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Fr.Pelz
07.06.2021, 20:20
"Computational Neuroscience" betrifft Oma nicht in ihrem persönlichen Leben, sie freut sich, wenn es "mit die Wissenschaft" voran geht.
Die sachliche Begründung wäre: "was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht".

Es sind nicht Alles Akademiker in diesem Land, die Einen haben sich das Hirn weggeraucht, die Anderen haben von Natur aus nicht die Kapazitäten und wieder Andere haben nicht den Willen sich mit sowas auseinanderzusetzen.


Dann setzt man sich halt nicht damit auseinander und lässt die Forscher forschen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein rein geisteswissenschaftlicher Studiengang soviel Geld verbraucht wie...zb... die Forschung um Atomkraft. Im Grunde geht es also um ein Weltbild, was die Richtung vorgibt, in der geforscht werden darf.
Denn das Nicht-Akademiker mit einem gewissen Unverständnis für Zusammenhänge die Begründung sein sollen, ist ja jetzt offensichtlich abgehakt. Auch in Gender Studies geht die Wissenschaft voran und Oma Erna könnte sich darüber freuen, dass deswegen jetzt mehr Bewusstsein für sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz geschaffen wird, unter der sie selbst vielleicht noch noch gelitten hat.

Evil
07.06.2021, 20:59
Ist das so? Haben Gender Studies, Quotenregelungen und Gendersternchen tatsächlich einen Effekt, und sind nicht bloss heisse Luft? Gibt es dafür Belege?

Oder wurden und werden nötige Veränderungen im Denken und Handeln der Gesellschaft nicht eher von starken weiblichen Persönlichkeiten bewirkt, die die Ärmel hochkrempeln und was tun, statt zu schwätzen? Und ihre Söhne dazu erziehen, Frauen gleichberechtigt zu behandeln?

Schubbe
07.06.2021, 21:15
Sich nicht mit Genderstudies auseinander zu setzen ist faktisch nicht möglich. Ich kriege täglich E-Mails mit Stellenangeboten für Berufsbezeichnung*Innen (mwd), der/die/they [...]. Mich nervt es extrem, ohne irgendwelche Diskrimierungsgedanken dabei zu haben. Als Legastheniker finde ich das Lesen von Texten bereits anstrengend genug, ohne dass Personalpronomina durcheinander geworfen werden.

Wo soll das ganze denn hingehen? Es wird immer eine Gruppe geben, die sich diskriminiert fühlt und das ist gut so, denn es bedeutet, dass wir gesellschaftlich keine größeren Probleme haben. Letztendlich können wir auch nicht jeder Person ein n-Dimensionalen Vektor mit Werten in [0,1] zuweisen und es das korrekt gegenderte Personalpronomen nennen.

Ich bin was das ganze angeht sehr stark dafür dem französischen Vorbild zu folgen.

Kackbratze
07.06.2021, 21:21
Dann setzt man sich halt nicht damit auseinander und lässt die Forscher forschen.

Basta. Bitte nicht über die Sinnhaftigkeit diskutieren, oder dass sich Leute in ihre persönlichen Situation von forciertem Sexualkundeunterricht oder Gendersternchen am Salzstreuer gestört fühlen.

Wenn jeder von uns plötzlich ein Implantat bekommen müsste, weil "Computational Neuroscience" das verlangt, wirst Du genau die gleiche Gegenwehr von den Leuten sehen, die es nicht verstehen, nicht verstehen wollen oder es ablehnen.

Und schon hättest Du den nächsten Eintrag in einem Wahlprogramm von einer Partei und eine andere Partei, die diesen Fortschritt unbedingt haben will.

Das ist doch nicht so kompliziert, bringt aber trotzdem gerade den Thread insgesamt vom Thema ab.

Nefazodon
07.06.2021, 22:02
edit: nur mal aus Interesse: was ist denn für dich "das gewünschte Ergebnis" der Gender Studies? Mir ist nämlich ebenfalls nicht klar wie ein ganzes Studienfach "ein Ergebnis" haben kann.

Auch wenn das hier jetzt schon diskutiert wurde, will ich dir doch nicht die Antwort schuldig bleiben.
GelbeKlamotten hat in ihrem Post direkt über meinem eigentlich die besten Beispiele gebracht, was typische Glaubenssätze der Gender Studies sind.

Letztlich läuft es auf die These raus, dass " Gender", also das "soziale Geschlecht" nicht existieren würde, teilweise, wie in dem Post von GK nachzulesen sogar, dass "sex"" also das "biologische Geschlecht" nicht existieren würde.
Das gepaart mit Theorien, wer wann wie von wem diskriminiert wird macht einen großen Teil der "Gender Studies" und ihrer Forschung aus (meiner Meinung nach).

