Akupunktur bei Kniearthrose besser als Standardtherapie, aber es muss nicht TCM sein
Als Erfolg definierte man eine mindestens 36%ige Verbesserung
Dr. Annette Tuffs
In der soeben publizierten gerac-Gonarthrosestudie* - eine von vier kontrollierten Studien des gerac-Modellprojekts** - linderte eine Akupunkturbehandlung Schmerzen und Funktionseinschränkung bei Kniearthrose signifikant besser als die Standardtherapie mit Medikamenten und Krankengymnastik. Dabei war allerdings eine "Schein"-Akupunktur mit oberflächlicher Nadelung an Punkten, die nicht als Akupunkturpunkte definiert sind, ebenso wirksam wie die Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), betont Prof. Norbert Victor vom Institut für Medizinische Biometrie und Informatik (IMBI) der Universität Heidelberg.
Die dreiarmige Studie an über 1000 Patienten wurde von Wissenschaftlern der Universität Heidelberg geplant, durchgeführt und ausgewertet. Alle Patienten erhielten die Standardversorgung mit Medikamenten nach Bedarf und Krankengymnastik. In allen drei Behandlungsgruppen gab es zehn Arztbesuche. In den beiden Akupunkturgruppen erhielten die Patienten zusätzlich entweder 10 Behandlungen mit einer TCM-Akupunktur nach Lehrmeinungen der Deutschen Akupunkturgesellschaften bei Knieschmerzen, oder eine "Schein"-Akupunktur. Hierbei wurden insgesamt zehn Nadeln oberflächlich und ohne Stimulation an ausgewählten Punkten gestochen, die nicht definierten Akupunkturpunkten entsprachen und nicht unmittelbar am Knie, sondern im Bereich des Knöchels, der Oberschenkel und am Arm lagen.
Als Erfolg definierte man eine mindestens 36%ige Verbesserung auf einer international anerkannten Bewertungsskala (WOMAC-Score), die sowohl Schmerz, Funktionalität als auch Gelenksteifigkeit erfasst. Die Messung erfolgte nach 26 Wochen. Die Erfolgsraten betrugen 29% für die Standardtherapie, 53% für die TCM-Akupunktur und 51% für die Sham-Akupunktur. Beide Akupunkturtechniken waren deutlich wirksamer als die Standardtherapie, ein merklicher Unterschied zwischen den beiden Akupunkturbehandlungen zeigte sich nicht. Neben der langfristigen Verbesserung des Befindens der Patienten war auch der wesentlich geringere Verbrauch an Schmerzmedikamenten in den beiden Akupunkturgruppen gegenüber der Standardtherapiegruppe bemerkenswert.
Die beobachtete gleiche Wirksamkeit beider Akupunkturschemata zeigt, dass für eine erfolgreiche Behandlung die Punktauswahl nicht zwingend nach den Kriterien der TCM erfolgen muss und außerdem ein oberflächliches Stechen ausreicht. Da diese Aussage streng genommen nur für die in der Studie gewählten Therapieschemata zutrifft, kann daraus nicht gefolgert werden, dass es gleich ist, wie und wohin man sticht, betont Prof. Victor. Somit kann die gerac-Studie keinen Beweis für oder gegen eine spezifische Wirksamkeit einer TCM-basierten Akupunktur bieten. Vermutlich tragen drei Komponenten zur Wirkung bei:
- Das Stechen "an sich",
- die intensivere Zuwendung der behandelnden Ärzte, und
- die Erwartungshaltung der (von etablierten Therapien enttäuschten) Patienten.