teaser bild

Benutzername:

Passwort:

Jetzt registrieren

Passwort futsch!?

;-)

Ein PJ-Erfahrungsbericht aus Tromsø, Norwegen

Auswandern? Abgesagt!

Annerose Müller

 

Da ich schon öfter in Norwegen gewesen bin und die Landessprache auch problemlos beherrsche, war es für mich
selbstverständlich, ein Tertial meines PJ in diesem wunderschönen Land zu absolvieren. Diesmal wollte ich Nord-Norwegen bereisen. Da die Arbeit an einem Uni-Krankenhaus
für die Anerkennung beim Landesprüfungsamt einfacher ist, war die Ortswahl einfach : in Tromsø befi ndet sich das einzige entsprechende Haus in Nord-Norwegen.

Norwegisch ist Pflicht

Auf der Internetseite des Krankenhauses (www.unn.no) machte ich mich mit den Fachbereichen und der Ausstattung des Hauses vertraut. Nachdem alles den Anforderungen meiner Universität entsprach, suchte ich auf der Seite der Universität (www.uit.no) nach der Kontaktperson für ausländische Studierende an der medizinischen Fakultät. Neun Monate vor dem Tertial schrieb ich meiner dortigen Kontaktperson eine Mail. Eine Zusage erhielt ich erst nach zwei Monaten, wobei ausschlaggebend war, dass ich Norwegisch spreche. Zwar sprechen alle Norweger sehr gutes Englisch, für die Arbeit im Krankenhaus wird aber erwartet, dass man die Landessprache beherrscht.


Gastrokirurgi!

Mein Praktikum bestand aus meinem Chirurgie- Tertial, das ich am Universitätsklinikum in Tromsø absolvierte. Die ersten acht Wochen befand ich mich in der Allgemeinchirurgie (Gastrokirurgi) und danach vier Wochen in der Orthopädie, da es so etwas wie Unfallchirurgie dort nicht gab. Für die letzten vier Wochen wählte ich die Plastische und Handchirurgie. Leider muss ich sagen, dass ich sehr enttäuscht wurde, da ich in dieser Zeit wenig Fachliches gelernt habe und noch weniger selbst machen durfte.

Erklärt wurde mir fast nie etwas, oft wurde ich einfach ignoriert. Ich konnte bei der Visite mitgehen, ohne dass irgendwer mich auch nur angesehen hätte. Wenn man intensiv nachfragt, wird manchmal auch etwas erzählt und die meisten sind dann auch freundlich. Aber selbst tätig sein, durfte ich trotzdem nicht. Nach deutschen Verhältnissen würde ich das Krankenhaus als überbesetzt bezeichnen, da es meiner Ansicht nach sehr viele Ärzte und Pfl egepersonal beschäftigt. In der Orthopädie habe ich einmal versucht zu zählen und kam auf elf Oberärzte, fünf Assistenzärzte und drei Turnusärzte (entsprechend unseren früheren AiP-lern), die eine Station mit 15 Betten betreuten.

Wenig Praxis-Einsatz Bei Operationen konnte ich nur selten assistieren, da meist zwei bis drei Ärzte sich schon die Arbeit teilten. Zusehen durfte ich natürlich immer. Da es keinen Vorbereitungsraum vor den Sälen gibt, dauert es auch immer mindestens eine Stunde zwischen zwei Operationen, da die Patienten Ein PJ-Erfahrungsbericht aus Tromsø, Norwegen von Annerose Müller im Saal ein- und ausgeleitet werden müssen und zwischendurch auch noch geputzt werden muss. In dieser Zeit gingen die meisten Chirurgen einfach Kaffee trinken oder diktierten Briefe. Das normale Programm beginnt ungefähr um 9 Uhr und geht selten länger als bis 14 Uhr, so dass immer nur zwei bis drei Eingriffe pro Tag stattfinden.

In der Poliklinik war es ähnlich ruhig. Meist hatte man 30 bis 45 Minuten für jeden Patienten und da eine durchschnittliche Konsultation 15 Minuten dauerte, konnte man so immer gleich den Bericht diktieren und noch etwas Kaffee trinken. Generell war ich erstaunt, wie viel Kaffee die Menschen hier konsumierten. In der Poliklinik durfte ich, wenn der Patient es gestattete, auch dabei sein. So konnte ich diverse Eingriffe beobachten, zum Beispiel Rektoskopien mit Hämorrhoiden-Entfernungen in der Allgemeinchirurgie und Gelenkuntersuchungen und -injektionen, sowie das Anlegen von Gipsen in der Orthopädie. In der plastischen Chirurgie praktiziert man in Tromsø vorrangig Dinge wie Verbandswechsel und Wundversorgung, aber auch kleine kosmetische Operationen fi nden statt. Zusätzlich war hier die Handchirurgie integriert, so dass diverse Fingeroperationen durchgeführt und versorgt wurden.