Und das Problem ist, dass diese Theorien am Anfang des ganzen stehen, und dass überwiegend geforscht wird, um Belege für diese Theorien zu finden, wohingegen Ergebnisse, die diesen Glaubenssätzen widersprechen würden, eher ignoriert werden.

:-meinung

Aber wir sind wirklich OT...

Thomas24
07.06.2021, 22:24
Der große Elefant im Raum ist die hohe Anzahl an Nicht- Wählern. Bis auf den -von der parlamentarischen Demokratie desillusionierten User- Crossie hat sich hier bislang noch niemand als bekennender Nicht Wähler geoutet. In Sachsen Anhalt haben es am vergangenen Wochenende weniger als 2/3 der Wahlberechtigten für nötig empfunden, sich zur Urne zu bequemen.

Wenn man Politprofi wäre, könnte man natürlich frech behaupten, dass es an den hervorragenden Regierungspolitik der Herrschenden gelegen hat, die einfach beim einfachen Wahlvolk keine Anreiz geboten hat, sich zu beteiligen- ganz einfach, weil man mit der gebotenen Performance so grundzufrieden sei. Warum etwas ändern...
Mein Erklärungsansatz läge da etwas anders. Ich befürchte, wir verlieren einfach einen zunehmenden Anteil der Wählerschaft, die sich nicht mehr am politischen Willensbildungsprozess beteiligen möchte. Sei es, dass Sie -wie Crossie- einfach von der Realität in einer parlamentarischen Demokratie desillusioniert sind (es ist einfach nunmal alles ein mühseliger Kompromiss), sei es, dass Sie für sich kein adäquates politisches Angebot sehen etc.

GelbeKlamotten
07.06.2021, 22:55
Der große Elefant im Raum ist die hohe Anzahl an Nicht- Wählern. Bis auf den -von der parlamentarischen Demokratie desillusionierten User- Crossie hat sich hier bislang noch niemand als bekennender Nicht Wähler geoutet. In Sachsen Anhalt haben es am vergangenen Wochenende weniger als 2/3 der Wahlberechtigten für nötig empfunden, sich zur Urne zu bequemen.

Wenn man Politprofi wäre, könnte man natürlich frech behaupten, dass es an den hervorragenden Regierungspolitik der Herrschenden gelegen hat, die einfach beim einfachen Wahlvolk keine Anreiz geboten hat, sich zu beteiligen- ganz einfach, weil man mit der gebotenen Performance so grundzufrieden sei. Warum etwas ändern...
Mein Erklärungsansatz läge da etwas anders. Ich befürchte, wir verlieren einfach einen zunehmenden Anteil der Wählerschaft, die sich nicht mehr am politischen Willensbildungsprozess beteiligen möchte. Sei es, dass Sie -wie Crossie- einfach von der Realität in einer parlamentarischen Demokratie desillusioniert sind (es ist einfach nunmal alles ein mühseliger Kompromiss), sei es, dass Sie für sich kein adäquates politisches Angebot sehen etc.


Wenn ich mir 100 Personen vorstelle, die insgesamt einen etwa repräsentativen Querschnitt durch die wahlberechtigte Gesellschaft in Deutschland darstellen, dann sind da MINDESTENS 30 Leute dabei, bei denen es einfach nicht sinnvoll ist, wenn sie wählen gehen.

Ein Teil ist nicht mehr oder noch nicht in der Lage sinnvoll über politische Themen nachzudenken, und ein nicht ganz kleiner Teil interessiert sich einfach 0,0 für Politik. Das liegt nicht daran, dass es für sie kein adäquates politisches Angebot gibt, sondern daran, dass sie generell kein Interesse an so einem Angebot haben.

Wenn ich nicht weiß, was der Unterschied zwischen Bundeskanzler und Bundespräsident ist und das der Bundestag kein gesetzlicher Feiertag ist und ich es auch gar nicht wissen WILL, dann brauche ich auch nicht zur Wahl zu gehen.

Daher finde ich Kampagnen, die generell Nichtwähler zum Wählen aufrufen, prinzipiell eher kontraproduktiv. Damit treibt man nur Leute an die Wahlurne, die ohne irgendwas zu hinterfragen auf plumpe Propagandasprüche hereinfallen - sei es ein „Reichtum für alle“ der Linken oder ein „Ausländer klauen unsere Jobs“ der AFD.

