Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Die Syrien-ISIS-Irak-Diskussion
Kretschmann
20.08.2014, 18:54
Ich habe Mitschuld geschrieben. Deutschland trägt nicht die Hauptschuld.
Mit der Mitschuld meine ich das Verhalten der BRD:
Sie haben die Opposition unterstützt. Das bedeutet: logistisch, politisch mit sehr viel Geld und Hilfsgütern. Syrische Politiker, die flüchten wollten, wurden mit offenen Armen vom Westen empfangen. Es wurden auch kontinuierlich Luftbilder von syrischen Armee-Stellungen an die Opposition übergeben und Politiker abgehört. Beweis dafür war u.a. das deutsche Militär U-Boot vor der syrischen Küste, was trotz syrische Aufforderung nicht "weg geschwommen" ist. Auf der Druck unseren inländischen Opposition hat dann die Regierung zugegeben, dass es für die Ausspionierung von Militärstützpunkten benutzt worden ist. Darüber hinaus war auch Deutschland einer der Hauptsponsoren der "Freunde Syriens" - eine Oppositionsgruppe, die das Beste für das syrische Volk wollte - das ist der Grundsatz dieser Gruppe.
Das Hilfe wurde aber immer weniger obwohl sich immer mehr Syrer der Freien syrischen Opposition (den gemäßigten Leuten) angeschlossen habe. Das ist der Knackpunkt an der ganzen Geschichte. Die Menschen wurden in Stich gelassen, obwohl Deutschland so viel Mut zugesprochen hat. Was in so einer Phase völlig unverständlich ist.
Deswegen hätte die BRD entweder:
eine volle Unterstützung der Oppositionsgruppen in Kauf nehmen müssen oder
gar keine Unterstützung
Man hat mit dem syrischen Volk gespielt, ganz einfach.
Der syrische Soldat, der mit Mut und Hoffnung damals desertiert ist, kann einfach nicht mehr zurück. Er muss kämpfen bis zum Tod. Würde er aufgeben, würde er getötet werden.
Kritik austeilen ohne sie genau zu begründen ist also deine Liga? Entweder man macht es vernünftig oder lässt es gleich bleiben.
Nachdem Rico das zu Genüge und vergeblich mit viel Geduld versucht hat, ist mir dafür meine Zeit zu schade.
Kretschmann
20.08.2014, 18:59
Nachdem Rico das zu Genüge und vergeblich mit viel Geduld versucht hat, ist mir dafür meine Zeit zu schade.
Auf wiedersehen!
Also haben sie jetzt zu viel, zu wenig oder einfach nicht das scheinbar Richtige getan, so dass du Deutschland Schuld vorwirfst. Im Nachhinein ist es natürlich immer ganz leicht zu kritisieren, was denn alles hätte anders laufen müssen.
Kretschmann
20.08.2014, 19:05
Also haben sie jetzt zu viel, zu wenig oder einfach nicht das scheinbar Richtige getan, so dass du Deutschland Schuld vorwirfst. Im Nachhinein ist es natürlich immer ganz leicht zu kritisieren, was denn alles hätte anders laufen müssen.
Du bekommst Unterstützung von außerhalb, schöpfst Mut und Hoffnung aus dieser Untersützung und opferst deine Existenz und plötzlich wird diese Untersützung reduziert (teilweise sogar eingestellt).
Wenn du meinst, dass das gerecht ist, dann ist das deine Ansicht. Meine nicht.
Du bekommst Unterstützung von außerhalb, schöpfst Mut und Hoffnung aus dieser Untersützung und opferst deine Existenz und plötzlich wird diese Untersützung reduziert (teilweise sogar eingestellt).
Wenn du meinst, dass das gerecht ist, dann ist das deine Ansicht. Meine nicht.
Wenn ich also einmal mit Unterstützung angefangen habe, darf ich daran nichts ändern, auch wenn ich andere Erkenntnisse erlangt habe oder andere Parameter sich änderten, die mich dazu bewegen, meine Unterstützung zu reduzieren?
Also entweder ganz oder gar nicht?
Kretschmann
20.08.2014, 19:47
Wenn ich also einmal mit Unterstützung angefangen habe, darf ich daran nichts ändern, auch wenn ich andere Erkenntnisse erlangt habe oder andere Parameter sich änderten, die mich dazu bewegen, meine Unterstützung zu reduzieren?
Also entweder ganz oder gar nicht?
Wir reden hier von Millionen Menschenleben, die daraus Vertrauen geschöpft haben.
Welche veränderten Parameter oder Erkenntnisse gab es denn (konkret bitte), die so ein Vergehen hätten rechtfertigen können?
Das weiß ich nicht, ich bin nicht in die Materie verstrickt. Es wird Gründe gegeben haben, das Vorgehen zu ändern - auch wenn es um Menschenleben geht, um die geht es übrigens überall anders auch.
Aber da engagiert sich keiner.
Ich finde es übrigens bedauerlich, dass du hier konkrete (!!!) Erkenntnisse forderst, selbst aber nicht ansatzweise Erkenntnisse, die über deine persönliche Interpretation und wohl auch persönliche Betroffenheit hinausgehen lieferst, sondern die Schuld des Westens anprangerst. Fragen weichst du aus, aber da bin ich ja auch nicht der erste, der das feststellt.
Und damit bin auch ich hier wieder raus, deine Art zu "diskutieren" ist nicht die meine.
Kretschmann
20.08.2014, 20:18
Wie hätte ich auch mit Dir diskutieren können, wenn du keine Ahnung hast.......
