In 15 Jahren ist die Lage katastrophal!
Symposium Ärztemangel in Nordrhein-Westfalen. Was ist dran? Was ist zu tun?
Klaus Dercks, ÄKWL
Im Medizinstudium beträgt der Frauenanteil der Studierenden 65 Prozent. Doch längst nicht alle Ärztinnen bleiben dauerhaft in der Versorgung. Beispielhaft betrachtete Wenning den Approbationsjahrgang 2000, der mit 54 Prozent Ärzten und 46 Prozent Ärztinnen besetzt war: 88 Prozent der Kolleginnen und Kollegen von damals seien heute noch in kurativer Tätigkeit zu finden – 95 Prozent der Ärzte, aber nur 80 Prozent der Ärztinnen von damals. 52 Prozent der vor elf Jahren Approbierten arbeiteten im Krankenhaus, 36 Prozent in einer Praxis. Doch auch dort machen Männer 90 Prozent, Frauen hingegen nur einen Anteil von 56 Prozent aus.
Prognosen der Ärztekammer Westfalen-Lippe, erklärte Dr. Wenning, ließen absehen, dass mit der gleichen Zahl nachwachsender Ärztinnen und Ärzte immer weniger Vollzeitstellen abgedeckt werden können. Entsprächen 1000 „alten“ Ärzten etwa 840 kurativen Vollzeitstellen, seien mit 1000 Ärzten des Jahrgangs 2011 nur noch 660 dieser Stellen zu besetzen. „1.000 ausscheidende Ärzte kann man nur durch 1.330 junge Kolleginnen und Kollegen ersetzen – und diese Annahme ist noch optimistisch.“ Unterstützung komme aus dem Ausland. „2010 waren das in Westfalen-Lippe 333 Ärztinnen und Ärzte, ein Verhältnis von ca. 1: 2 zu deutschen Kollegen.“ Die derzeit in die Versorgung strebenden Ärzte, so Wennings Fazit, könnten die Abgänge nicht ausgleichen. „Wir brauchen deshalb mehr Studienplätze, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Anwerbung von ausländischen Ärzten.“
Welche Probleme müssen angegangen werden, um dem Ärztemangel zu begegnen?
Gesundheitsministerin Barbara Steffens machte in der nachfolgenden Podiumsdiskussion vor allem zwei Felder aus: Die Planung des Versorgungsbedarfs und die Finanzierung der ambulanten Patientenversorgung. „Denn es kann nicht angehen, dass man als Arzt in einer schwachen Gegend nicht mehr rentabel arbeiten kann. Da stimmt etwas nicht.“ Auch Steffens stellte heraus, dass es ihrer Ansicht nach genug Ärzte gebe. „Es muss aber geklärt werden, welchen Bedarf es gibt.“
Die Gesundheitsministerin warb für die Einrichtung von mehr allgemeinmedizinischen Lehrstühlen an den Universitäten in NRW. „Darüber hinaus ist viel vorstellbar, um Ärzte frühzeitig für bestimmte Versorgungsarten anzuwerben.“ Bei ausländischen Ärzten, die in NRW tätig werden, gelte es wiederum, Sprachkompetenzen zu fördern. Viele Felder für viele Initiativen – „ohne den Bund kann man davon in Nordrhein-Westfalen allerdings nur Teilbereiche stemmen“.
