Es stellte sich heraus, dass sie auf meine Anweisung warteten, was mit der Patientin geschehen solle. Auf so viel Verantwortung hatte ich mich nicht eingestellt, zum Glück konnte ich nicht viel falsch machen. Also gab ich ganz souverän und in Angstschweiß gebadet die Anweisung: „Auf die Liege umlagern!“ Hier kam jedoch die nächste Herausforderung: mit oder ohne Vakuummatratze. Darauf hatte ich mich erst recht nicht eingestellt, überlegte aber schnell, dass es ungünstig wäre, ein luxiertes Gelenk zu bewegen, erst recht so ein großes und schmerzhaftes wie die Hüfte. Also wurde die Patientin zusammen mit der Vakuummatratze auf unsere Liege gelegt.
Zu meiner Erleichterung kamen beide diensthabende Chirurgen und übernahmen die weitere Versorgung der Patienten. Bei den Schlägerei-Opfern wurden Röntgenbilder der getroffenen Körperteile gemacht. Die junge Frau erhielt außerdem einen Schwangerschaftstest, der negativ ausfiel. Die Verletzungen erwiesen sich als bloße Prellungen, der jungen Frau wurde angeboten zur Überwachung da zu bleiben, weil eine Gehirnerschütterung anamnestisch nicht ausgeschlossen werden konnte. Sie entschied sich jedoch dagegen und die Familie verließ das Haus.
Bei der Dame mit der Hüftluxation wurde ebenfalls ein Röntgenbild angefertigt, das eine luxierte Hüft-TEP bestätigte. Anschließend wurde die Hüfte direkt in der Ambulanz in einer Kurznarkose unter grässlichen Knack- und Knirschgeräuschen reponiert. Die Patientin wurde aufgenommen, während schon die nächsten Patienten eintrudelten. Ein junger Mann mit den klassischen Symptomen einer Appendizitis und ein Junge, der als Analvenenthrombose angekündigt wurde, aber nur eine symptomatische Hämorrhoide hatte. Er durfte schnell wieder nach Hause gehen, während der Appendizitis-Patient notfallmäßig laparoskopisch appendektomiert wurde. Gegen 22 Uhr war mein Dienst zu Ende und ich begab mich leicht geschlaucht, aber zufrieden auf den Nachhauseweg.
Zusammenfassend kann ich zukünftige PJler-Generationen nur beruhigen. Alle frischen PJler haben Probleme mit Viggos und Blutabnahmen. Wenn es mal nicht klappen sollte, übernimmt der diensthabende Arzt. Niemand wird uns Anfängern böse sein, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert. Glücklicherweise muss niemand aus dem Stegreif Platzwunden nähen können. Zuerst schaut man sich einmal an, wie es der erfahrene Kollege macht, bei der nächsten fragt man, ob man es unter Anleitung selber versuchen darf und wenn man es sich dann zutraut, darf man später alleine Wunden versorgen. Das kommt aber alles mit der Zeit. Ich habe mich bei meinem ersten Dienst auf jeden Fall wohlgefühlt und an vorderster Front der Patientenversorgung ist es enorm spannend, weil jeder neue Fall eine Überraschung ist. Ich kann allen zukünftigen PJlern nur einen ruhigen ersten Dienst wünschen.