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Eine Famulatur auf der MS Marco Polo

Arzt an Bord!

Isabel Haberer

 

Schon bei der Ankunft in Warnemünde war die MS Marco Polo kaum zu übersehen. Sie lag mit einem weiteren Kreuzfahrtschiff im kleinen Hafen und erwartete ihre Gäste. Ich bekam gleich am Gate meine Boarding-Card, wurde durch den ukrainischen Security Officer einem kurzen Sicherheitscheck unterzogen und erhielt eine Wegbeschreibung zum Medical Center.
Unterwegs in den schmalen Gängen wurde ich glücklicherweise schon von einer weiß gekleideten Person mit Funker in der Hand abgefangen: „Isabel, richtig? Schön, dass du schon da bist!“ Der Pfl eger Patrick begleitete mich und mein großzügiges Gepäck für vier Wochen durch den rumpelndenBauch der Marco Polo. Er berichtete mir, dass unser Schiffsarzt, Dr. Schöll, auch gerade erst eingetroffen sei. Von Haus aus Allgemeinmediziner in Stuttgart, sollte er auf dieser Reise nun auch zum ersten Mal als Schiffsarzt aktiv werden.

Eigene Außenkabine

Ich bezog meine recht großzügige Kabine, die ich alleine bewohnen durfte. Dies ist für Bordpersonal bei weitem keine Selbstverständlichkeit: Viele Mitarbeiter mussten sich zu viert oder gar zu sechst in einer Kabine stapeln. Somit konnte ich mich über meine Außenkabine, mit großem Bad und einem Kleiderschrank, der größer ist als mein eigener, wirklich nicht beschweren. Die Marco Polo ist ein Kreuzfahrtschiff der etwas älteren Generation. Ihre Jungfernfahrt trat sie bereits in den sechziger Jahren an. Im April 2008 wurde der Cruise- Liner schließlich von Transocean-Tours übernommen, wieder fl ott gemacht und durchlebt nun in gewisser Weise seinen zweiten Frühling. Etwa 800 Passagiere haben auf der Marco Polo Platz, hinzu kommen rund 350 Mitarbeiter. Das Schiff besitzt zwei Restaurants und fünf Bars. Alle Mahlzeiten sowie die meisten Getränke sind für mich als Crewmitglied frei. Nur Cocktails und Weine an der Bar müssen selbst bezahlt werden. Ich durfte mich auf dem Schiff wie ein Passagier frei bewegen und auch Einrichtungen wie Fittness-Center und Bibliothek benutzen. Patrick gab mir gleich ein Funkgerät, sodass ich immer erreichbar war, wenn das Medical-Team zum Einsatz kommen musste. Die regulären Öffnungszeiten des Schiffshospitals waren jeweils morgens und abends. Die Zeiten waren immer etwas unterschiedlich und richteten sich nach den Anlegezeiten in den Häfen.

Gleich am ersten Abend, noch vor dem Ablegen aus dem Warnemünder Hafen, waren wir als Medical-Team schon außerplanmäßig gefordert: Der Zustand einer Passagierin mit Pankreaskarzinom verschlechterte sich zunehmend, sodass Dr. Schöll die Entscheidung traf, sie auszuschiffen und in eine Klinik zu bringen. Das Board-Hospital ist nicht für die Versorgung schwer kranker Patienten ausgerichtet, sondern eher mit einer durchschnittlichen Allgemeinarztpraxis vergleichbar. Patienten, die intensivmedizinisch betreut oder zügig operiert werden müssen, werden deshalb schnellstmöglich in ein nahe liegendes Krankenhaus gebracht. Nach diesen ersten Turbulenzen konnte unsere Reise nun endlich beginnen!
 

Zusatzjob: Lollipop

Wir steuerten zunächst das Baltikum an. Das erste Ziel war die Estnische Hauptstadt Tallin. Nach Absprache mit Patrick oder Dr. Schöll konnte ich jederzeit von Board gehen und das raue Baltikum auf mich wirken lassen. Es bestand jedoch auch die Möglichkeit, sich einer Reisegruppe der Marco Polo anzuschließen und als „Lollipop“ darauf zu achten, dass keiner der Passagiere auf der Erkundungstour verloren geht. Das Excursion- Team war für diese zusätzliche Unterstützung immer sehr dankbar, und ich profi tierte von den Infos der erfahrenen Reiseleitung.

