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Interview mit Daniel Lüdeling - Teil 1

Rippenspreizer stellt sich vor

Daniel Lüdeling im Interview mit Jens Plasger (MEDI-LEARN)

 

Nachdem wir euch in den vergangenen Wochen die Geschichte der Webseite Rippenspreizer vorgestellt hatten, geht es an dieser Stelle weiter mit einem Interview. Wer malt eigentlich die ganzen Cartoons, die Humor in Medizin und Rettungsdienst bringen? Daniel stellte sich unseren Fragen und gibt im ersten Teil des Interviews Einblicke in seine Tätigkeit als Arzt wie auch die Zeit als Medizinstudent.

Interview Teil 1 zum Medizinstudium und Arztberuf mit Daniel Lüdeling (www.rippenspreizer.com)

1. Wo und wann hast Du Dein Medizinstudium absolviert?

Ich habe zum WS ´95 meine Vorklinik an der Uni Bochum verbracht und ´99 den Rest an der Uni Duisburg-Essen verbracht. Zu den Höhepunkten gehörte sicherlich ein emotionaler Tag nach meinem knapp bestandenen Physikum, gerne erinnere ich mich aber auch an meine Kommilitonen und viele Freunde, die mich durch das Studium begleitet haben.
Da ich mich schon früh der Notfallmedizin verschrieben hatte, gehörten alle ansatzweise notfallmedizinischen Themen zu meinen Favoriten - auf der anderen Seite amüsiere ich mich heute immer noch über den Tagesausflug ins arbeitsphysiologische Institut Dortmund, wo Menschen um ihrer selbst willen vermutlich noch heute Medizinstudenten mit Arbeitsergonomie & Co. quälen…
2. In welchem Fachgebiet bist Du heute tätig und wie sieht der normale Arbeitsalltag aus?

Wie schon zum Ende meines Zivildienstes geplant beschäftige ich mich heute tatsächlich mit der Notfallmedizin und der Weiterbildung zum Facharzt für Anästhesie am EvK Bielefeld. Dort betreuen wir von 7:30 bis 16 Uhr sowie in Bereitschaftsdiensten unsere operativen, intensivmedinischen sowie notfallmedizinschen Patienten. Das EvKB ist ein Haus der Maximalversorgung mit einer anästhesiologischen Intensivstation und 13.000 Narkosen/Jahr welches wirklich gute Voraussetzungen für die ärztliche Fachweiterbildung bietet.

3. Welche Fächer aus dem Medizinstudium sind für Deine Tätigkeit als Arzt im täglichen Alltag immer wieder notwendig?

Es lässt sich nach 6 Jahren Studium schwer beurteilen, welches Fach ausschlaggebende Inhalte für die klinische Tätigkeit vermittelt hat; ohne Chemie keine Biochemie und ohne Biochemie keine Pharmakologie. So baut vieles aufeinander auf und eine Verteufelung der theoretischen Vorklinik-Fächern wäre demzufolge ungerecht.
Unmittelbare Hilfe war für mich aber immer auch der praktische Einsatz wie beispielsweise der Untersuchungskurs, weil diese praktischen "Inseln" die Relation des theoretischen Wissens zur alltäglichen Praxis vermitteln konnten.


4. Wie bist Du an Deine erste Stelle gekommen und wie lange hat Deine Bewerbungsphase gedauert? Welche Tipps hast du für Stellensuche und Bewerbung?

Die erste Stelle - damals noch AiP - entstand aus Zufall; während meines Anästhesietertials (PJ) habe ich vom Chef der Abteilung ein Angebot zur Fachweiterbildung am Uniklinikum Essen bekommen und dieses auch angenommen. Letztlich hat sich die Arbeitsmarktsituation für uns Jungärzte bis auf wenige Fachrichtungen auch im Vergleich zu den 90er Jahren sehr entspannt. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt und derweil sich in manchen Führungsköpfen noch die Vision einer Ärzteschwemme hartnäckig hält, flüchtet ein Großteil gut (und teuer!) ausgebildeter KollegInnen in die freie Wirtschaft oder das attraktive Ausland.
Ich kann nur empfehlen, schriftliche Bewerbungen mit einer persönlichen Übergabe zu kombinieren und gerade im Bewerbungsgespräch gegenüber dem vielleicht zukünftigen Chef die eigenen Vorstellungen und Ansprüche an eine Stelle souverän und kollegial auf den Tisch zu bringen. Nur so wird es zukünftig bessere Arbeitsbedingungen für jeden von uns geben. Die Zeiten der unbezahlten Überstunden und 30-Stunden-Schichten neigt sich damit dank Angebot & Nachfrage hoffentlich bald dem Ende.

5. Was ist Dir am Abend vor Deinem ersten Arbeitstag durch den Kopf gegangen? Worauf hast Du Dich am meisten gefreut? Wovor hattest Du die meiste Angst?

