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Nefazodon
09.12.2023, 12:18
Ich kenne aber auch Intensiv-Pflegepersonal, das sich quasi zur Hauptaufgabe gemacht hat, ärztliche Aufnahmediagnosen (vor allem von Assistenten) in Frage zu stellen nach dem Motto "Der Patient ist grundlos hier, weil der Arzt keine Ahnung hat" und somit den ärztlichen Kollegen Respekt und Kompetenz absprechen.


Generell soll das nicht pauschalisieren und ich weiß, dass es sehr gutes RD-Personal gibt, die auf weniger kompetente ärztliche Kollegen treffen und dennoch muss ich sagen, dass bei EXTREM vielen vermeidlichen Überfliegern sehr viel Backgroundwissen fehlt wenn man dieses eruiert. Ich kenne es z.B. von der ITS-Pflege, dass diese quasi jeden Patienten im gleichen Modus beatmet haben und nach Gutdünken die Beatmungswerte nach BGA und ihrer "Erfahrung" umgestellt haben. Fast niemand kann fachlich korrekt erklären warum er welche Werte verändert und was diese überhaupt bezwecken. Ärzte können es auch nicht immer, aber meiner Erfahrung nach stellt sich gerade das Nicht-ärztliche Personal gerne als besonders kompetent dar.

Genau das ist das Problem: Natürlich hat jemand, der 3,4,5 Jahre oder länger immer in einem Bereich arbeitet mehr Erfahrung, als ein junger Arzt oder Ärztin der/die gerade von der Uni kommt.
Leider vergessen das die Menschen oft und halten sich selbst oft für besser (was sie in dem Moment auch sind, aber NUR aufgrund ihres zeitlichen Vorsprungs).
Nach einiger Zeit holen Ärzte/Ärztinnen diesen Vorsprung dann aber auf und werden oft auch besser.

Eigentlich soll einen gerade das Studium dazu befähigen, Dinge zu hinterfragen und begründet auch vom gelebten 08/15-Vorgehen abweichen zu können. Dafür braucht man aber viel Hintergrundwissen und deswegen dauern Studium+Facharztausbildung 11-12 Jahre...viel länger als eine Ausbildung.

Leider weiß das in der heutigen Zeit niemand mehr zu schätzen. In der heutigen Zeit der "Massenmedizin" kommt es nur noch darauf an, möglichst schnell eine große Zahl an Patienten durchzuschleusen.
Individualisierte Medizin? Abweichen vom Standard, wenn es gerechtfertigt ist? Pah....keine Zeit...
Und dann ist eben eine dreijährige Ausbildung auch genausogut wie ein Studium.

Aber wenn man ehrlich ist....auch viele Ärzte hinterfragen das, was sie tun nicht mehr....
Wer kann wirklich immer begründen, warum er diesen ACE-Hemmer nimmt und nicht den anderen, oder jenes Statin? (Obwohl sich die Präparate in ihren Eigenschaften wie HWZ, Interaktionen und Metabolisierung/Elimination teils durchaus unterscheiden)
Macht ja kaum jemand mehr. Da müssen wir uns dann auch nicht wundern, wenn wir ersetzt werden.

Meiner Meinung nach findet gerade eine großer Qualitätsverlust in der Medizin statt.
Leider ist das so gewollt.
Das ist nicht die Schuld der PAs....die sind nur ein Symptom.

Aber gut ist die Entwicklung, die man auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen beobachten kann, nicht.

DA1994
09.12.2023, 13:00
Wenn man sich so anguckt, auf welchem sprachlichen und fachlichen Niveau in einem Großteil der Häuser auf Assistenzarztebene "Medizin" gemacht wird, dann sind PA vermutlich ein erheblicher Qualitätssprung

freak1
09.12.2023, 13:04
Das ist ja aber berufs- und bundespolitisch so gewollt. Man möchte die Schleusen für jeden ausländischen Arzt öffnen, egal wie fragwürdig das Zeugnis ist und wie unzureichend die Deutsch-Kentnisse. Man möchte die Gehälter drücken und das könnte man kaum, wenn auf 10 Stellenangebote 1 Bewerber kommt.

Gegenbeispiel USA: Ach, sie sind Professor der Neurochirurgie mit 20 Jahren Berufserfahrung und zahlreichen Auszeichnungen? Gerne können Sie bei uns Vollzeit als Assoc. Prof. forschen. Aber wenn du klinisch arbeiten möchtest: die drei Ami-Staatsexamen, Residency und Fellowship komplett neu machen. NICHTS wird dir anerkannt. Man möchte einfach nicht, dass der US Markt mit billigen Ärzten aus dem Ausland geschwämmt wird und dadurch die eigenen Gehälter sinken.

