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Ekel in der Medizin

Igitt! Was sollen Mediziner tun wenn sie sich ekeln?

Gastartikel der Zeitschrift Lege artis (Thieme)

Gewöhnung: Alles wird schwächer

Ganz verloren gehen die neuronalen und muskulären Reaktionen dabei nicht. „Die Mimik ist immer noch da, nur mit dem bloßen Auge kaum noch zu sehen“, erklärt Schienle. Messen lässt sie sich weiterhin elektromyografisch am Lippenhebermuskel. Auch im Gehirn schwächt sich die Aktivierung in allen beteiligten Arealen ab – doch nicht in allen gleich stark, wie Schienle festgestellt hat. „Im visuellen Kortex ist der Effekt weniger stark als beispielsweise in der Amygdala oder Insula“, so die Psychologin. Das Ergebnis: Die sensorischen Informationen werden weiterhin wahrgenommen, doch der emotionale Gehalt nimmt ab.

Gewöhnung kann scheitern

Trotzdem gelingt die Gewöhnung nicht immer – im Gegenteil: „Mir haben Pfleger berichtet, dass ihr Ekel mit der Zeit sogar schlimmer wurde – obwohl sie den Job schon viele Jahre machten“, sagt Schienle. Derartige Sensitivierungseffekte seien zum einen von der Ekelempfindlichkeit abhängig, zum anderen aber auch davon, wie der Einzelne mit seinen Ekelgefühlen umgeht. Wem sein Ekel stets peinlich ist und wer ihn nicht im Griff zu haben meint, ist für Sensitivierung eher gefährdet.   


Umgang mit Ekel

Ärzte reagieren eher unbewusst

Angehende Ärzte werden während des Studiums nur selten auf den richtigen Umgang mit ekligen Situationen vorbereitet. „Bei mir lässt sich das in einem Wort zusammenfassen“, sagt Assistenzarzt Jens Burgner (Name geändert): „Null.“ Literatur zum Thema? Mangelware. Sicher, die Schwestern und Pfleger sind von der Ekelproblematik eher betroffen als die Ärzte – sie haben einen ­intensiveren Kontakt zu den Patienten. Doch spätestens bei der gründlichen medizinischen Untersuchung kommt auch der Arzt nicht mehr um einen engen Körperkontakt herum. Wird es dann eklig, handeln viele Mediziner nach dem Motto „Da musst du jetzt mal durch.“ Denn Ärzte können sich eine deutliche Reaktion auf Ekelsituationen kaum leisten.

Probleme durch mangelnde Verarbeitung

Verdrängung mag dann zwar kurzfristig helfen, löst das Problem aber nicht auf Dauer. „Unter der Oberfläche läuft der Ekel trotzdem ab“, sagt Pfarrer Theodor Maas, seit 1995 Seelsorger und u. a. Ansprechpartner zum Thema Ekel am Uniklinikum Aachen und Medizinischen Zentrum der Städteregion Aachen. Passiert das öfter, besteht die Gefahr, dass sich Emotionen anstauen – mit negativen Konsequenzen für Patient und Arzt: Denn wer seine eigenen Bedürfnisse (d. h. die Tendenz zur „Flucht“ aus der Situation) ignoriert und nicht kompensieren kann, entwickelt mitunter Zorn. Dieser kann sich gegen Kollegen oder Patienten entladen. Langfristig drohen dadurch schlechtes Arbeitsklima, rüder Umgang mit Patienten bzw. schnelles Arbeiten sowie Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung und Ausbrennen (Burnout).


So erträgt man Ekel leichter – Tipps für den Alltag

Abstand gewinnen

Nicht immer lassen sich eklige Situationen vermeiden. Machen Sie sich dann bewusst, dass die Nähe ein wesentlicher Faktor für das Ekelerleben ist. Meist verlieren Dinge ihren Ekel, wenn man sich von ihnen entfernt. Auch wenn Sie als Arzt nicht fluchtartig aus dem Raum stürzen können, gibt es verschiedene Arbeits- und Verhaltensweisen, mit denen Sie räumliche und geistige Distanz herstellen können.  

Pausen

Erholung ist wichtig, um seine Ressourcen wieder aufzufüllen, diesen Rat gibt Pfarrer Maas auch in seinen Gesprächen weiter. „Wer körperlich und seelisch in guter Verfassung ist, kann Ekel meist besser verarbeiten“, so der Theologe und Therapeut.
  • Achten Sie daher auf ausreichend Schlaf (versuchen Sie es zumindest).
  • Nehmen Sie sich Zeit für kurze Pausen, z. B. für eine Tasse Kaffee mit den Kollegen.
  • Nach der Arbeit sollten Sie abschalten. Bewegung und frische Luft sind ideal, um Erschöpfung abzubauen.

 

Bereiten Sie sich gedanklich auf die Situation vor

„Die Ekelprobleme in der Medizin liegen weniger in der fachlich bedingten Situation“, so die Erfahrung von Theodor Maas. So sind bei einer Koloskopie Blähungen oder Kotabgang vorhersehbar. Wer das vorab berücksichtigt, kann im Hinblick auf den therapeutischen Erfolg handeln und so den Ekel ausblenden.

„Viel größere Probleme bereitet dagegen mangelnde Körperhygiene“, fasst Maas die Erzählungen seiner Gesprächspartner zusammen. Eine Vorbereitung vor Patientenkontakt ist darauf nur selten möglich. Der Fall eines Gynäkologen ist Maas besonders in Erinnerung geblieben.

unser Tipp

Positiv für den Patienten: Handschuhe signalisieren, dass es sich um einen rein medizinischen Kontakt handelt. So reduziert sich auch das Schamgefühl des Patienten.
In der Sprechstunde des Arztes saß ein Ehepaar, dessen Aussehen und Körper­geruch nur einen Schluss zuließen: Beide hatten sich schon seit Längerem nicht mehr gewaschen. Der Gynäkologe sah sich außerstande, die Frau zu untersuchen, und bediente sich eines Tricks. Er drückte dem Ehemann eine Nierenschale in die Hand, mit der Bitte, diese einen ­Moment zu halten. Er selbst müsse noch einmal ins Nebenzimmer – angeblich zu einer anderen Patientin. So konnte der Arzt Luft holen, sich einen Moment sammeln und auf die bevorstehende Prozedur einstellen. 

Handschuhe

Auch das Tragen von Handschuhen oder eines Arztkittels kann den Umgang mit ekligen Substanzen oder Patienten bereits deutlich erleichtern. Das hat auch PJler Krehmer bemerkt: „Mit Handschuhen habe ich keinerlei Hemmungen, irgendetwas anzufassen oder zu machen. Ob es das Hantieren mit Blut- oder Urinproben ist oder das Herausnehmen von Zahnprothesen.“ Krehmer trägt daher schon prophylaktisch bei allen intensiveren Patientenkontakten Handschuhe. Beschwert hat sich darüber noch keiner seiner Patienten, und aus Hygienegründen sind Handschuhe ohnehin bei vielen Untersuchungen Standard.  

unser Tipp

MMW

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