 

Personalmangel?

Auf den jeweiligen Stationen durfte ich auch alles tun, was ich wollte, man hat mir aber nie etwas direkt aufgetragen und von mir nichts erwartet. Blutentnahmen und ähnliches wurden von den Schwestern und MTAs erledigt, so dass Medizinstudenten auf diesem Gebiet nicht tätig waren. Ich durfte ganz normal Patienten untersuchen und aufnehmen, nur leider hat mir dazu nie jemand etwas erklärt oder ist mit mir meinen Bericht zur Kontrolle durchgegangen, auch wenn ich mehrfach nachfragte. Die Ärzte meinten oft, sie hätten so viel zu tun und es würde an Personal mangeln. Aber für mich, die ich die deutschen Verhältnisse gewohnt bin, war das nicht nachvollziehbar.

Dieses System, mit den für mich vielen Pausen und dem frühen Feierabend, führt dazu, dass Patienten Monate bis Jahre auf ihren Termin oder ihre Operation warten, was auch gesundheitliche Konsequenzen haben kann. Zum Beispiel gab es einen Patienten, der ein Magen-Karzinom hatte, das im März diagnostiziert worden war. Er erhielt da zwar die Indikation zu einer Operation, musste aber sechs Monate warten. Im September, als ich dort auf Station war, kam er wieder. Da wurde dann festgestellt, dass das Geschwür gewachsen war und die Wand infi ltriert hatte.
 

Hier Patient sein? Niemals!

Ein anderer Patient, mit einem deutlich weniger tragischen, aber trotzdem interessanten Schicksal, litt darunter, dass nach einem Autounfall mit offenem Bruch im Ellenbogenbereich diverse Splitter hinterblieben waren. Es beeinträchtigte sein Leben nicht sehr, aber er hatte Schmerzen, wenn er den Arm aufl egte oder sich gar auf den Ellenbogen stützte. Da er damit aber doch normal arbeiten konnte, kam er auf die längere Warteliste. Er sagte mir, er habe fünf Jahre auf einen Termin in der orthopädischen Poliklinik gewartet. Nun kam er erneut auf die Warteliste für einen kleinen operativen Eingriff, da die Splitter sehr oberfl ächlich waren. Bis dahin sollte es jetzt aber noch ungefähr ein weiteres halbes Jahr dauern. Ich war sehr schockiert von den Verhältnissen und möchte dort selbst nie Patient sein, auch wenn man als Arzt wohl ein angenehmes Leben führen kann. Ich führte kurzerhand einen Studientag für mich selbst ein, um wenigstens etwas zu lernen und in Ruhe zu Hause viel nachzulesen.
 

Rausgeflogen

„Das ist ein norwegisches Krankenhaus für norwegische Studenten!“ Mit diesen Worten verwies mich ein Oberarzt der Orthopädie einmal aus der Poliklinik. Und das, obwohl er mich nicht kannte und ich bei einem anderen Arzt im Untersuchungszimmer war! Das und ähnliche Vorfälle demotivierten mich doch sehr und sorgten dafür, dass ich mich im Krankenhaus zunehmend unwohl fühlte. Beim Koordinator für norwegische Studenten an der Universität lernte ich dann, dass das alles so seine Richtigkeit hat und dass norwegische Studenten generell bevorzugt werden. Austauschstudenten stehe nicht das gleiche Recht auf Ausbildung zu. Sie werden erst unterrichtet, wenn zusätzliche Kapazitäten bestehen.
 

Auswandern: Abgesagt!

Tromsø ist eine sehr interessante Stadt in einer wundervollen Umgebung. Eine Reise lohnt sich für jeden, der Fels und Wasser mag. Wenn man in seinem Praktischen Jahr etwas mehr von der Natur sehen und entspannt leben will, empfi ehlt sich dieser Ort sehr. Ich allerdings bin sehr enttäuscht. Denn ich wollte zwar viel sehen, aber auch viel lernen und hatte nicht erwartet, dass einige norwegische Mediziner so unhöfl ich sein würden. Der Lerneffekt war sehr gering. Wie mir allerdings von anderen Studenten und Ärzten vor Ort bestätigt wurde, soll die Ausbildung in anderen Häusern in Nord-Norwegen besser sein. Nach Norwegen auswandern will ich nun jedenfalls nicht mehr: Ich habe gelernt, dass die deutschen Verhältnisse vielleicht doch nicht die schlechtesten sind.

Für reiselustige PJ-Anwärter, die mehr über Tromsø wissen wollen: Im digitalen Nachschlag gibt es den zweiten Teil mit Infos und praktischen Tipps für das Leben in der nördlichsten Unistadt der Welt!

Surftipp

Links zum Artikel