Chile: seit langer Zeit mein Traumland. Es erstreckt sich über gigantische 39 Breitengerade und umfasst nahezu sämtliche Vegetationszonen der Erde: Feuchtkühle bis gemäßigte Zonen im großen Süden, eine mediterrane Mitte und die trockenste Wüste der Welt, die Atacama im Norden. Eingebettet zwischen den Anden und ihren Hochebenen im Osten und dem pazifischen Ozean im Westen, fühlt es sich fast, an als sei man weit abseits vom Rest der Welt. Die ländlichen Gegenden im Norden und Süden stehen im eklatanten Gegensatz zur urbanisierten „Región Metropolitana“ um die Hauptstadt Santiago, mit ihren knapp sechs Millionen Einwohnern. Wie sieht medizinische Versorgung aus in einem Land, das solche Gegensätze in Klima, Lebensart und Lebensstandart und Kultur aufweist?
Private Häuser geeigneter
Ich schickte meine Famulatur-Bewerbung an die Clínica Alemana in Santiago. Da mein Spanisch alles andere als fließend war, konnte ich hier sicher sein, auf englisch- bzw. deutschsprachige Ärzte zu treffen. Im Allgemeinen sind hierfür die privaten Clínicas in Chile besser geeignet als die öffentlichen Krankenhäuser. Nichtsdestoweniger meldete ich mich für einen Spanischkurs an; Spanisch ist und bleibt Amtssprache in Chile, und auch auf der Straße kommt man mit Englisch nicht allzu weit. Drei wichtige Versicherungen benötigt man für eine Auslandsfamulatur: Eine Auslandskrankenversicherung, eine Unfallversicherung für die Zeit der Famulatur (z.B. bei Nadelstichverletzungen) und eine Berufshaftpflicht. Es lohnt sich, die Seiten der Deutschen Ärzte Finanz aufzurufen. Dort werden komplette Versicherungspakete für Auslandsfamulaturen angeboten, man kann aber auch aus den einzelnen Versicherungen auswählen. Als Mitglied des Hartmannbunds oder im Marburger Bund verfügt man als Medizinstudent bereits über eine Berufshaftpflichtversicherung im Ausland. Auch der Bund hilft weiter, mit einer Zahlung im Rahmen des Bildungskredites (Infos unter www.bildungskredit.de).
Intensivkurs empfehlenswert
Die Clínica Alemana vermittelt günstige Unterkünfte in Gastfamilien, Pensionen oder WGs im näheren Umkreis in Kooperation mit der Webseite www.contactchile. de. Die Preise variieren zwischen 200 Euro und 400 Euro im Monat, meist ist das komplette Essen im Preis inklusive. Zwei Wochen vor meiner Famulatur besuchte ich einen Intensiv-Sprachkurs in Santiago, was ich jedem empfehlen kann, der nicht bereits fließend Spanisch spricht. Denn um die Chilenen zu verstehen, braucht es einiges an Übung und ein gutes Ohr. Hier wird Spanisch in einem rasanten Tempo gesprochen. Und auch viele umgangssprachliche Wörter machen das Verständnis anfangs nicht gerade leicht. Die Clínica Alemana ist eine gigantische „Gesundheitsfabrik“. Sie übersteigt alles was man in Deutschland unter einem „großen Krankenhaus“ versteht. Sämtliche Bereiche der Medizin sind hier vertreten. Da es eine private Klinik ist, wurde auch am Ambiente in keiner Weise gespart. Für Studenten wie mich gibt es kostenloses Mittagessen in einer sehr guten Kantine. Das einzige, was man selbst mitbringen sollte, ist ein weißer Kittel.
Prozess-Einblicke
Während meiner Zeit in der Strahlentherapie erhielt ich Einblicke in den gesamten Prozess: Einleitendes Patientengespräch, die Schritte im Strahlensimulator und CT, die Planungsschritte in der Dosimetrie, die Betreuung der Patienten während ihrer Behandlung, ihre psychologische Betreuung sowie die Behandlung ihrer Nebenwirkungen. Des Weiteren nahmen sich auch die Physiker und Techniker die Zeit, mir ihre „Máquina“ (Gerätschaft) zu erklären. Die kollegiale Atmosphäre in der Strahlentherapie ist sehr angenehm und herzlich. Auch die Arzt-Patient-Beziehung ist wesentlich wärmer und persönlicher, als man es von deutschen Kliniken gewohnt ist.
Theorielastig
Ich fand die „Consultas“ am spannendsten, die Sprechstunde für diejenigen Patienten, die sich in einer laufenden Behandlung befanden. Hier war immer genügend Zeit, um auf die Krankengeschichte der Patienten einzugehen, auf die individuelle Planung der Behandlung und deren wahrscheinlichen Erfolg. Insgesamt ist die Arbeit in einer privaten Klinik sehr theoretisch. Wer es lieber etwas praktischer mag, sollte für eine Famulatur ein öffentliches Hospital aussuchen, wo natürlich auch wiederum wesentlich bessere Sprachkenntnisse erforderlich sind. Viele Ärzte der Clínica arbeiten zusätzlich in Teilzeit in einem öffentlichen Hospital, und ich hatte das Glück, dass mich einer der Ärzte der Strahlentherapie dorthin mitnahm. Man sollte sich auf eine vollkommen andere Welt vorbereiten: Patientenzimmer mit bis zu 15 Personen und ein auf den ersten Blick alles andere als modernes Gebäude waren meine ersten Eindrücke. In der Sprechstundenhilfe von Dr. Harbst, einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, galt es beispielsweise innerhalb von vier Stunden 20 Patienten zu behandeln. Alle waren inmitten ihrer strahlentherapeutischen Behandlung und oft in keinem allzu guten Zustand – ganz im Gegensatz zu denjenigen Patienten, deren private Krankenversicherung auch die Vorsorgeuntersuchungen abdeckt. Doch auch im öffentlichen Sektor steht eine hoch technisierte Medizin wie die Strahlentherapie allen Bürgern Chiles offen, was bei weitem nicht in allen südamerikanischen Ländern der Fall ist.
Gelassen und organisiert
Santiago bietet neben Kultur und Shopping viele Möglichkeiten für Sport und Outdoor-Aktivitäten. Das Leben in Santiago und auch im übrigen Land ist eine wundervolle Mixtur aus südamerikanischer Gelassenheit und europäischer Organisation. Viele Dinge erscheinen auf den ersten Blick fremd – und dann auch wieder nicht. In jedem Falle werde ich mich bemühen, für einen Teil meines PJs wieder nach Chile zurückzukommen!