Ein Teil der Deutschen ist einfach unpolitisch und auch nicht für Politik zu interessieren. Um das zu ändern muss man nicht mit breiteren politischen Angeboten aufwarten, sondern muss grundlegend das Bildungssystem verbessern. Wenn die Leute mal im wahlfähigen Alter sind, dann ist es meistens weder möglich, noch sinnvoll, sie noch zu locken.

Wenn annähernd 2/3 der Leute wählen, dann hat meiner Meinung nach der größte Teil derjenigen, die sinnvoll dazu in der Lage sind, seine Stimme abgeben. Keine schlechte Quote finde ich.

Thomas24
07.06.2021, 23:43
Was veranlasst dich zu der Annahme, dass der Anteil der Nicht - Wähler annähernd deckungsgleich mit der Gruppe derjenigen ist, die "nicht sinnvoll" am politischen Willensbildungsprozess einzubinden ist? Und im Gegenzug die 2/3 Wahlteilnehmer, tatsächlich auch mehrheitlich zur Gruppe derjenigen, "die sinnvoll dazu in der Lage sind" gehören?
Ich befürchte, es gibt mehr Crossies, als uns bewusst ist. Einfach desillusioniert von den Möglichkeiten der parlamentarischen Demokratie. Und mehr Hoi Polloi unter den Wahlteilnehmern, als uns lieb sein kann.

"Wenn ich mir 100 Personen vorstelle, die insgesamt einen etwa repräsentativen Querschnitt durch die wahlberechtigte Gesellschaft in Deutschland darstellen, dann sind da MINDESTENS 30 Leute dabei, bei denen es einfach nicht sinnvoll ist, wenn sie wählen gehen." Man kann den Gedanken auch zwanglos weiterspinnen und kommt dann wieder bei einer Art Zensus Wahlrecht raus. Hatte auch was für sich.

GelbeKlamotten
08.06.2021, 00:47
Was veranlasst dich zu der Annahme, dass der Anteil der Nicht - Wähler annähernd deckungsgleich mit der Gruppe derjenigen ist, die "nicht sinnvoll" am politischen Willensbildungsprozess einzubinden ist? Und im Gegenzug die 2/3 Wahlteilnehmer, tatsächlich auch mehrheitlich zur Gruppe derjenigen, "die sinnvoll dazu in der Lage sind" gehören?
Ich befürchte, es gibt mehr Crossies, als uns bewusst ist. Einfach desillusioniert von den Möglichkeiten der parlamentarischen Demokratie. Und mehr Hoi Polloi unter den Wahlteilnehmern, als uns lieb sein kann.


Du hast natürlich recht, natürlich sind es nicht nur die politisch informierten, die wählen gehen. Aber nur aus einer wahlbeteiligung von unter 2/3 bei einer landtagswahl lässt sich meiner meinung nach nicht ablesen, dass unbedingt mehr leute wählen gehen sollten.

Dazu müsste man in der Tat dann erst mal analysieren, warum die wahlbeteiligung verhältnismäßig niedrig (meiner meinung nach aber immer noch recht solide) ist.

Die üblichen Methoden um die Wahlbeteiligung zu erhöhen sind ja in der regel recht unspezifische „Geh zur Wahl“-Kampagnen. Die würde ich austauschen wollen mit „Wenn du politisch interessiert bist, dann geh zur Wahl!“.




"Wenn ich mir 100 Personen vorstelle, die insgesamt einen etwa repräsentativen Querschnitt durch die wahlberechtigte Gesellschaft in Deutschland darstellen, dann sind da MINDESTENS 30 Leute dabei, bei denen es einfach nicht sinnvoll ist, wenn sie wählen gehen." Man kann den Gedanken auch zwanglos weiterspinnen und kommt dann wieder bei einer Art Zensus Wahlrecht raus. Hatte auch was für sich.

Finde ich nicht, dass das in irgendeiner Weise vergleichbar ist. Ich möchte ja niemandem das Wahlrecht absprechen. Ich möchte nur diejenigen, die es einfach nicht interessiert und die nicht gewillt oder fähig dazu sind sich zumindest grob zu informieren, nicht dazu anhalten nur der quote wegen wählen zu gehen und ihre entscheidung dann vom eingängigsten plakatspruch abhängig zu machen.

Schon möglich, dass auch die Anzahl der eigentlich interessierten, aber politikverdrossenen Nichtwähler streigt. Aber was wäre dann dein Vorschlag, um das zu ändern? Sie trotzdem zur Wahl schicken, damit sie ihr Kreuz dann aus Protest links oder rechts außen setzen? Das Regierungs- und Wahlsystem komplett verändern? Ich fürchte es werden ja noch mehr verdrussreiche Jahre auf uns zukommen und weder ein Herr Laschet, noch eine Frau Baerock wird bei den meisten Desillusionierten für neue Begeisterungssprünge sorgen.

