Mein erster Patient
Plötzlich klingelt das Telefon und es geschieht das, was irgendwann passieren musste, ja sogar passieren sollte. Mein erster Patient ist in der Notaufnahme eingetroffen. Kurzer Hand mache ich mich auf zum Klinikum. Da ich noch keinen offiziellen Raum habe, ziehe ich mich auf der Treppe um, welches mein Vertrauen in den Augenblick nicht unbedingt bestärkt. Mein Herz beginnt etwas schneller zu schlagen und ich schreite in die Situation, welche ich mir schon so oft im Geiste ausgemalt habe.
Noch in Gedanken betrete ich die Notaufnahme und ich fühle mich nicht allzu wohl dabei. In meinen Vorstellungen spielen sich einige Szenarien ab, die meine Ängste in Windeseile erzählen. Was wird wohl bei einem Notfall geschehen, wenn sich kein Arzt mehr auf der Station befindet. Mein Kittel suggeriert den meisten Menschen eine gewisse Kompetenz in Notfallsituationen. Bedenken denn die verschiedenen Individuen, dass meine Ausbildung im Moment eher theoretischer Natur ist? Meine Erste-Hilfe Kenntnisse sind zwar fundiert, doch noch nie im „Ernstfall“ erprobt. Das macht mir noch etwas Angst, als ich schon an den ersten Pflegern und Schwestern vorbeieile. Es scheint mir offensichtlich, dass ihre mißtrauischen Gesichter mir verraten, dass sie keine Ahnung haben, wer ich bin und was ich hier will. Eine Person kommt mir bekannt vor und ich entsinne mich daran, dass ich bei meiner Vorstellung mit ihr gesprochen habe. Das gibt mir den Mut sie anzusprechen und sie nach dem Patienten meiner Studie zu fragen. „Hallo, mein Name ist ....., ich komme wegen des Patienten von der ...Studie.“ Ein gehetztes und nachdenkliches Gesicht meines Gegenübers überbrückt die kurze Zeit der Stille. „Du Günther , weißt Du was von irgendso`ner Studie?“ Eine Stimme vom anderen Ende des Flures ruft brummend eine Zimmernummer entgegen, welche dann von der Schwester vor mir wiederholt wird. Ich gehe auf den Raum zu und dort liegt tatsächlich mein erster Patient. Die Aufkleber liegen auf dem Tisch und ich suche nach dem Röhrchen Blut, welches das Pflegepersonal mir freundlicherweise mit abnimmt.
Mein Blick schweift ins Leere. Es ist soweit, dass ich mich damit auseinandersetze, dass ich nun wieder einmal Blut abnehmen werde. Meine Famulatur ist nun schon ein Jahr her und ich weiß nicht, wie schnell man so etwas verlernen kann. Der Windzug auf dem Flur macht mir durch seine Kühle bewußt, dass der Schweiß mir auf der Stirn steht. Mein hilfloser Blick läuft auf dem Flur, der von fleißiger Hektik bestimmt ist, aus.
Ich kehre in die kleine Box zurück und stelle mich dem Patienten vor, gewillt, ihm die Nadel in den Arm zu rammen.
Und dann kam alles anders
„Schönen guten Tag! Mein Name ist ..... . Ich komme wegen einer Studie, die wir bei Patienten wie ihnen durchführen, um unsere diagnostischen Fähigkeiten zu verbessern. Es entstehen ihnen keine Kosten und wir greifen auch nicht in ihre Therapie ein......“ Es dauert etwas, bis mein Text heruntergebetet ist. Ich bin freundlich, und mir ist vollkommen klar, dass der Mann vor mir gerade andere Sorgen hat, als meine Studie. Wir unterhalten uns und ich spüre irgendwie, dass ich hier nicht richtig ernst genommen werde. Es wird nun von mir der Versuch unternommen, dieses durch Freundlichkeit wieder gerade zu rücken. Der Patient schildert mir in knappen Worten und mit regloser Mine, dass er nicht gewillt ist, an solch einer Sache teilzunehmen, was dagegen meine Mimik eine kurze Zeit zum Entgleisen bringt. Es ist sein gutes Recht, doch habe ich bei allen Planungen von Patientenrekrutierungen nicht daran gedacht, dass sie keine Lust haben könnten. Ein naheliegender Aspekt, den ich übersehen habe und der mich durch diese subjektive Unvorhersehbarkeit doppelt erschüttert. Es war nun noch an mir den Aufklärungsbogen trotz dessen im Zimmer zu lassen und anzukündigen, dass ich morgen nochmals mit meinem Betreuer vorbeischaue. Etwas verwirrt verlasse ich das Zimmer, um das doch schon abgenommene Blut zu verarbeiten.
Am nächsten Tag gehen mein Betreuer und ich zu der Station, auf die unser Patient verlegt worden ist. Wir stellen uns und unsere Studie nochmals vor und gelangen in ein rund 30-minütiges Gespräch über die Moral der Ärzte, das Leben und die Wirrungen eines alten und leicht desorientierten Mannes in einem fremden Krankenzimmer. Nach abschließender Auswertung seiner Krankengeschichte verlassen wir das Zimmer mit der Gewissheit, dass wir unseren ersten Studienpatienten rekrutiert haben. Ich gehe nun mit meinem Betreuer zurück ins Labor, und er berät mich betreffend meines Auftretens bei der Rekrutierung. Man darf wohl nicht zu freundlich sein und soll eine gewisse Autorität darstellen, um von den Patienten auch ernst genommen zu werden. Eine Erfahrung, die ich ja schon gemacht habe. Er erzählt mir weiter von der Politik in der Klinik und lässt all die Machenschaften und Verwirrungen anklingen, die ich mir in den schönsten Farben ausmale. Meine Gedanken sind trotz der Berichte meines Nebenmannes weit weg, bis mich der Pieper von links und somit der nächste Patient aus meinen Träumen reißt.....
Jens Schaumberg