Der wesentliche Unterschied zum PJ waren die Unterschriften und damit auch die zu tragende Verantwortung. Obgleich man auch in der Anästhesie selten "unbeaufsichtigt" arbeitet, steht man doch relativ schnell alleine im OP und erkennt erst nach vielen Wochen und Monaten, wieviel mehr der klinische Alltag doch an Wissen und technischen Skills erfordert.
Gefreut habe ich mich auf den eigenen Spind, einen Mitarbeiterausweis und den Hausschlüssel. Das Gefühl, Teil des Teams zu sein und etwas Neues zu beginnen…

6. Der erste Arbeitstag: wurdest Du „an die Hand genommen“ oder glich der Start ins Berufsleben eher einem Sprung ins kalte Wasser?

Der erste Tag war primär organisatorisch; später bin ich dann als "Lehrling" einem OP zugeteilt worden. Über 50% der wesentlichen Dinge, die in der ersten Zeit überlebenswichtig sind, bekommt man von netten KollegInnen mitgeteilt - die anderen 50% sind peinlich, lustig, schmerzhaft oder im schlimmsten Fall auch tragisch. Ganz wichtig ist in dieser Phase auch die Eigeninitiative. Fragen und Observation, eine offene Art und immer freundlich zum alteingesessenen Personal ist gerade in den operativen Regionen eine absolute Pflicht!

7. Die ersten Wochen: wann hast Du zum ersten Mal gemerkt, dass Du nun eigene Verantwortung tragen und selbständig Entscheidungen treffen musst?

Ich kann mich nur an eine Summe von ersten Entscheidungen erinnern; die ganz wesentliche Entscheidung, die man als Jungarzt immer wieder treffen muss ist die Position der eigenen Grenzen. Oder auch die Frage: Wann brauche ich Hilfe? Von der ersten Minute an trägt man Verantwortung aber nicht nur für sich persönlich sondern auch für den Patienten. Diese Erkenntnis ist gerade in der Anästhesie eine wesentliche und wir sollten uns stets erinnern, dass wir die Medizin für den Patienten und nicht für uns persönlich machen!

8. Welche Erlebnisse und Tätigkeiten machen Dir als Arzt besonderen Spass, welche Tätigkeiten sind Dir eher unliebsam?

Der Anteil an Frohnarbeiten ist in der Anästhesie glücklicherweise relativ gering. Das bisschen Narkoseprotokoll schreibt sich fast von alleine und nach Ende des OP-Programms nähert sich meist auch der Feierabend. Sehr viel Spaß bereitet mir die Arbeit mit den Patienten und meinen Anästhesiepflegekräften. Und obgleich viele der Ansicht sind, dass unser Patientenkontakt narkosebedingt eher gering ist, so möchte ich doch deutlich machen, dass die gute Narkoseführung schon mit einem anxiolytischen Gespräch beginnt und das intraoperative Management mehr erfordert als einen Bildschirm zu bewachen und Vitalwerte in Grenzbereichen zu halten.

9. Was war Dein erstes Erfolgserlebnis? Und andersherum: Wobei hast Du Dir im Job zum ersten Mal „die Finger verbrannt“?

In meinem Postfach befand sich eines Tages eine Tafel Merci-Schokolade, versehen mit der Notiz "Herzlichen Dank für die wundervolle Narkose". Das war für mich fast wie ein 13.Monatsgehalt und ich war an diesem Tag sehr zufrieden mit mir und der Welt.
Neben den klassichen Relaxanz- und Opiatüberhängen, die man als Youngster zwangsläufig produziert treiben einem gerade intensivmedizinisch kritische Patienten zuweil den Angstschweiss auf die Stirn. Fehler sind hier oft unverzeihlich und die Anspannung zuweilen sehr hoch.

10. Würdest Du den Beruf des Arztes noch einmal wählen?

Aufgrund der ärztlichen Tätigkeit würde ich jederzeit wieder Medizin studieren, allerdings werfen die universitären Strukturen und nicht zuletzt auch charakterliche Fehlbesetzungen in den höheren Chargen der Medizin ihre Schatten weit über den Beruf hinaus. Wie oft wurden uns seitens der Universität, der Behörden und fragwürdigen Institutionen öffentlichen Rechtes unnötige Steine in den Weg gelegt? Wie oft scheiterte ehrliches studentisches Engagement an den persönlichen Unzulänglichkeiten von Professoren, die mit fragwürdigen Willkürentscheidungen immer wieder nur sich selbst inszenieren statt den ehrlichen und souveränen Dialog zu führen? Große Innovationen und Reformen münden in DRG´s, ICD´s und EBM`s. Pharmakologische Kaufentscheidungen sind an fragwürdige Marketingkonzepte gelehnt und derweil eine Horde von Gutachtern immer spitzfindigere Nieschen ausschlachten, müssen junge Mediziner ihre spärlichen Gehälter auch noch in Strahlenschutzkurse investieren, die ihre Existenzberechtigung offenbar im Lotto gewonnen haben. Ich will nicht verbittert oder zynisch wirken, aber nach 10 Jahren intensiver Einblicke in die aktuelle Medizin habe ich viele Illusionen und auch das Vertrauen in Autoritäten leider verloren. Medizin wird einem niemals das zurückgeben, was man in sie investiert, insofern gestatte ich mir, positive Impulse für mein Leben auch ausserhalb der Medizin zu suchen um genau das zu bewahren, was einem zuviel Medizin zwangsläufig nimmt: Frohsinn & Zufriedenheit.