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Die Chirurgie wird weiblich(er)

Wir brauchen innovative Arbeitszeitmodelle

Prof. Dr. med. Katja Schlosser

Der Frauenanteil unter den Medizinstudierenden steigt kontinuierlich: Über 60 Prozent der Absolventen sind bereits weiblich. Dieser Trend wird sich auch immer stärker in den chirurgischen Abteilungen und Praxen bemerkbar machen.

Die Ansprüche an berufliche Rahmenbedingungen verändern sich durch diese Entwicklung, denn Ausbildungseinschränkungen durch Schwangerschaft und Mutterschutz betreffen genau diese Mehrzahl an weiblichen Absolventen – ein starkes Argument, warum wir uns mit neuen Arbeitszeitmodellen beschäftigen müssen. Wir Chirurgen können es uns angesichts des drohenden Fachkräftemangels nicht mehr leisten, auf diese Kolleginnen zu verzichten. Beendeten bislang viele Frauen ihre Karrieren früh, müssen wir innovative Arbeitszeitmodelle entwickeln, die ihnen eine befriedigende Vereinbarkeit von Familie und Karriere ermöglichen, um sie zu halten. Familienfreundlichkeit wird für viele potenzielle Bewerber den Ausschlag geben, welche Arbeitsstelle sie antreten. Konkret bedeutet das: Weiterbildung und das Erreichen von Führungspositionen müssen auch ohne Dauerkampf und Familien- oder Freizeitverzicht möglich sein.

Das klingt für viele immer noch gewöhnungsbedürftig. Doch es kann funktionieren, in jeder Klinik und in fast jeder Position, wenn Koordination, Flexibilität und Innovationswille auf allen Seiten vorhanden sind. Dennoch hat die Vereinbarkeit von Karriere und Teilzeit bei aller Euphorie auch Grenzen. Den Anwärtern auf eine Teilzeitstelle muss klar sein, dass die Karriere langsamer vorangeht. Wer ein Fünftel weniger arbeitet, der braucht auch – grob gesagt – ein Fünftel mehr Zeit bis zum nächsten Karriereschritt. Selbst wenn auch Führungspositionen mit einer Teilzeitstelle realisierbar erscheinen, ist Verantwortung nur bedingt teilbar. Gerade an der Spitze ist Konstanz wichtig für das gesamte Team und kann in geteilter Verantwortung nur gelingen, wenn alle Beteiligten gut miteinander kommunizieren und kooperieren. Dem Arbeitgeber wie dem direkten Vorgesetzten muss klar sein, dass Teilzeitmitarbeiter auf keinen Fall nur 80 Prozent verdienen und am Ende doch Vollzeit arbeiten wollen.

Nicht in jeder Klinik wird man auf der Suche nach einem innovativen Arbeitszeitmodell fündig werden. Problematisch ist noch, dass die heutige Generation der Führungskräfte noch immer fast ausschließlich männlich ist und dem Beruf oft die absolute Priorität eingeräumt hat. Viele haben ihr Privatleben vernachlässigt und manche schon den Punkt erreicht, an dem sie lieber in der Klinik sind als zuhause. Äußern nun jüngere (auch männliche) Kollegen den Wunsch nach Teilzeit, wird diesem oft mit Unverständnis, vielleicht auch mit verstecktem Neid begegnet. Mit diesem Wunsch werden die Lebensentwürfe vieler Vorgesetzter erschüttert: Wenn es eine Alternative zur Dauerpräsenz in der Klinik gibt, dann war vielleicht nicht allein die Karriere daran schuld, dass man die eigenen Kinder so wenig gesehen und die Partnerschaft so wenig gepflegt hat.

Innovative Arbeitsmodelle sind nicht nur für die Stelleninhaber von Vorteil: Eine höhere Anzahl an Teilzeitkräften bedeutet, dass sich die Dienstbelastung auf mehr Köpfe verteilen kann, was zur Zufriedenheit der Mitarbeiter wesentlich beitragen und dem Arbeitgeber eine höhere Flexibilität im Urlaubs- und Krankheitsfall ermöglicht.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, denen von ihren Vorgesetzten ein innovatives Arbeitszeitmodell mit einer optimierten Vereinbarkeit von Familie und Karriere ermöglicht wird, sind möglicherweise sogar weitaus motivierter, das Zeitfenster der Arbeit sinnvoll und effektiv zu nutzen als der Durchschnitt. Eine individuelle Absprache der Arbeitszeiten führt zu einer höheren Bindung an den Arbeitgeber, ein Gefühl der persönlichen Verpflichtung und sich für die Einräumung eines gewissen „Sonderstatus“ zu revanchieren.

Nicht nur Teilzeitmodelle sind innovativ. Auch eine Arbeit, die anteilig als Home-Office ausgeführt wird, eine mit einem höheren Anteil an Urlaubstagen oder auch ein flexibleres Arbeitszeitmodell in einer chirurgischen Praxis kann Teil eines innovativen Arbeitskonzeptes sein. Eine Karriere in der Chirurgie mit Familie ist möglich und sollte kein Ausschlusskriterium für ein erfülltes Privatleben sein. Das dieser Beruf nicht mit einer Arbeit in einem Büro mit Aktenordnern vergleichbar ist und man die zur Verfügung stehende Zeit optimal nutzen muss, um das Maximum herauszuholen sind keine Neuigkeiten. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und nie waren die Zeiten für die ArbeitnehmerInnen besser als jetzt, innovative Arbeitsmodelle zu verhandeln und mitzugestalten.

Weitere Infos speziell für Chirurginnen und solche, die es werden möchten, findet Ihr unter:
http://www.bdc.de/wissen/karriere/chirurginnen