PJ in Toronto, Kanada
Einmal hohes Ansehen genießen
Alexander Schmitt
Ein anderes Land und sein Gesundheitssystem kennen lernen? Ja. Das im Laufe der letzten Jahre verkümmerte Englisch wieder auf Vordermann bringen? Ja. Wohin aber gehen? England? Die Lehre dort soll eher stiefmütterlich behandelt werden, vom Essen ganz zu schweigen. USA? Ziemlich kompliziertes Bewerbungsverfahren und oft hohe Gebühren. Australien? Auch hohe Gebühren. Kanada? Einfache Bewerbung, niedrige Studiengebühren und die Lehre gilt als gut. Also Kanada.
Ich bewarb ich mich 12 Monate vor meinem Wunschtermin für zwei Monate Chirurgie in Toronto. Das ging in der Tat relativ einfach vonstatten. Formulare ausfüllen und eine Bewerbungsgebühr in Höhe von 100 kanadischen Dollar (rund 64 Euro) zahlen. Mittlerweile bleibt einem sogar der Postweg erspart, alles geschieht online. Insgesamt sind für acht Wochen 440 CAD Studiengebühren zu zahlen. Nach wenigen Wochen bekam ich einen Brief mit der Zusage für die orthopädische Chirurgie im Holland Hospital in Toronto.
Vollwertig
Zuerst musste ich zum Sekretariat für Ausländische Studenten in die Medical School. Dort meldet man sich an, bezahlt eine Gebühr (etwa 70 CAD) für die dortige Krankenversicherung und bekommt gezeigt, wo man sich im Krankenhaus melden soll. Dort angekommen, begrüßte mich eine überaus freundliche Klinikmitarbeiterin und stellte mich meinem Supervisor (einem betreuenden Oberarzt) vor. Überhaupt: Alle Angestellten waren freundlich zu mir und auch untereinander. Aus Deutschland ist man oft anderes gewohnt. Ich wurde sofort als vollwertiges Mitglied aufgenommen und war oft erste Assistenz, sei es eine Hand-OP oder eine Hüft- TEP. Zum Lagern und Abräumen wurde ich eigentlich nicht abgeordnet und der Oberarzt war immer darauf bedacht, dass man nicht irgendwo eine Extremität zu halten hat. Ich hielt also Haken, koagulierte, hämmerte manches Mal und nähte immer mit zu. Und das bei gutem Klima im OP.
Die Ambulanzen ähneln den unseren: Viele Patienten werden in möglichst kurzer Zeit untersucht. Oft führte ich eine Anamnese durch und wenn der Arzt dazukam, wurde ich über die Symptome und mögliche Differenzialdiagnosen befragt. In den Sprechstunden hat der Arzt hier dreimal so viel Zeit für jeden Patienten. Alles ist deutlich entspannter. Allerdings kann man als Student nicht viel mehr machen als zuhören.
Keine Stationsarbeit
In die Stationsarbeit war ich nicht eingebunden, auch gab es keine täglichen Visiten meines Oberarztes. Blutabnehmen, Braunülen legen, für all das gibt es dort ausgebildete Fachkräfte. Studenten lernen hier nur wirklich für das Studium Relevantes. Und: Als Medizinstudent genießt man im Krankenhaus ein geradezu hohes Ansehen. Jeder erklärt bereitwillig und Fragen sind allseits gerne willkommen.
Typische Business-Stadt
Toronto ist eine sehr schöne, saubere Millionenmetropole. Downtown Toronto ist komplett zu Fuß zu erlaufen. Nach zwei Monaten kann ich aber sagen, dass Toronto eher eine geordnete Business-Stadt ist. Von einem quirligen Nachtleben, wie es bei dieser Stadtgröße ja eigentlich Pflicht wäre, kann man leider überhaupt nicht sprechen.
Die Clubs und Bars schließen unter der Woche oftmals schon gegen ein Uhr, am Wochenende spätestens um drei Uhr. Mit dem französisch angehauchten Montreal oder gar einer europäischen Großstadt kann es nicht mithalten.
Noch ein kleiner Tipp
Wenn ihr binnen kürzester Zeit viel erleben, neue Leute kennen lernen oder einfach fantastische Erfahrungen abseits des Klinikalltags machen wollt, empfehlen sich Wochenendausflüge mit ISX, einem Reiseunternehmen, das sich auf Ausflüge für ausländische Studenten und Sprachschüler spezialisiert hat. Nebenbei ist dies auch noch die billigste Möglichkeit, um raus aus Toronto zu kommen und French Canada oder New York zu besuchen. Für mich war es eine tolle, erlebnis- und erfahrungsreiche Zeit in einer schönen Stadt. Allerdings sollte man bedenken, dass man in Kanada allgemein als Student meist recht eingespannt in den Klinikalltag ist. Und wer ein aufregenderes Nachtleben sucht, ist mit Montreal oder St. John’s besser beraten.