Nicht immer jedoch ist Landgang drin: Jede Woche nämlich findet auf der Marco Polo ein Safety Drill für die Crew statt. Dabei werden Notsituationen simuliert, beispielsweise ein Brand oder eine Überschwemmung auf dem Schiff, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Die Passagiere sind dabei in der Regel an Land und bekommen von den Crew Drills wenig mit.

Mit Vomex bewaffnet

Nachdem wir Tallin hinter uns gelassen hatten, durchquerte die Marco Polo die Ostsee und nahm Kurs auf St. Petersburg, Helsinki, Stockholm und zuletzt Kopenhagen. Die Gäste dieser ersten Reise waren hauptsächlich englischsprachig, was mir die Gelegenheit gab, auch mein Medical English etwas aufzupolieren.

Auf der Rückreise nach London – dort hatte die Tour begonnen – musste im Nord-Ostsee-Kanal eine weitere Patientin ausgeschifft werden. Sie hatte sich nach einem Sturz an der Außenrailing eine suprakondyläre Humerusfraktur zugezogen und musste nun in ein Krankenhaus gebracht werden. Nach der Durchquerung des Kanals folgte der erste Tag auf der rauen Nordsee, und mit ihm die ersten Fälle von Seekrankheit, von der wir in der ruhigen Ostsee bisher weitestgehend verschont geblieben waren. Wir bewaffneten uns mit Vomex- Kurzinfusionen und schritten zur Tat: Der Weg durch die engen Gänge und Aufzüge – hier brachten Crewmitglieder in weiser Voraussicht Spucktüten entlang der Handläufe an – wurde mit einem Arm voll Infusionsmaterial zum Hürdenlauf! In den folgenden Tagen gewöhnten sich jedoch auch die anfälligen Passagiere an den Seegang und der Bedarf an Vomex oder MCP sank erheblich.
 

Breites Erkrankungsspektrum

In London nahm die Marco Polo neue Passagiere für die nächste Reise auf. Im Verlauf der nächsten Wochen auf dem Schiff, in denen wir Irland, Schottland, England, Norwegen und Dänemark umschifften, mussten wir uns mit einem breiten Erkrankungsspektrum auseinandersetzen: Von Dermatitis Solaris, hypertensiver Entgleisung und Harnverhalt über Menstruationsbeschwerden, allergische Reaktionen, Angina Pectoris bis zu vaginalen Blutungen in der Schwangerschaft war fast jede medizinische Fachrichtung gefragt.

Zur Durchführung eines Heimlich-Manövers waren wir gezwungen als sich ein Passagier beim Captains-Dinner an einer Garnele verschluckte. Auch die Oberst-Leitungsanästhesie lernte ich zu Genüge kennen, da wir eine Vielzahl eingewachsener Zehennägel zu behandeln hatten. Kaum ein Tag verging ohne den obligatorischen eingewachsenen Zehennagel, sei es bei Passagier oder bei einem Crew-Member. Die reinste Seuche auf dem Schiff!
 

Auf die Sinne angewiesen

Mein Aufenthalt auf der Marco Polo endete nach viereinhalb Wochen in Kiel. Ich verabschiedete mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Weinend, weil die gesamte Crew auf dem Schiff einfach toll war und man sehr nett und herzlich aufgenommen wurde. Zudem lernte ich vor allem, was Untersuchungstechniken in der Medizin betrifft, sehr viel. Umso mehr, als an Bord nur eine begrenzte medizintechnische Ausstattung vorhanden ist und man in der Diagnosestellung somit auf seine Sinne und die Anamnese angewiesen ist. Und lachenden Auges, weil man sich nach fast fünf Wochen auf See darauf freut, in einem Bett auf festem Boden zu schlafen und wieder ein bisschen mehr Unabhängigkeit zu haben.

Ich kann eine Famulatur auf dem Schiff jedem nur empfehlen! Es war eine atemberaubende Erfahrung die ich keinesfalls missen möchte! 

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