch per PN.

SineNomine
10.12.2017, 14:36
Man muss sich einfach klar sein, dass wenn man in die Pharma geht, der Weg zurück in die Klinik oder Praxis je länger man dort ist immer schwerer wird

Das ist ja das Drama. Angeblicher Ärztemangel, aber weder will man die Arbeitsbedingungen verbessern noch Leute wieder einarbeiten, die ne Weile draußen waren. Dafür werden dann äthiopische Ärzte importiert. Die sind dann ganz bestimmt besser mit unserem Gesundheitssystem vertraut ...

Briga
10.12.2017, 16:24
Ich bin mir nicht sicher, öffentlich Namen meiner früheren AG nennen machen ich ungern, ich kann nur soviel sagen es ein einmal ein US Unternehmen war, beginnend mit dem Buchstaben A und das andere asiatischen Ursprungs.
Es spielt eigentlich auch weniger eine Rolle, ich wünsche jedem dass er glücklich wird in seinem Beruf, aber man sollte auch nicht blauäugig in die pharmazeutische Industrie wechseln und sich Gedanken machen-wo möchte ich hin und möchte ich das auch in 20 Jahren sein und machen. Der Druck, je höher man sich befindet, wird immens, oft stehen Investorenentscheidungen dahinter etc. und familienfreundlich ist es sobald man sich in Leitungsfunktion befindet auch nicht durch die vielen Dienstreisen, gleichzeitig sollte man innerhalb der ersten 5-10 Jahre schon hochgearbeitet haben und nicht auf der Position verweilen in der man eingestiegen ist, sonst droht man in einer Sackgasse zu landen. Gerade junge Familien kommen hier ins straucheln. Es ist halt nicht die Klinik, wo man automatisch in die nächste Tarifstufe rutscht und nach ca. 5-6 Jahren sein FA hat. Positive Erfahrungsberichte, ohne irgendjemanden nahetreten zu wollen-wirklich- von TEs die erst seit 1-2 Jahren dabei sind, würde ich mit Vorsicht betrachten, am anfang hat man noch ein wenig die rosarote Brille auf. Nichtsdestotrotz finde ich es sehr gut, wenn sich viele wie hier wie nickl von vornerein Informationen reinholen, denn das hatte ich damals nicht gemacht und habe mich von den vielen Möglichkeiten die die Pharma einem erstmal geboten hat blenden lassen und außer acht gelassen, wie es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht, wenn man ständig unterwegs ist.
Ein Punkt bzgl. Selbstständigkeit noch, da das Argument zwecks politischer Lage kam, in der Industrie zu arbeiten, die von der Wirtschaft abhängt und dort angestellt zu sein ist in meinen Augen meist riskanter als sich eine eigene Praxis aufgebaut zu haben. 2008 und 2009 kam es zu Massentlassungen u.a. durch Fusionen und aufgrund der Finanzkrise, Freunde die bereits ihre Praxen hatten, hatten von der Krise kaum bis gar nichts gespürt.