Spielt Matthäus noch für Deutschland?
Als Volunteer in Südindien
Marie-Christine Kuhl
Holzkasten mit Stehlampe gleich Brutkasten
Bei meiner Ankunft im Shanti-Hospital in Shenkottai wurde ich sehr freundlich empfangen. Eigentlich ist das Shanti ein Geburtskrankenhaus, aber man behandelt hier auch so ziemlich alles andere. Ich war täglich bei den Sprechstunden und den Visiten zugegen. Mir wurde viel von den zuständigen Ärzten erklärt und die Auskünfte der Patienten ins Englische übersetzt. Die Kommunikation mit den Patienten und dem Krankenhauspersonal war bisweilen schwierig, selbst die Krankenschwestern konnten meist nur wenige Worte Englisch. Dafür durfte ich meine ersten praktischen Erfahrungen sammeln, Wunden zunähen und Operationsbesteck halten. So assistierte ich bei mehreren operativen Eingriffen wie Hysterektomien. Aber auch Geburten, Kaiserschnitte, Abtreibungen, Sterilisationen und das Einsetzen von Spiralen gehörten zu den täglichen Aufgaben der Ärzte, denen ich zusehen durfte.
Ich war erstaunt, mit welchen geringen Mitteln und hygienischen Maßnahmen diese Operationen ausgeführt wurden. Operationsbesteck wurde nur vorher in Wasser abgekocht, Handschuhe wurden oft mehrmals verwendet oder kurz abgewaschen und neu gepudert, Desinfektionsmittel gab es keine. Im OP-Saal fiel sehr häufig der Strom aus und auch Ratten waren keine Seltenheit. In der Nachbehandlung fehlten ebenfalls viele Dinge, die für mich seit dem Praktikum in einem deutschen Krankenhaus als selbstverständlich galten. Ein Brutkasten bestand aus einem selbst zusammengebauten Holzkasten, über dem eine Stehlampe aufgestellt wurde. Dies waren Zustände, die mit denen in Deutschland leidlich zu vergleichen sind, und das, obwohl ich bereits in einem privaten indischen Krankenhaus arbeitete. Die staatlichen Krankenhäuser in Indien sind noch wesentlich schlechter ausgestattet und ich vermochte mir kaum vorzustellen, wie es dort aussieht.
Trotz dieser Bedingungen haben sogar extreme Frühgeburten überlebt und auch sonst schienen die Inder wesentlich weniger anfällig für Krankheiten zu sein als wir Europäer. Andere Krankheiten, mit denen ich dort konfrontiert wurde waren unter anderem Malaria, Tuberkulose und Polio. Aber das wohl schockierendste Erlebnis war die Einlieferung einer Frau, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Wie ich später erfuhr, hatte sie ihre Schwangerschaft zum Anlass eines Suizidversuchs genommen, da sie noch nicht verheiratet war und diese Schwangerschaft somit als große Sünde und Verletzung der Familienehre galt. Wenige Tage später wurde wieder eine Frau eingeliefert, auch sie nahm aus einem ähnlichen Grund eine Überdosis Tabletten.
Tragische Mitgift-Regelung
Diese Vorkommnisse hielten mich dazu an, mich weiter mit den Problemen und dem gesellschaftlichen Status der Frauen zu beschäftigen. Dass die Frauen hier immer noch als minderwertiger angesehen wurden, wurde mir davor schon oft deutlich. Aber über die Tatsache, dass in dem Gebiet in dem ich lebte, weibliche Föten immer noch abgetrieben wurden oder kleine Mädchen sogar nach der Geburt ausgesetzt wurden, weil Väter für die Heirat ihrer Töchter hohe Mitgiften zahlen müssen, das war mir nicht bewusst. Dass die Mädchen aus ärmeren Familien oft nicht in die Schule gehen dürfen, da die Schulkosten lieber in die Söhne investiert werden, erstaunte mich doch sehr.