Famulatur an der West Virginia University
Neurologie und Neurochirurgie in den USA
André Schäfer
Neurologie-Famulatur
Morgantown ist ein kleiner idyllischer Ort: 150.000 Einwohner, etwa 25.000 Studenten, genau zwischen New York und Chicago in den Ausläufern der Apalachen im Bundesstaat West Virginia. Nachdem ich die 200$ für die Insurance bezahlt hatte, konnte es losgehen. Um Wohnungen mußte man sich selbst kümmern, ich habe aber von der Sekretärin zuvor ein Prospekt über die Pierpont Apartments bekommen, ein Studenten-Apartment-Komplex direkt neben der Uni. Es war allerdings teuer, 475 $ pro Monat und man wohnte zu dritt in einem Apartment, aber jeder hatte sein eigenen Schlafraum mit Schreibtisch.
Nachdem ich dem ganzen Team vorgestellt wurde, begann die eigentliche Rotation in der Outpatient Clinic (Poliklinik). Von 8.00 – 9.00 fanden immer die Vorlesungen statt, dann ab 9.00 kamen die Patienten in die Klinik. Es sind immer drei Studenten (mit mir dieses Mal vier) gleichzeitig am Rotieren, d.h. sie sitzen im Arztzimmer und warten auf die Krankenakten. Dann schnappt man sich diese, schaut kurz durch worum es geht, überfliegt die alten Befunde und insbesondere die Notizen der letzten Konsultation, bei neuen Patienten hat man halt nur die Einweisungsdiagnose als Hinweis. Als nächstes geht man zum Patienten. Die erste Woche bin ich allerdings einem Medizinstudenten hinterhergelaufen, um zu sehen, wie die neurologische Untersuchung dort abläuft und um die „Kommandos“ und Fragen zu lernen und um überhaupt etwas in den schwierigen West-Virginia-Akzent hineinzukommen.
Man geht also in die Kabine und legt los, macht eine Anamnese und fragt warum der Patient gekommen sei, ob er mit seinen Medikamenten zufrieden ist und notiert sich alles fein säuberlich auf dem „New Patient Work Sheet“ oder „Return Patient Work Sheet“, den die Schwestern einem schon oben auf die Akte gelegt haben. Dann macht man die neurologische Untersuchung. Diese ist sehr genau bei neuen Patienten und bei „Return Patienten“ eine Ermessenssache.
Danach geht man ins Arztzimmer zurück und stellt dem behandelnden Arzt den Patienten vor, stellt kurz dar, warum der Patient dieses Mal gekommen ist. Hat er Laborwerte mit oder Röntgenbilder, so werden diese im Arztzimmer mit dem Arzt und Kollegium angeguckt und kommentiert. Dann geht man mit dem Arzt zusammen in die Kabine, der fragt nochmals das Wichtigste und macht eventuell auch eine kurze Untersuchung und schließt dann auch das Gespräch ab, schreibt ein Rezept oder überweist den Patienten. Mit dem Arzt werden danach noch kurz die eigenen Resultate der Untersuchung und das Procedere, das man selbst vorgeschlagen hat, mit dem des Arztes verglichen und wiederum kommentiert. Danach vervollständigt man die Akte, d.h. man ergänzt eventuell den Untersuchungsbefund und notiert, was der Arzt als Procedere festgelegt hat. Um 12.00 – 13.00 ist dann Mittagspause und von 14.00 bis etwa 17.00 hat man noch gut zu tun. Regelmäßig finden in der Mittagszeit Conferences statt, so z.B. Kinderneurologie, Neuropathologie und die Abteilungskonferenz. Dabei kann man sein Essen aus der Kantine ruhig mitnehmen und wirklich interessanten Vorträgen zuhören.
Freitags sind die Grand-Rounds, d.h. Morgenkonferenz mit dem ganzen Neurologie-Team und Chefarztvisite mit anschließender Department-Conference. Dieses gestaltet sich wie in Deutschland, der weißen Masse hinterherlaufen. Die Studenten stehen aber in der ersten Reihe und werden am Krankenbett gefragt und interessante Befunde werden ausgiebig vorgestellt.
Das Health Sciences Center der Universität mit dem Physicians Office Center bilden ein mittelgroßes (400 Patienten ? ), gemütliches und hochmodernes Krankenhaus, natürlich mit MRI, PET (dieses nur für die Epileptologen). Das liegt daran, daß ein wichtiger US-Senator, Robert C. Byrd mit Morgantown assoziiert ist und wohl große Finzanbeträge zur Verfügung stellen kann.