720degree
09.12.2023, 13:09
Wenn man sich so anguckt, auf welchem sprachlichen und fachlichen Niveau in einem Großteil der Häuser auf Assistenzarztebene "Medizin" gemacht wird, dann sind PA vermutlich ein erheblicher Qualitätssprung


Schon richtig was du sagst. Aber das kann trotzdem nicht die Lösung sein.

h3nni
09.12.2023, 13:45
@freak: wie ich schon mal geschrieben habe: wenn wir ne vernünftige Gewerkschaft hätten und keinen "größten Ärzteverbanr", würde das funktionieren

Endoplasmatisches Reticulum
09.12.2023, 14:04
..........

rafiki
09.12.2023, 14:46
Wenn man sich so anguckt, auf welchem sprachlichen und fachlichen Niveau in einem Großteil der Häuser auf Assistenzarztebene "Medizin" gemacht wird, dann sind PA vermutlich ein erheblicher Qualitätssprung

Das ist leider absolut wahr! Und nicht nur dort, sondern schon seit etlichen Jahren und zunehmend auf OA- und CA-Ebene. Nur noch grauenvoll, welche Leute meinen, Pat. "behandeln" und Teams führen zu können, jedenfalls in meinem Gebiet.

Ich habe leider Assistenten mit jahrelanger Berufspraxis, die nicht mal die einfachsten Sachen können, die eigentlich ein Famulant beherrschen müsste, z. B. vernünftige körperliche Untersuchung, Anamnese, Wissen, dass man bei längerem Cortisoneinsatz Magenschutz geben muss etc. pp. Und keine Scham darüber, das heisst auch kein Bestreben, solche Unzulänglichkeiten zu ändern. Ganz abgesehen von immer schlechter werdenden Sprachfähigkeiten, auch bei genuin deutschen Kollegen.

Züschata
10.12.2023, 10:56
Wenn hier schon so auf Assistenzärzte draufgeschlagen wird, möchte ich noch zu bedenken geben, wie schwer bzw. unmöglich es ist, sich überhaupt in Ruhe mit dem einzelnen Patienten zu befassen, um eine optimale Therapie zu betreiben und auch daraus zu lernen. Wie schön wäre es doch, wenn man wirklich Zeit hätte, alle Unterlagen einzuholen, zu sichten und sich dann Gedanken machen zu können. Das geht nur, wenn man bereit ist, einige Überstunden zu machen. Und dazu bin ich bei all den Diensten nicht bereit, es ist langfristig nicht möglich. Und dazu gehört auch, die unerfahrenen und „schlechten“ Assistenzärzte auszubilden. Arbeit macht Spaß, wenn man ausgebildet wird. Und das wird für die meisten auch so zutreffen. Das Narrativ des unmotivierten und ignoranten Assistenzarztes halte ich für engstirnig und wenig empathisch. Und dieses Treten nach unten ist so ziemlich die einfachste Intervention, die den Job dann noch beschissener macht. Von meinem Chef darf ich mir in der Privatvisite auch jeden Tag diesen Generationenscheissdreck anhören. Das System bekommt die Ergebnisse, die es verdient. Mir fehlt dieser Aspekt leider vollkommen.

Endoplasmatisches Reticulum
10.12.2023, 11:08
.......

Nefazodon
10.12.2023, 11:12
Wenn hier schon so auf Assistenzärzte draufgeschlagen wird, möchte ich noch zu bedenken geben, wie schwer bzw. unmöglich es ist, sich überhaupt in Ruhe mit dem einzelnen Patienten zu befassen, um eine optimale Therapie zu betreiben und auch daraus zu lernen.

Das Narrativ des unmotivierten und ignoranten Assistenzarztes halte ich für engstirnig und wenig empathisch. Und dieses Treten nach unten ist so ziemlich die einfachste Intervention, die den Job dann noch beschissener macht.

Das System bekommt die Ergebnisse, die es verdient. Mir fehlt dieser Aspekt leider vollkommen.

@Züschata: Ich gebe dir da vollkommen Recht. Das Problem ist, dass wir Fließbandmedizin betreiben und *alle* keine Zeit mehr haben.

