Mit welcher Motivation haben Sie das Medizinstudium begonnen, sprich warum haben Sie sich entschieden, Medizin zu studieren? Gab es den entscheidenden Augenblick/Situation, mit dem feststand „Jetzt weiss ich es: ich studiere Medizin“?
Nein, einen solchen Augenblick gab es nie und auch gibt es in meiner Familie bisher keine Ärzte....Die Entscheidung für die Medizin fiel bei mir sehr früh, etwa so in der 10.Klasse. Mein Berufspraktikum hatte ich damals im Krankenhaus gemacht (klar, überwiegend Bettpfannen geleert und Nachtschränke geputzt. ..), und seit diesem Moment fand ich den Beruf interessant. Als Kind bin ich nie gerne zum Arzt gegangen und so fand ich die Idee auch sehr reizvoll „mal auf der anderen Seite“ zu sein :-)
Außerdem wollte ich einen Beruf haben, in dem ich mit Menschen zu tun habe, etwas sinnvolles und auch „praktisches“ tun kann (und den Sinn bzw. den Erfolg auch direkt sehen kann), wollte ein Studium das naturwissenschaftliche Aspekte mit psychosozialen Aspekten verbindet und und und..
Wie bewerten Sie diese Motivation rückblickend? Hat sie sich während des Studiums aufrechterhalten oder in welcher Form hat sie sich geändert?
Zusammenfassend hat sich an meiner Motivation nicht viel geändert. Klar, im Alltag fragt man sich nun immer wieder ob das was man da tut nun wirklich Sinn macht und man den Patienten wirklich hilft. Auch kommen immer mal wieder Gedanken ob sich das denn nun wirklich gelohnt hat so lange zu studieren, jetzt 18 Monate für wenig Geld arbeiten, auf so viel Freizeit zu verzichten und das alles nur um zu „Heilen“ ?!?
Wie sieht der Alltag als Arzt für Sie heute aus? Was macht Ihnen am meisten Spass? Was am wenigsten?
Inzwischen habe ich mit meine AiP-Zeit in der Neurologie fast abgeschlossen, meinenDr.med. vor`m Namen stehen und bin somit „fast“ fertige Ärztin.
Der Alltag bedeutet meist so 10 Stunden Arbeit pro Tag (nein, Überstunden werden nicht bezahlt und das mit dem Freizeitausgleich funktioniert auch nicht so wie es sollte), wir versorgen mit zwei AiP eine 26-Betten-Station (und bekommen natürlich normales AiP-Gehalt ohne jede Zulage...), Dienste machen wir etwa 6 pro Monat.
Die Arbeit mit den Patienten und an den Patienten macht Spaß, weniger lustig ist der zunehmende Verwaltungskram (Arztbriefe, die sich stapeln und diktiert werden wollen und Hausärzte, die nerven, weil besagte Briefe noch nicht rausgehen, ICD-Nummern suchen und DRG kodieren etc.).
Auch die Dienste sind zwar oft stressig (manchmal nur sehr wenig oder gar kein Schlaf und dann noch bis mittags die Station versorgen....), aber oft auch sehr lehrreich und –je nachdem mit welchen Kollegen der anderen Fachgebiete – auch ganz lustig.
Insgesamt ist es nach wie vor der Beruf den ich machen will und immer wollte –auch wenn ich mir das damals kurz nach dem Abi irgendwie anders vorgestellt habe. Man ist doch in seiner Freizeit extrem stark eingeschränkt, selbst so banale Dinge wie Einkaufen, Arztbesuche etc. werden schwierig wenn man selten vor 19.00 zuhause ist und zudem jedes zweite bis dritte Wochenende in der Klinik verbringt. SO hatte ich mir das damals vor 8 Jahren eigentlich nicht vorgestellt und fand das zu Beginn des AiP auch sehr belastend. Inzwischen habe ich mich daran mehr und mehr gewöhnt, da die weiteren Bedingungen (Arbeitsklima, nette Kollegen und Vorgesetzte, Ausbildung in der Funktionsdiagnostik etc.) „stimmen“, weshalb ich wohl auch nach dem AiP in diesem Fachgebiet und der Klinik bleiben werde.
Welche Tipps würden Sie Studenten, die jetzt vor der Entscheidung stehen, Medizin zu studieren, mit auf den Weg geben?
Auf jeden Fall vorher im Krankenhaus Praktikum machen oder jobben o.ä. um einen Eindruck in die Abläufe und den Arbeitsalltag zu bekommen! Grundsätzlich würde ich niemandem vom Studium abraten aber wer Schwierigkeiten mit dem Lernen von viel Stoff in kurzer Zeit hat und vielleicht zusätzlich auch noch wenig Frustrationstoleranz sollte es sich gut überlegen...
Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!