Aus unterschiedlichsten Perspektiven schilderten die Podiumsteilnehmer ihr eigenes Erleben von Ärztemangel. „Durchaus zu spüren, gerade in Randbezirken“, berichtete der Bielefelder SPD-Landtagsabgeordnete und Vorsitzender der Landtags-Gesundheitsausschusses, Günter Garbrecht, über seine Erfahrungen. Er sei jedoch gegen eine Politik, die nur auf alarmistische Meldungen reagiere. „Wichtig ist, dass sich angesichts der demografischen Entwicklung alle Beteiligten in dieser Sache bewegen.“
Versorgung aus der Sicht der Menschen sehen
„Medizinische Versorgung ist ein bedeutender Standortfaktor, das ist bei vielen Kommunalpolitikern nicht angekommen“, kritisierte Hubert Kleff, Gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, regionale Versäumnisse. Im heimischen Hochsauerlandkreis gebe es auf dem Papier eine gute Versorgung – aber eben nur dort. „Man muss die Versorgung aus der Sicht der Menschen sehen. Da kann es doch keine Systemschranken zwischen ambulant und stationär geben, wenn sie eine vernünftige Versorgung verhindern.“
Nach 30 Jahren Tätigkeit im Krankenhaus habe er die Zeiten mit Mengen von Ärzte- Bewerbungen um eine Stelle noch in Erinnerung, berichtete Wolfgang Zimmermann, gesundheitspolitischer Sprecher der Landtagsfraktion Die Linke. „Zuletzt wurde fast jeder genommen, weil niemand zu kriegen war.“ Attraktive Rahmenbedingungen, mahnte Zimmermann, bräuchten jedoch Geld. „Man darf nicht glauben, dass da etwas zu sparen wäre.“
Erhebliche Probleme in der Versorgung sah auch Dr. Stefan Romberg, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion und selbst als Arzt im Krankenhaus tätig. Die Patientenversorgung wie gegenwärtig über Prozentzahlen zu definieren, sah Romberg als problematisch an. Vielmehr müsse der Faktor Morbidität bei den Berechnungen berücksichtigt werden.
Drei bis vier Ärzte fehlen in jedem nordrheinwestfälischen Krankenhaus – diese Zahl nannte Dr. rer. pol. Hans Rossels, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein- Westfalen, als Anhaltspunkt. Es werde für Kliniken immer problematischer, Ärztinnen und Ärzte zu finden. „Das hängt auch mit der Größe eines Hauses zusammen, Krankenhäuser der Grundversorgung haben es schwerer.“ Auch müssten viele Kliniken eine andere Wertschätzung für die Personalentwicklung aufbringen. „Und ein Betriebskindergarten ist wirklich Gold wert.“
„Wir haben zurzeit keinen echten Ärztemangel“, stellte Dr. Gerhard Nordmann fest. Der zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe rechnete jedoch fest damit, dass eine solche Situation auf das Land zukomme. Gegenmaßnahmen seien bereits ergriffen: Die Frage der Residenzpflicht – arbeiten auf dem Lande, wohnen in der Stadt – sei dabei ein wichtiges Thema, auch die Notfalldienstreform mache die Arbeit als niedergelassener Arzt attraktiver als früher. Außerdem bespreche die KVWL mit betroffenen Kommunen Versorgungsprobleme. „Dabei gibt es erste Erfolge.“
Ob eine Abkehr von der Auswahl über den Numerus clausus mehr Ärztinnen und Ärzte nach sich zieht, die in der kurativen Medizin eine berufliche Zukunft sehen? „Der Numerus clausus schreckt ab“, war Gesundheitsministerin Steffens überzeugt. Erste berufliche Schritte in der medizinischen Praxis müssten bei Studierwilligen anders anerkannt werden als bisher. „Junge Ärzte dürfen nicht schon im Krankenhaus verschlisssen werden“, forderte hingegen ÄKWL-Präsident Dr. Windhorst. Gerade Weiterbildungsbefugte hätten dort große Verantwortung. „Sie haben eine Mentorenfunktion und müssen den Nachwuchs an die Patienten heran mitnehmen.“
Prof. Dr. Eckhart G. Hahn, Dekan der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke, fasste Problemanalysen und Lösungsvorschläge zum Ende des Symposiums zusammen. Vom Anreizsystem für die Ansiedlung von Ärzten in eher „unbeliebten“ Regionen bis hin zur Ausgestaltung der ärztlichen Weiterbildung reiche die Palette der Vorschläge, um mehr Ärzte in die Kuration zu bringen. Am wichtigsten jedoch werden wohl die Arbeitsbedingungen der Zukunft sein. „Die Verbesserung der Arbeitsplätze ist der Schlüssel dazu, Ärzte zu halten.“