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In 15 Jahren ist die Lage katastrophal!

Symposium Ärztemangel in Nordrhein-Westfalen. Was ist dran? Was ist zu tun?

Klaus Dercks, ÄKWL

Symposium

Das Problem Ärztemangel brennt. „Jetzt lodert es bereits an vielen Orten, in fünf Jahren brennt es überall lichterloh, in 15 Jahren ist die Lage katastrophal“, warnte ÄKWL-Präsident Dr. Theodor Windhorst. Im Mai hatte die Ärztekammer Westfalen- Lippe gemeinsam mit der Ärztekammer Nordrhein und der Universität Witten/ Herdecke nach Witten eingeladen, um die unterschiedlichsten Theorien und Meinungen zum Thema Ärztemangel zu sichten: Gibt es wirklichen Mangel oder doch nur ein Verteilungsproblem – Fachleute verschiedener Professionen diskutierten diese Frage kontrovers, auch Gesundheitsministerin Barbara Steffens bezog Position.

Die Präsidenten der beiden nordrhein-westfälischen Ärztekammern, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe und Dr. Theodor Windhorst, unternahmen es, zum Auftakt des Symposiums Daten und Fakten zum Ärztemangel zusammenzustellen. 6.000 Stellen seien in deutschen Kliniken unbesetzt, erinnerte Prof. Hoppe. „Ohne Ärzte aus dem Ausland sähe es noch viel düsterer aus.“ Zudem steige die Zahl derer, die ihr Medizinstudium abbrächen oder der Patientenversorgung verloren gingen, weil sie alternative Berufswege einschlügen. „18 Prozent Schwund“, kons tatierte Hoppe allein für die Zeit von 2003 bis 2008. Der weiter steigende Frauenanteil in der Medizin sei zwar grundsätzlich positiv zu werten, betonte Hoppe. „Das tut den Krankenhäusern gut.“ Doch Ärztinnen hätten andere Berufspläne und –perspektiven als ihre männlichen Kollegen. „Es ist daher nicht mehr sinnvoll, die Ärzteschaft nach Köpfen zu zählen, sondern lieber nach Arbeitsstunden.“ Die Attraktivität des Arztberufs sei auch gesunken, weil sich Familie und Beruf vielfach nur schwer vereinbaren ließen.


Veränderte Bedingungen auch auf Ärzte-Seite

„Auch auf Seiten der Ärzte haben sich die Bedingungen verändert“, verdeutlichte Dr. Theodor Windhorst. „Wir haben mittlerweile ein Arbeitszeitgesetz, 80 Stunden Arbeit am Stück sind out.“ Zudem leide die Ärzte-Ausbildung nach wie vor unter der Verringerung der Studienplatz-Zahlen unter Gesundheitsminister Seehofer in den 1990er Jahren. „Das müssen wir noch immer ausbaden.“ Dabei dränge die Zeit. Egal, was heute beschlossen werde – „wir brauchen zwölf Jahre, um neue Ärzte auszubilden“.


Ärztemangel oder nicht adäquate Verteilung?

Ist der Mangel an Ärzten nur ein Problem der Verteilung? „Das Angebot an Ärzten war in Nordrhein-Westfalen noch nie so groß wie heute“, rechnete Andreas Hustadt vor. Der Leiter der NRW-Landesvertretung des Verbands der Ersatzkassen verwies darauf, dass 2009 auf einen Arzt in NRW 255 Einwohner des Landes kamen. 1990 seien es noch 347 gewesen. Zudem sei in der ambulanten Versorgung kein einziger Planungsbezirk unterversorgt. Ohnehin sinke in Nordrhein-Westfalen die Zahl der Einwohner, bis 2050 um elf Prozent. „Weniger Menschen brauchen auch weniger Ärzte.“