Feuerblick
08.06.2021, 05:42
Nun, ich war lange Jahre bekennender Nichtwähler. Ich gehe inzwischen wählen, weil ich keinen Bock auf die AfD und Konsorten habe - aber ganz sicher nicht, weil ich den Eindruck habe, dass das aktuelle politische System mit seinem Geklüngel und seinen hohlen Versprechen noch irgendwie was taugen würde und/oder das Wählen an „der Politik“ irgendwas ändern könnte. Für mich besteht Politik fast nur noch daraus, andere zu diskreditieren und ihre Vorschläge kaputtzureden statt sich selbst Gedanken um Lösungen zu machen. :-nix

Kackbratze
08.06.2021, 05:54
Bei den Vorschlägen der Parteien muss ich mal schauen, wieviel aus Wolkenkuckucksheim stammt, weil es Landesgesetze berührt, auf die nur wenig bis garkeine Einfluss vorliegt.

Bildungspolitik ist ja Ländersache, da ist vergleichsweise wenig Einfluss da.
Wie ist das mit der geplanten Aufwertung von Ausbildungsjobs/Alphabetisierung der Bevölkerung. Wo sind da die realen Einflussmöglichkeiten?

Fr.Pelz
08.06.2021, 08:03
Ist das so? Haben Gender Studies, Quotenregelungen und Gendersternchen tatsächlich einen Effekt, und sind nicht bloss heisse Luft? Gibt es dafür Belege?

Oder wurden und werden nötige Veränderungen im Denken und Handeln der Gesellschaft nicht eher von starken weiblichen Persönlichkeiten bewirkt, die die Ärmel hochkrempeln und was tun, statt zu schwätzen? Und ihre Söhne dazu erziehen, Frauen gleichberechtigt zu behandeln?

Ich hätte jetzt auch gar nicht den Anspruch an ein Studienfach, direkte Veränderungen zu bewirken, sondern eben das originäre Ziel der Wissenschaft zu verfolgen: Wissen generieren. Es klingt in den Diskussionen ja oft so, als ob die Gender-Studies-Absolventen wie kleine Soldaten ausschwärmen würden, sich vor jede Zeitungsredaktion stellen und per Zwang ein Sternchen an jedes Substantiv kleben wollen... Es geht ja um Dialog und nur wenn die Wissenschaftler belastbare Fakten herantragen können (auch der Vergleich mit anderen Ländern, anderen Zeiten etc ist ja interessant) kann man auf dieser Grundlage als Gesellschaft diskutieren und sich einigen was man will.
Ich kann also gut nachvollziehen, wenn jemand sagt "ich will kein Gendersternchen" das ist eine Meinung, die man akzeptieren muss- aber die Forschung dazu quasi verbieten zu wollen, ist halt ein Augen verschließen vor möglichem Wissenszuwachs.

(Ich finde es auch irgendwie Quatsch, dass die AFD damit "wirbt". Wäre ich ein junger Mann im Osten der Republik, der frustriert ist, weil er kein Internet hat, keinen guten ÖPNV und keinen Ausbildungsplatz, dann würde ich doch dem AFD-Fuzzi gern die "Angebote zur Selbstverhamlosung" (Götz Kubitschek) (sic!) wie kostenlosen ÖPNV abnehmen- aber ob es irgendwo im fernen Berlin dieses oder jenes Studienfach gibt oder nicht gibt, wäre mir ja piepegal…

Aber gut, wahrscheinlich sind das eben die Lockangebote und durch die Hintertür wird dann das Weltbild implementiert.

Naja, das waren jetzt noch meine 2cents zur Debatte.
Zu den Nichtwählern: ich verstehe auch sehr gut, dass es wahnsinnig anstrengend ist, sich mit verschiedenen Argumenten auseinanderzusetzen und am Ende immer nur bei Kompromissen zu bleiben. Da bewundere ich Politiker für, die sich hauptberuflich in Ausschüssen und Sitzungen herumquälen und am Ende hat trotzdem immer jemand was zu meckern oder man ist selbst nicht zufrieden, wenn man sich nicht durchsetzen konnte...
(Ich würde ja schnell die arme hochreißen und "macht doch was ihr wollt" rufen :-D )

