Lehrreiche Gesprächsrunde am Krankenbett
Bei der klassischen Visite geht es meist hierarchisch zu
MEDI-LEARN (Redaktion)
Wenn nach besonders typischen Elementen des Krankenhaus-Alltags gefragt wird, fällt vielen spontan die Visite ein. Im Grunde bedeutet das lateinische Wort nichts anderes als „Besuch“, und den bekommt man als Patient in stationärer Behandlung ja sowieso gerne. Da trifft es sich gut, dass ein Arzt oder mehrere mindestens einmal täglich sehr regelmäßig bei ihm vorbeischauen. Es kommt auch vor, dass zum Beispiel in der Augenklinik Visiten im Arztzimmer durchgeführt werden. Der klassische Fall aber ist das Gespräch in kleiner oder großer Runde direkt am Krankenbett.
Neben Ärzten – vom Assistenten bis zum Klinikchef – können weitere Berufsgruppen an der Visite beteiligt sein, vor allem Pflegepersonal und Krankengymnasten. In der Regel geht es streng hierarchisch zu: Dem Ranghöchsten wird vor dem Betreten des Zimmers schnell noch der Name des Patienten genannt, damit er ihn beim Eintreten korrekt begrüßen kann. Sind alle Teilnehmer dann um das Bett versammelt, werden wiederum dem Ranghöchsten der Patient und seine aktuelle Situation vorgestellt. „Um das Bett“ ist dabei nicht wörtlich gemeint. Stehen die am Gespräch beteiligten Mediziner sich nämlich gegenüber, wird folglich über den Kranken geredet. Und dem geht es dabei wie einem Zuschauer beim Tennis-Match: Kopf nach links, Kopf nach rechts, Kopf nach links … Die am Gespräch beteiligten sollten deshalb möglichst auf der derselben Bettseite stehen.
Zur Vorstellung können die Vorgeschichte der Erkrankung oder Begleitumstände der Verletzung gehören, der Verlauf einer schon durchgeführten Operation und alle Facetten der gegenwärtig angewandten Therapie. Zu viele Details in epischer Breite sind aber nicht erwünscht, Zusammenhänge und eine sinnvolle Reihenfolge dafür umso mehr. Eben deshalb ist es durchaus üblich und akzeptiert, zumindest in der Anfangszeit einen Spickzettel zu verwenden. Später wirst du immer seltener draufschauen müssen und kannst irgendwann völlig auf ihn verzichten.
Solange du ihn jedoch dabei hast, lässt so ein Spickzettel sich gut zum Notieren von Dingen verwenden, die unterwegs besprochen wurden und anschließend erledigt werden sollen. Je nach Fachdisziplin und Einzelfall sind das beispielsweise Konsile und die künftige Behandlung einschließlich Medikation. Die Ergebnisse bisheriger Untersuchungen kommen zur Sprache und erforderlichenfalls werden weitere angeordnet, außerdem Verbände gewechselt und Wunden kontrolliert. Auch der voraussichtliche Entlassungstermin wird während der Visite zu gegebener Zeit besprochen und dem Patienten mitgeteilt.
Inwieweit dieser selbst in das Gespräch einbezogen wird, ist ein Thema für sich. Da wie fast immer im Klinikalltag Zeit ein knappes Gut ist, kommt er selten ausführlich zu Wort. In der Regel dauert die Visite nur wenige Minuten, und so bleibt es bei einzelnen Fragen. Gleichwohl finden sie im Ablauf fast unverändert auch dann statt, wenn der Patient gar nicht bei Bewusstsein ist, beispielsweise auf Intensivstationen. Denn ihr vorrangiger Zweck ist der Austausch von Informationen unter den behandelnden Ärzten.
Das kann die Visite während des PJ oder einer Famulatur überaus lehrreich machen, auch wenn du zunächst „nur mitläufst“. Fall für Fall kommen die Einschätzungen von Medizinern mit sehr unterschiedlicher Erfahrung zur Sprache, und je nach Person und verfügbarer Zeit kannst du ohne weiteres Fragen stellen. Eventuell darfst du selbst ein oder zwei Patienten dem Oberarzt vorstellen und solltest dann – genau wie die Assistenzärzte – einige Informationen auswendig parat haben, angefangen beim Alter der Person und seiner auf relevante Details reduzierten Krankenvorgeschichte. Dazu empfiehlt es sich, alte Arztbriefe zu lesen, wodurch sich der jetzige Befund meist am besten verstehen lässt.
Sprich mit Schwestern und Pflegern, die ja im Laufe des Tages durch das Wecken, Waschen, Füttern, die Gabe von Tabletten und vieles mehr den meisten Kontakt zum Patienten haben. Sie wissen daher in der Regel besser über seinen Geistes- und Kräftezustand Bescheid als ein Mediziner, der ihn viel seltener und vielleicht immer nur zu bestimmten Tageszeiten zu Gesicht bekommt. Denk dich in die Situation des Patienten hinein und entwickle eigene Ideen, wie du als für diesen Fall verantwortlicher Arzt handeln würdest. Das schult und zeigt den Vorgesetzten dein Interesse und Engagement. Schließlich sind PJ und Famulatur häufig wichtige Schritte auf dem Weg zur späteren Anstellung als Assistenzarzt.