Die Wirrungen zweier Buchstaben und eines Punktes
Erfahrungen zur Doktorarbeit
Jens Schaumberg
Der weiße Kittel vermittelt ein seltsames Gefühl, als ich mit schnellem Schritt die Notaufnahme passiere, um den Windzug meines Vorgängers nicht abreißen zu lassen. Selten fühlte ich mich aktiv so verstellt. Überall auf der T/N finden sich farbige Monitore, kaleidoskopartige Diagramme und piepende Gesänge, in welche alle Maschinen einzustimmen versuchen. Ein zirkusartiges Bild der Farben und Töne, die den Laien bezirzen und den Fachmann erstaunen.
Die Möglichkeiten sind vielseitig und ein jedes ungewohntes Geräusch kann ein Gefühl der Angst heraufbeschwören. Wir warten. Für die Vorstellung des neuen Doktoranden ist die Anwesenheit des Oberarztes essentiell. Während wir warten unterhält sich mein Betreuer mit den Schwestern und Ärzten der Station, die ihn alle kennen und einen Spagat zwischen Smalltalk und Pflichterfüllung versuchen. Ich stehe sichtlich ignoriert, durch die scheinbare Unsicherheit und Komplexität der Situation, da, um mit einem freundlichen Gesicht aller Welt zu suggerieren, wie löblich meine Absichten sind.
Man steht an der Schwelle der mentalen Versuchung alles aufzugeben, um von diesen Menschen, die man zum ersten Mal sieht, akzeptiert zu werden. Die Gespräche ziehen sich, mein Lächeln friert ein. Der Oberarzt erscheint. Es ist ruhig geworden und ich habe den Eindruck, als spiegelten sich meine just erlebten Gedanken in den Gesichtern der anderen wider.
„Ach so, dass ist Herr , äh.....Herr....., ja richtig. Er ist unser neuer Doktorand und ich hoffe, sie werden ihn gut unterstützen.“ Ich nicke kurz und lächle sanft. Die Visite beginnt und die Routine hat auf der Station wieder ihren Platz gefunden. Bei mir hält sie sich noch etwas bedeckt. Mein Blick schweift über die Station und ich überlege, ob ich nicht noch irgendetwas Sinnvolles tun kann. Es fällt mir dabei auf, wie schwer es ist, auf einer fremden Krankenhausstation etwas Nützliches zu tun und nicht im Wege zu stehen. Ein schier aussichtsloses Unterfangen, wie mir während der Zeit auffällt, in der ich auf meinen Betreuer warte.
Nach einer Weile kommt er wieder zu mir, um mir das Labor zu zeigen. Wir hetzen und ich glaube, dass wir versuchen, die soeben verlorene Zeit aufzuholen. Im Labor angekommen werde ich in die Obhut eines erfahreneren Doktoranden übergeben. Dieser präsentiert die weiten Räumlichkeiten, mit allen ihren Geräten. Ich versuche mir alles zu merken, alle Einzelheiten, die so flüchtig meinen Geist streifen. Oft werde ich mich wohl verfluchen, wenn ich vergessen habe, wo etwas zu beschaffen ist, wo ich hingehen soll oder an wen ich mich wenden darf. So manches Mal werde ich unfreundlich angefahren von resignierten Verwaltungsbeamten, Handwerkern oder Assistenten, um mich dann darüber zu freuen, wenn einer von ihnen einmal nett zu mir sein wird.
Nicht alles persönlich nehmen
Ich werde dieses Verhalten nicht persönlich nehmen. Es ist wohl eher das Resultat aus dem Stress und der Unsicherheit vieler Menschen, welche den Weg für einen latenten Egoismus ebnen.
Mein Doktorandenkollege ist nett und ich fühle mich erst einmal wieder normal. Nachdem ich die Einführung in die Laborarbeit so einigermaßen behalten habe, gehe ich wieder in das Büro/Labor meines Betreuers. Natürlich weiß ich jetzt noch nicht, dass ich bei meinen ersten praktischen Versuchen niemand an der Hand haben werde, der mir hilft.
In einem gelassenen Schritt schreite ich über die Klinikflure. In mir regt sich ein Gefühl von Stolz und Ehrfurcht. Die Schilder auf den Türen weisen diesen Bereich, in dem ich arbeite, als Sicherheitsbereich aus. Unbefugten ist das Betreten verboten. Auch wenn mir nicht ganz klar ist, ob diese Schilder schon jemals irgendjemanden davon abgehalten haben, diese Türen zu öffnen, wird mir doch bewusst, dass ich meine ersten wissenschaftlichen Schritte in meinem Leben unternehme. Ich genieße diesen Augenblick und spüre, wie in mir die Motivation hochsteigt. Im Büro angekommen ordne ich sogleich meine wenigen Sachen. Hefte sie ab und bereite alles vor.
Nun heißt es warten. Der Pieper, den ich vor gut zwei Wochen hätte bekommen sollen, ist natürlich noch immer nicht da. Wir versuchen diese Zeit mit einer Telefonbereitschaft zu überbrücken und ich ahne bereits, dass dieser Zustand wohl länger andauern wird, als mir lieb ist.
Derweilen mache ich mich daran, meinen Vortrag auszuarbeiten, den ich in der nächsten Woche vortragen soll. Es ist das grundlegendste Hintergrundwissen zu meiner Promotion.
Die Suche nach neuen Papers in unserer Bibliothek zieht sich hin und ich merke kaum, wie die Zeit verstreicht. Natürlich sind die Texte alle auf Englisch und ich habe allerhand Befürchtungen im Bezug auf das, was mich hier noch erwartet. Endlich habe ich genug Material gefunden, welches auch in unserer Bibliothek auffindbar ist. Es überrascht mich beim Lesen, dass ich die Texte so gut verstehe. Natürlich schlage ich einiges nach, doch kann man mit einem normalen Englisch und der ähnlichen medizinischen Terminologie alles verstehen. Diese Texte besitzen eine ganz eigenartige Anziehungskraft. Es ist, als ließe ich mich gerade in eine Gletscherspalte herab, in der ich anfänglich beginne zu frieren. Stück für Stück lasse ich mich dann im Laufe der Zeit tiefer herab und irgendwann ist man so weit unten, dass das Frösteln von ganz allein aufhört. Man glaubt sogar zu spüren, wie es in der Tiefe immer wärmer wird.
Ich stecke gern viel Arbeit rein und trage in unserer kleinen Doktorrandenrunde meine Ergebnisse vor. Zwar kann ich einige Fragen meines Doktorvaters aufgrund mangelnder Angaben in den Papers nicht beantworten, doch lief es im Ganzen recht gut. Nächste Woche ist ein Anderer dran.
Meine Motivation entwickelt sich zwischenzeitlich wellenförmig, da sich der Beginn meiner Arbeit sehr schleppend darstellt.