Aaaaber: wenn man nichts macht, darf man halt auch nicht meckern und für die Leute, die sich eben nicht lang mit en Themen auseinander setzen können oder wollen, gibt es ja so Angebote wie den Wahl-o-mat. Evtl gibt's den ja vielleicht auch schon irgendwo noch einfacher mit vielleicht ca 10 Themen. Denn ich finde schon, dass es auch wichtig ist, auf die Stimmen derer zu hören, die kognitiv nicht zu allem in der Lage sind, denn zum Teil sind da ja auch die Lebenswelten ganz andere. Wenn wir die nicht berücksichtigen, gehen wir in Gefahr, dass die Gesellschaft noch mehr auseinander geht. Weiß ich, was für Bedürfnisse jemand hat, der im Rollstuhl sitzt und in einer Behindertenwerkstatt arbeitet? Oder jemand, der in einer viel zu engen Wohnung in einem Brennpunktviertel sich durchs Leben hangelt? Nö weiß ich nicht. Vielleicht braucht letzterer nicht mehr Geld, sondern mehr Beratungsangebote? Aber da müssen alle Menschen eine Chance haben, das irgendwie deutlich zu machen.

Lava
08.06.2021, 09:04
Nun, ich war lange Jahre bekennender Nichtwähler. Ich gehe inzwischen wählen, weil ich keinen Bock auf die AfD und Konsorten habe - aber ganz sicher nicht, weil ich den Eindruck habe, dass das aktuelle politische System mit seinem Geklüngel und seinen hohlen Versprechen noch irgendwie was taugen würde und/oder das Wählen an „der Politik“ irgendwas ändern könnte. Für mich besteht Politik fast nur noch daraus, andere zu diskreditieren und ihre Vorschläge kaputtzureden statt sich selbst Gedanken um Lösungen zu machen. :-nix

Galt das Nicht-Wählen eigentlich nur bei Bundestagswahlen oder auch auf regionaler Ebene? Mag sein, dass wirkliche Veränderung auf Bundesebene sehr langsam und nur stark verwässert ankommen und man das Gefühl hat, es ist eh egal, welche Hansel da jetzt in den Stühlen sitzen. Aber je weiter runter man geht, umso spürbarer werden die Auswirkungen, finde ich. Wir haben seit der letzten Wahl ein paar Grüne im Gemeinderat sitzen, und siehe da, plötzlich wird Ökotrom angeschafft, ein Solarpark gebaut, der Bebauungsplan der Gemeinde nochmal überdacht und ein Einheimischenmodell bei der Vergabe von Baugrundstücken beschlossen. Auch die Landesebene kann spürbare Auswirkungen auf die Bundesebene haben. Man denke nur mal an die Erhöhung der Rundfunkgebühren (wobei ich es eher nicht so toll finde, dass die blockiert wurde).
Nicht wählen zu gehen heißt für mich irgendwie, sich als folgsames Schaf allem zu beugen, was da passiert.

GelbeKlamotten
08.06.2021, 09:35
(Ich finde es auch irgendwie Quatsch, dass die AFD damit "wirbt". Wäre ich ein junger Mann im Osten der Republik, der frustriert ist, weil er kein Internet hat, keinen guten ÖPNV und keinen Ausbildungsplatz, dann würde ich doch dem AFD-Fuzzi gern die "Angebote zur Selbstverhamlosung" (Götz Kubitschek) (sic!) wie kostenlosen ÖPNV abnehmen- aber ob es irgendwo im fernen Berlin dieses oder jenes Studienfach gibt oder nicht gibt, wäre mir ja piepegal…

Insbesondere bei Leuten, bei denen Faktenwissen fehlt, läuft vieles auf der emotionalen Ebene. Ist ja überall so, sieht man auch hier im Forum. Neid und Misgunst sind da immer besonders mobilisierend.

Und wenn man dem jungen Menschen ohne Ausbildungsplatz vorführt, wie irgendwelche Gender-Professorinnen sechsstellige Gehälter auf Kosten der Allgemeinheit kassieren und dafür nur irgendein Fremdwort-überfrachtetes pseudointellektuelles Geblubber produzieren, dann triggert das eben sehr.

Bei vielen Menschen ist nicht wirklich ein Gespür für Relationen vorhanden. Millionen, Milliarden, ist alles das selbe, halt irgendwelche hohen Geldbeträge. Von daher ist dann wahrscheinlich oft das Verständnis da: wenn wir denen das Geld entziehen, dann könnte ich dafür viel mehr bekommen.

Das nutzt die AFD eben für ihren Wahlkampf aus. Genau wie andere Parteien auch ihre Vorzeigethemen immer wieder in die Öffentlichkeit ziehen. Ist sicherlich kein Zufall, dass heute groß „Rente erst mit 68“ auf der Titelseite der Bild steht. Ist ja nicht so, als würde irgendeine Partei sowas ernsthaft kurz vor der Bundestagswahl vorschlagen. Da kam halt irgendein Gremium zu dem Schluss, dass das faktisch objektiv nötig wäre und den Linksgrünen spielt es natürlich in die Karten, das direkt auszuschlachten und sich möglichst öffentlichkeitswirksam über die Fakten zu empören.