Was Probleme bereite, so Hustadt, sei vielmehr die nicht adäquate Verteilung der vorhandenen Ärztinnen und Ärzte. Bedarfsunabhängige Niederlassungen, der Trend zur Konzentration des Arztangebotes in den Städten und eine weitere Spezialisierung der Ärzteschaft gefährdeten die gleichmäßige Versorgung des Landes; bestimmte Arztgruppen fehlten in sozial schwachen Stadtteilen, vielerorts gebe es lange (Facharzt-)Wartezeiten. Es sei deshalb nötig, das allgemeinmedizinische Angebot zu stärken, die Zusammenarbeit von Kliniken und Praxen zu verbessern und insbesondere Medizinische Versorgungszentren an Krankenhäusern zu fördern. Hustadt forderte zudem ökonomische Anreize: „Stilllegungsprämien“ für Arztsitze in überversorgten Gebieten, zudem Sicherstellungs-Abschläge für Arzthonorare in überversorgten Regionen, die Zuschläge für Ärzte in Unterversorgungsgebieten speisen könnten.

„Ärztemangel ist in Deutschland vor allem eine politische Kategorie, die sich objektiver Feststellung entzieht“, erläuterte Prof. Dr. rer. pol. R. Peter Nippert als Vertreter des Medizinischen Fakultätentages. Als Problem der Fakultäten sah er den fehlenden Ärztenachwuchs jedoch nicht. Schließlich sei die Erfolgsquote des Medizinstudiums in den letzten Jahren in etwa gleich hoch geblieben, jährlich verließen rund 10.000 Absolventinnen und Absolventen die Hochschulen. Eine Erhöhung der Studierendenzahlen oder neue Medizinische Fakultäten würden den Mangel nicht beheben, stellte Nippert klar. Und auch durch eine Modifikation der Zugangskriterien zum Medizinstudium lasse sich die Situation nicht bessern. Schon jetzt sei die Abiturnote ja nicht das einzige Kriterium. Bedeutsam für den Weg in den Arztberuf sei eher der Verlauf der ersten Semester. Wer den ersten Studienabschnitt mit seinen „brutalen Lernmengen“ bewältige, für den sei auch ein erfolgreicher Abschluss wahrscheinlich.

Schon jetzt sei „Ärztemangel“ eher ein populärer Ausdruck für „Unterversorgung“. Die Verteilungsdisparitäten ließen sich jedoch nicht durch das Medizinstudium ändern, sondern nur durch Anreizsysteme für praktizierende Ärzte. „Das ist das Abbild von disparaten Lebensbedingungen.“


Wie nehmen Hausärzte den Ärztemangel in der Versorgungsrealität wahr?

„Das Problem ist der Ersatz der älteren Ärztegeneration“, beschrieb Bernd Zimmer, Hausarzt in Wuppertal und Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein. Zwar gebe es mehr als genug Weiterbildungsstätten für Allgemeinmediziner. Doch die Liste der abschreckenden Berufsmerkmale ist lang: steigende Bürokratie, zunehmende Fallzahlen und unzureichend empfundene Vergütung seien nur einige der Positionen. Hinzu kämen die Risiken, die die Praxisgründung mit sich bringe. Zimmer empfahl, junge Menschen schon vor dem Studium auf den Hausarztberuf hinzuweisen. „Dazu gehört etwa eine Berufsfelderkundung noch während der Schulzeit. Und dazu brauchen wir Studienbedingungen, die das ,Arztsein‘ fördern.“

„Ein laues Lüftchen verglichen mit dem, was noch kommt“ Dr. Markus Wenning, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe, fasste seine Auswertung der statistischen Ausblicke für die nächsten Jahre knapp zusammen. „Der Ärztemangel jetzt ist ein laues Lüftchen verglichen mit dem, was noch kommt.“ Denn bei den Zu- und Abgängen der Ärzteschaft braut sich ein Sturm zusammen: In 15 Jahren werden in Westfalen-Lippe rund 1.100 Ärztinnen und Ärzte jährlich aus der Versorgung ausscheiden. Aktuell wachsen aber nur rund 750 Berufsanfänger pro Jahr nach.
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