Wir müssen uns nicht wundern, wenn das Ansehen unseres Berufsstands in der Bevölkerung immer weiter sinkt.
Wir müssen uns nicht wundern, wenn die Menschen zum Heilpraktiker gehen, denn der hat wenigstens Zeit!
Wir müssen uns nicht wundern, wenn wir ersetzt werden.

Endoplasmatisches Reticulum
10.12.2023, 11:23
......

rafiki
10.12.2023, 11:24
Das Narrativ des unmotivierten und ignoranten Assistenzarztes halte ich für engstirnig und wenig empathisch. Und dieses Treten nach unten ist so ziemlich die einfachste Intervention, die den Job dann noch beschissener macht.

Ich spreche ausschließlich von denjenigen, die mir in verschiedenen Institutionen begegnet sind. Und wenn man genau liest, eben nicht nur von Assistenten. Es sind mir leider wenige Ausnahmen begegnet, die es gibt, überhaupt keine Frage. Um die tut es mir besonders leid, weil die leider allzu oft und zunehmend auf Vorgesetzte treffen, die fachlich und menschlich nicht für ihre Position geeignet sind.

Für entsprechend motivierte Kollegen, die etwas lernen wollen, mache ich übrigens gerne Überstunden, unbezahlt (brauche ich nicht, weil meine Vergütung exzellent ist) - nur: Viele wollen es nicht.

Endoplasmatisches Reticulum
10.12.2023, 11:30
.......

rafiki
10.12.2023, 11:34
Müssen tun sie überhaupt nichts, nicht mal ihren Beruf ausüben.

Aber dann bitte auch nicht wundern und jammern, wenn ehrgeizige PA ihnen irgendwann die Stellen streitig machen.

Wie gesagt: Weiterbildung ist nicht Bring- sondern Holschuld!!!

Endoplasmatisches Reticulum
10.12.2023, 11:36
........

rafiki
10.12.2023, 11:40
q. e. d.

Endoplasmatisches Reticulum
10.12.2023, 11:42
.......

Nefazodon
10.12.2023, 12:08
Doch, müssen wir. Bei den anderen Punkten gebe ich dir Recht, aber in diesem Belang macht mich die Idiotie meiner Standesvertreter (z.B. Kammer und Gewerkschaft) regelmäßig fassungslos. So strunzdumm wie wir kultiviert wirklich keine andere Berufsgruppe ihren eigenen Zerfall.


In dem Punkt gebe ich dir allerdings Recht und kann auch nur immer wieder den Kopf darüber schütteln.
Von unseren Standesvertretern bin ich regelmäßig relativ enttäuscht.

Die Frage wäre allerdings, ob das in anderen Ländern anders ist?
Wie ist die Haltung der ärztlichen Standesvertreter in Österreich, Schweiz, Dänemark etc.?
Mich würde schon interessieren ob das ein deutsches Phänomen ist, oder ein europäisches....dafür kenn ich mich in den Systemen der anderen Länder aber nicht gut genug aus.

Miss_H
10.12.2023, 13:03
Innerhalb der Arbeitszeit.

Wo kommen wir denn da hin. Am Ende arbeiten wir nur die Stunden, die bei uns im Arbeitsvertrag stehen.... Das geht doch nicht!

][truba][
10.12.2023, 13:58
Ist eine interessante Sache. Ich habe während meiner Assistentenzeit zwar fast durchgängig nette und meistens auch fähige OÄ gehabt, die mir aber während der Arbeit auch nie etwas beigebracht haben (im Sinne von „heute sprechen wir mal das und das durch“). Viel mehr hatte ich Glück mein Fach zu lieben und hab das oft in endlosen Stunden selber gelernt und mir geschworen, später mache ich es mal anders. Heute hab ich dann ÄiW, die können nach über einem Jahr noch nicht die Grundeinteilung des Prostata-Ca und wann man welches Staging anordnet. Wenn man dann im Gespräch bemerkt, der hat von diesem Grundthema (da gibt es echt nicht viel zu machen und können teilweise gute PJ‘ler) kein Plan, setz ich mich mit ihm auch nicht hin und kau ihm das vor. Dann sage ich, es wäre gut es über die nächsten Tage nochmal zu lesen und „am Montag“ sprechen wir nochmal drüber.

Die Zeiten ändern dich. Finde aber nicht das hier auf Ärzte in Weiterbildung (ich habe zumindest keinen Assistenten) eingeschlagen wird.