Denn ich finde schon, dass es auch wichtig ist, auf die Stimmen derer zu hören, die kognitiv nicht zu allem in der Lage sind, denn zum Teil sind da ja auch die Lebenswelten ganz andere. Wenn wir die nicht berücksichtigen, gehen wir in Gefahr, dass die Gesellschaft noch mehr auseinander geht. Weiß ich, was für Bedürfnisse jemand hat, der im Rollstuhl sitzt und in einer Behindertenwerkstatt arbeitet? Oder jemand, der in einer viel zu engen Wohnung in einem Brennpunktviertel sich durchs Leben hangelt? Nö weiß ich nicht. Vielleicht braucht letzterer nicht mehr Geld, sondern mehr Beratungsangebote? Aber da müssen alle Menschen eine Chance haben, das irgendwie deutlich zu machen.

Ein überwiegend körperlich Behinderter, der in einer Behindertenwerkstatt arbeitet, wird auch von sich aus wählen. Wer kognitiv stark beeinträchtigt ist, bei dem dürfte dann in vielen Fällen auch äußerst fraglich sein, ob er in der Lage ist eine Wahlentscheidung zu treffen, die in seinem eigenen Interesse ist. Wenn er wählen möchte und geschäftsfähig ist, muss er das dürfen, das ist gar keine Frage. Aber ob man diese Leute aktiv dazu bewegen muss, damit sie dann die Partei wählen, von der vielleicht zufällig immer ein Werbekugelschreiber auf dem Tisch der Werkstatt lag, da bin ich dann schon eher skeptisch.

„Informiere dich politisch“ ist meiner Ansicht nach immer die sinnvollere Botschaft als „geh auf jeden Fall zur Wahl und mach irgendein Kreuzchen, damit die Wahlbeteiligung hoch ist.“

Feuerblick
08.06.2021, 09:41
Galt das Nicht-Wählen eigentlich nur bei Bundestagswahlen oder auch auf regionaler Ebene? Mag sein, dass wirkliche Veränderung auf Bundesebene sehr langsam und nur stark verwässert ankommen und man das Gefühl hat, es ist eh egal, welche Hansel da jetzt in den Stühlen sitzen. Aber je weiter runter man geht, umso spürbarer werden die Auswirkungen, finde ich. Wir haben seit der letzten Wahl ein paar Grüne im Gemeinderat sitzen, und siehe da, plötzlich wird Ökotrom angeschafft, ein Solarpark gebaut, der Bebauungsplan der Gemeinde nochmal überdacht und ein Einheimischenmodell bei der Vergabe von Baugrundstücken beschlossen. Auch die Landesebene kann spürbare Auswirkungen auf die Bundesebene haben. Man denke nur mal an die Erhöhung der Rundfunkgebühren (wobei ich es eher nicht so toll finde, dass die blockiert wurde).
Nicht wählen zu gehen heißt für mich irgendwie, sich als folgsames Schaf allem zu beugen, was da passiert.
Anfangs galt das auch für die regionale Ebene - denn dort saßen in allen Parteien alte Männer ganz oben, die einfach nichts verändern wollten. Egal, welche Partei man gewählt hat. Die Grünen waren quasi nicht existent.
Inzwischen finden sich in allen Parteien jüngere Leute mit Veränderungswillen und die Parteienlandschaft ist regional nicht mehr auf ein paar große Parteien beschränkt. Das gilt aber tatsächlich nur bis zur Landkreisebene. Darüber hinaus war definitiv Nichtwählen angesagt.
Ich finde nicht, dass man „folgsames Schaf“ ist, wenn man nicht wählt. Immerhin werden die Nichtwähler in Statistiken zumindest aufgeführt. Und wenn sowieso alle Parteien den gleichen Mist bauen und sich gegenseitig blockieren, ist auch ziemlich wurscht, wer nominell Regierung und wer Opposition ist.
Diejenigen, die einfach nur ihr Kreuz bei SPD oder CDU oder, oder machen, weil schon der Opa vom Papa in der SPD, CDU oder,oder war, die werden nirgendwo erwähnt. Die sind für mich viel eher die folgsamen Schafe.

