Studieren in Ungarn?
Ungarn Interview 2
MEDI-LEARN (Redaktion)
1. Warum hast du dich für Ungarn entschieden?
Ich hatte mit meinem Abitur (Gesamtnote 2,4) keine Chance, gleich einen Medizin-Studienplatz in Deutschland zu bekommen. Nach einem abgebrochenen Biologiestudium habe ich entschieden, dass Ungarn für mich der einzige Weg ist, ohne lange Wartezeiten Humanmedizin studieren zu können.
2. Hast du schon Wartesemester oder hast du dich direkt nach dem Abitur entschieden, dein Studium in Ungarn aufzunehmen?
Ich habe nach dem Abitur zunächst ein Jahr im Ausland verbracht, anschließend drei Semester Biologie studiert und mich erst dann endgültig für Ungarn und das Medizinstudium entschieden.
3. Welche Voraussetzungen musst du erfüllen, um in Ungarn studieren zu können?
Neben der Abiturnote zählen Noten in den einzelnen naturwissenschaftlichen Fächern, Berufsausbildungen, ein bereits absolviertes Pflegepraktikum und viele eher unbekannte Faktoren.
4. Wie viele Bewerber gab es auf einen Studienplatz? Wie lief das Bewerbungsverfahren ab?
Ich habe mich an allen drei ungarischen Universitäten mit allen vorliegenden Zeugnissen, dem Bewerbungsformular und einem Motivationsschreiben beworben. Für jede Bewerbung wird eine Bearbeitungsgebühr verlangt. Ich würde dennoch jedem dazu raten, sich nicht nur an einer Uni zu bewerben, sondern gleich überall. Danach hieß es nur noch abwarten, bis im Juni die Zusagen eingetroffen sind.
5. Wo hast du Informationen über den Studiengang in Ungarn gesammelt?
Meine ersten Informationen habe ich über einen Bekannten erhalten, der bereits in Ungarn studierte. Weitere Informationen habe ich mir im Internet zusammengesucht, zum Beispiel bei www.ungarnstudium.hu
6. Brauchst du für das Studium die Landessprache?
In der Vorklinik sind Sprachkenntnisse nicht erforderlich. Absolviert man jedoch den klinischen Studienabschnitt in Ungarn, sollte man in der Lage sein, sich halbwegs gut auf Ungarisch mit Patienten zu unterhalten.
7. Wie kommst du mit der Sprache im alltäglichen Leben zurecht?
In Szeged war die Teilnahme an einem Sprachkurs (zweimal pro Woche) Pflicht. Mit etwas Eigenengagement ist es sicherlich möglich, sich damit die wichtigsten Ungarisch-Kenntnisse anzueignen. Im Alltag habe ich so gut wie nie Ungarisch sprechen müssen. Man konnte sich mit Deutsch und Englisch eigentlich überall gut durchschlagen.
8. Hast du dich für ein Stipendium beworben?
Nein.
9. Wie hoch sind die Studiengebühren ? Wie finanzierst du dich und dein Leben?
Die Studiengebühren betragen derzeit 5900 Euro pro Semester (2007 waren es noch 5600 Euro). Die Lebenshaltungskosten in Szeged waren etwas niedriger als in Deutschland: Mit rund 600 Euro monatlich kam man eigentlich sehr gut zurecht. Ich habe mir die Studiengebühren für ein Semester selbst finanziert, die restlichen Kosten haben glücklicherweise meine Eltern übernommen.
10. Was machst du in deiner Freizeit?
In Szeged gab es relativ viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen. Und durch den guten Zusammenhalt unter den Studenten kam eigentlich nie Langeweile auf. Es gibt einige nette Bars und Clubs, Kinos, in denen auch englische Filme laufen, verschiedene Sportangebote und nicht zuletzt viele bezahlbare Restaurants.
11. Was gefällt dir an der Stadt, in der du studierst?
Szeged ist recht klein und überschaubar und die deutschen Studenten haben alle relativ nah beieinander gewohnt. Man konnte eigentlich jedes Ziel innerhalb von fünf bis zehn Minuten mit dem Fahrrad erreichen.
12. Ziehst du es nach dem Physikum in Erwägung, wieder in Deutschland zu studieren? Wenn ja, in welche Stadt würdest du gerne ziehen?
Für mich stand fest, dass ich nach dem Physikum nach Deutschland wechseln muss, denn ich hätte das weitere Studium in Ungarn nicht finanzieren können. Meine Wunschstädte waren Heidelberg und Freiburg.
13. Weißt Du, welche Unterschiede zu einem Studium in Deutschland bestehen?
Der größte Unterschied besteht wohl in der Prüfungsart. Die meisten Prüfungen sind mündlich; gekreuzt wird nur während des Semesters oder als Teilaspekt einer Prüfung. Wir konnten uns die Prüfungstermine innerhalb eines festen Zeitraums relativ flexibel selbst aussuchen, sodass man den eigenen Stärken und Schwächen entsprechend mehr oder weniger Zeit zur Vorbereitung für einzelne Fächer einplanen konnte. Durch konstant sehr gute Leistungen während des Semester konnte man sich bestimmte Vergünstigungen in den Semesterabschlussprüfungen erarbeiten.
14. Gibt es noch etwas, das wir vergessen haben zu fragen?
Wichtig finde ich noch, dass es von Seiten der Universität eigentlich sehr viel Unterstützung gab. Das Studentensekretariat war ein wichtiger Ansprechpartner in allen Fragen des täglichen Lebens.
15. Möchtest du Studenten, die auch an einem Studiengang in Ungarn interessiert sind, etwas mit auf dem Weg geben?
Ich kann eigentlich jedem empfehlen, den Schritt nach Ungarn zu wagen, der die Chance dazu bekommt. Ich hatte zwei sehr schöne Jahre dort. Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass inzwischen extrem gute Physikumsnoten und Glück von Nöten sind, um ohne Zeitverlust nach Deutschland wechseln zu können. Die Universität Heidelberg hat im Wintersemester 2010/11 meines Wissens zum ersten Mal keine Ungarn-Studenten mehr angenommen.