Thomas24
08.06.2021, 16:25
Nun, ich war lange Jahre bekennender Nichtwähler. Ich gehe inzwischen wählen, weil ich keinen Bock auf die AfD und Konsorten habe - aber ganz sicher nicht, weil ich den Eindruck habe, dass das aktuelle politische System mit seinem Geklüngel und seinen hohlen Versprechen noch irgendwie was taugen würde und/oder das Wählen an „der Politik“ irgendwas ändern könnte. Für mich besteht Politik fast nur noch daraus, andere zu diskreditieren und ihre Vorschläge kaputtzureden statt sich selbst Gedanken um Lösungen zu machen. :-nix

Das wären mit Crossie und Dir schon zwei Desillusionierte hier.
Gut, Crossie wählt vermutlich nicht mehr. Ich muss mir auch überlegen, dieses Jahr zur Wahl zu gehen, nur um den größten Unfug abzuwenden.

Kackbratze
08.06.2021, 16:39
...oder den größten Unfug anzustellen.

MacAdder
08.06.2021, 16:49
Ich verstehe das mit den Erdbeeren nicht, wahrscheinlich weil Montag ist, ist das irgendwie doppelte Ironie? Soll das heissen, dass du es extrem findest, im Winter Erdbeeren kaufen zu können oder drauf verzichten zu müssen? Und warum soll das ein oder andere extrem sein oder war gerade das die Ironie da dran?

Hier sind tatsächlich Spuren doppelter Ironie enthalten, denn die von mir zitierte Aussage des "Afd"-Politikers Martin Vincentz

„Bei allen Vorzügen der Globalisierung, dass ich im Winter Erdbeeren für 1,20 Euro im Lidl bekomme – das ist irre für unseren Planeten“

dürfte sehr exakt dem Zeitgeist entsprechen und auch erheblichen Anklang bei vielen "Grünen" bzw deren Wählerinnen finden.
Selbstverständlich nur, solange sie nicht wüssten, von welchem gefährlichen Wolf im Schafspelz sie stammt.
Das würde dann wohl erhebliche kognitive Dissonanz nach sich ziehen und als Reaktion könnte man den üblichen, endlosen "Reentry-Mechanismus" aus sich gegenseitig triggernden, brav repetierten Klischees zum Thema "Afd" beobachten.
Entsprechendes war ja auch hier wieder zu lesen: „ junger Mann im Osten der Republik, der frustriert ist, weil er kein Internet hat, keinen guten ÖPNV und keinen Ausbildungsplatz“.

Der hier exemplarisch erwähnte, promovierte Mediziner Martin Vincentz passt ja bspw perfekt in diese Schublade. Angesichts eines Alters von 35 könnte man zusätzlich noch direkte Verstrickungen in Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus prüfen… vielleicht verstehst du, worauf ich hinaus möchte.

Der ehemalige EU- und NATO-Korrespondent Markus Günther hat in seinem 2015 in der FAZ erschienenen Artikel mit dem Titel „Ein Volk von Antifaschisten“ einen überaus luziden und kurzweiligen Erklärungsversuch für diese Phänomene unternommen.

Dort heißt es unter anderem:

„Über 200 Initiativen im Kampf „gegen Rechts“ verzeichnet die Bundeszentrale für politische Bildung schon heute, und seit es die AfD und Pegida gibt, werden es immer mehr. Warum, ist klar. Nichts tut so gut wie das Gefühl, gegen Rechts zu kämpfen. Denn dann steht man garantiert auf der richtigen Seite. Wenn es stimmt, was Franz Werfel einst schrieb, dass nämlich neben dem Geschlechtstrieb kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr bestimmt wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit, dann ist leicht zu verstehen, warum der Kampf gegen Rechts solche Energien freisetzt: Er belohnt den Kämpfer mit einem maßlosen, ja mit dem denkbar größten moralischen Sieg überhaupt. Man stellt sich schließlich - irgendwie, im weitesten Sinne oder so - gegen Hitler und den Holocaust.
Hinzu kommt, dass Antifaschismus noch nie so billig zu haben war wie heute. Früher konnte er das Leben kosten, heute kostet er nicht mehr als ein Lippenbekenntnis unter Gleichgesinnten - und schon gehört man dazu, zum erlesenen Kreis der Aufrichtigen, Anständigen, Tapferen. Die Kämpfer gegen Rechts bilden den Adelsstand der aufgeklärten Gesellschaft. Oder noch einen Schuss polemischer: Hier findet ein Ablasshandel statt; die moralische Überlegenheit kann man einfach erwerben, indem man dem Kampf gegen Rechts beitritt.“

Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit. Könnte das eventuell auch eines der Hauptmotive bei der Wahlentscheidung sein?

Bevor dem Autor von geneigter Seite eine rechte Gesinnung unterstellt wird: Markus Günther veröffentlichte 2007 die erste deutschsprachige Biografie des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Thomas24
08.06.2021, 18:03
...oder den größten Unfug anzustellen.

Erwischt. :-wow

Fr.Pelz
08.06.2021, 18:20
Hier sind tatsächlich Spuren doppelter Ironie enthalten, denn die von mir zitierte Aussage des "Afd"-Politikers Martin Vincentz

„Bei allen Vorzügen der Globalisierung, dass ich im Winter Erdbeeren für 1,20 Euro im Lidl bekomme – das ist irre für unseren Planeten“

dürfte sehr exakt dem Zeitgeist entsprechen und auch erheblichen Anklang bei vielen "Grünen" bzw deren Wählerinnen finden.
Selbstverständlich nur, solange sie nicht wüssten, von welchem gefährlichen Wolf im Schafspelz sie stammt.
Das würde dann wohl erhebliche kognitive Dissonanz nach sich ziehen und als Reaktion könnte man den üblichen, endlosen "Reentry-Mechanismus" aus sich gegenseitig triggernden, brav repetierten Klischees zum Thema "Afd" beobachten.
Entsprechendes war ja auch hier wieder zu lesen: „ junger Mann im Osten der Republik, der frustriert ist, weil er kein Internet hat, keinen guten ÖPNV und keinen Ausbildungsplatz“.

Der hier exemplarisch erwähnte, promovierte Mediziner Martin Vincentz passt ja bspw perfekt in diese Schublade. Angesichts eines Alters von 35 könnte man zusätzlich noch direkte Verstrickungen in Verbrechen zur Zeit des Nationalsozialismus prüfen… vielleicht verstehst du, worauf ich hinaus möchte.

Der ehemalige EU- und NATO-Korrespondent Markus Günther hat in seinem 2015 in der FAZ erschienenen Artikel mit dem Titel „Ein Volk von Antifaschisten“ einen überaus luziden und kurzweiligen Erklärungsversuch für diese Phänomene unternommen.

Dort heißt es unter anderem:

„Über 200 Initiativen im Kampf „gegen Rechts“ verzeichnet die Bundeszentrale für politische Bildung schon heute, und seit es die AfD und Pegida gibt, werden es immer mehr. Warum, ist klar. Nichts tut so gut wie das Gefühl, gegen Rechts zu kämpfen. Denn dann steht man garantiert auf der richtigen Seite. Wenn es stimmt, was Franz Werfel einst schrieb, dass nämlich neben dem Geschlechtstrieb kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr bestimmt wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit, dann ist leicht zu verstehen, warum der Kampf gegen Rechts solche Energien freisetzt: Er belohnt den Kämpfer mit einem maßlosen, ja mit dem denkbar größten moralischen Sieg überhaupt. Man stellt sich schließlich - irgendwie, im weitesten Sinne oder so - gegen Hitler und den Holocaust.
Hinzu kommt, dass Antifaschismus noch nie so billig zu haben war wie heute. Früher konnte er das Leben kosten, heute kostet er nicht mehr als ein Lippenbekenntnis unter Gleichgesinnten - und schon gehört man dazu, zum erlesenen Kreis der Aufrichtigen, Anständigen, Tapferen. Die Kämpfer gegen Rechts bilden den Adelsstand der aufgeklärten Gesellschaft. Oder noch einen Schuss polemischer: Hier findet ein Ablasshandel statt; die moralische Überlegenheit kann man einfach erwerben, indem man dem Kampf gegen Rechts beitritt.“

Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit. Könnte das eventuell auch eines der Hauptmotive bei der Wahlentscheidung sein?

Bevor dem Autor von geneigter Seite eine rechte Gesinnung unterstellt wird: Markus Günther veröffentlichte 2007 die erste deutschsprachige Biografie des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

Pfft. Icxh hab doch schon geschrieben, dass ich der afd auch den ein oder anderen vernünftigen Gedanken zutraue. Erdbeeren im Winter NICHT zu verkaufen ist so ein vernünftiger Gedanke.
Andersrum wird ein Schuh draus. HÄTTE Das ein Grünen-Politiker gesagt, hätten gleich wieder alle "Verbotspartei" geschrien.

(Vielleicht sollte man so den Veggie-Day implentieren- indem man AFD-Politiker "früher gab es auch NUR den Sonntagsbraten" sagen lässt :-D )

Und deine Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit -äh ja? Es geht nicht um ÜBERlegenheit, es geht um Überlegtheit. Man kommt halt drauf, dass gewisse Dinge das Richtige sind. Das hört sich bei dir so an wie der verächtliche Ausdruck vom Gutmenschentun. Ich finde es ganz gut ein guter Mensch zu sein. Was ist falsch daran?