Ich habe jede Frage beantwortet, zu der ich auch eine klare Meinung habe. Ich habe konkrete Beispiele gegeben (U-Boot, Öl Embargo, Gelder,Hilfsgüter, politische Unterstützung (Freunde Syriens) (Aufnahme syrischer Politiker). Deine Unterstellung passt eher zu Dir, denn du schreibst: " Es wird Gründe gegeben haben"
Deine allgemeine "ganz oder gar nicht" Frage kann ich doch nicht pauschal für jede Situation beantworten.
Im Fall Syrien habe ich es doch schon mehrmals geschrieben: JA!
Wir reden hier von Millionen Menschenleben, die daraus Vertrauen geschöpft haben.
Welche veränderten Parameter oder Erkenntnisse gab es denn (konkret bitte), die so ein Vergehen hätten rechtfertigen können?Der Punkt war, dass die Opposition gegen Assad zunehmend von Islamisten dominiert wurde und gemäßigte, demokratische Kräfte wie die freie syrische Armee (die der Westen gerne unterstützen wollte) in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Was anfangs aussah wie ein weiteres Kapitel "Arabischer Frühling" hat sich dann aber eher zum Konflikt Diktator gegen Extremisten (aka Teufel gegen Belzebub) entwickelt - und ehrlich: Wen will man da unterstützen?
Also das Recht kann man sich ja bitteschön vorbehalten, dass man schaut, ob das überhaupt Sinn macht und in unserem Sinne ist wenn man da irgendwo eingreift und notfalls auch einen Rückzieher macht.
Deutschland und die EU haben sich da verantwortungsbewusst verhalten, denn dem Volk wäre weder mit dem einen noch dem anderen als Sieger geholfen, dass es keinen vernünftigen Dritten gibt, den man noch hätte unterstützen können, ist nicht unsere Schuld. Andere Länder des arabischen Frühlings konnten zumindest kurzfristig ausreichend demokratische Kräfte für einen Umsturz mobilisieren (auch wenn es leider oft nicht gelungen ist langfristig demokratische Strukturen zu etablieren), die Syrer haben das aus eigener Kraft nicht geschafft. Aus welchen Gründen auch immer das nicht gelungen ist, sie liegen wohl in erster Linie in Syrien, denn die Syrer der regulären Armee haben ihrem Despoten größtenteils die Treue gehalten (und tun das in relevanter Zahl heute noch) und waren bereit, die Aufständischen mit allen Konsequenzen zu bekämpfen, was beispielsweise in Tunesien oder Ägypten nicht der Fall war. Hätte die syrische Armee sich geschlossen auf die Seite der Demokratiebewegung gestellt, dann wäre Assad so schnell und vergleichsweise unblutig weggewesen wie Ben-Ali und Mubarak und der Bürgerkrieg, einschließlich einwandernden Islamisten aus halb Arabien wäre dem Volk erspart geblieben.
Nicht an allem sind immer die anderen Schuld, diese Story von der Bevormundung durch Kolonialmächte, Imperialisten & Co. klingt natürlich für die wunde Nationalseele so schön, dass sie zum Repertoire von zahlreichen Politikern in ehemaligen Kolonialstaaten hört, weil sie so wunderschön erklärt, warum es nicht vorangeht und so schön davon ablenkt, dass man selber in 70 Jahren Unabhängigkeit von der einstigen Kolonialmacht nichts gescheites auf die Reihe gebracht hat (außer vielleicht sich selbst an Entwicklungshilfegeldern oder Petrodollars zu bereichern) - aber irgendwo beginnt auch die eigene Verantwortung für das eigene Land.
Kretschmann
20.08.2014, 22:13
Jein. Die hohen Posten (Offiziere, Generäle) wurden mit Alawiten besetzt. Das Fundament, also der einfache Soldat, war Sunnit. Der sunnitischer Anteil in der Armee machte 70% oder 90% aus (Anteil variiert).
Du hast einen kausalen Fehler. Die Islamisten haben sich erst NACH der Schwächung der Rebellen (durch den Westen) etablieren können. Die Syrer selbst waren kaum radikal, da u.a. die Muslimbruderschaft und andere radikale Parteien aus Syrien verbannt worden sind.
Sag ich doch: Die demokratischen Rebellen der ersten Stunde wurden ja durch die syrische Armee geschwächt. Die syrische Armee (bestehend aus syrischen Bürgern - egal welcher Provenienz) hätte also den Bürgerkrieg, der erst zum Aufstieg der Islamisten durch zugereiste, internationale Extremisten geführt hat, verhindern können, wenn sie Assad selbst gestürzt hätte oder seinen Sturz durch die Opposition zumindest nicht verhindert hätte. Da ist es auch nebensächlich, wer da jetzt in welcher Position Alawit und Sunnit oder sonstwas ist, denn ob man die Aussicht auf Demokratie erstrebenswert findet ist ja nicht an die Zugehörigkeit zu einer Ethnie gebunden. Und zur Not kann man ja auch desertieren - wie es etliche gemacht haben, unmöglich wäre das also nicht gewesen.
Kretschmann
20.08.2014, 22:28
Die Freie syrische Armee waren größtenteils die desertierten Soldaten der syrischen Armee. Wenn du schreibst: "denn die Syrer der regulären Armee haben ihrem Despoten größtenteils die Treue gehalten", dann stimmt das nicht. Es gab tagtäglich hunderte Desertation. Ganze Straßen voll mit Menschen, die ihre Ausweise hochgehalten haben und sich der Freien syrischen Armee angeschlossen habe. Die Zahlen schwanken zwischen 30.000 und 50.000 Soldaten.
Die syrische Armee stand also überhaupt nicht hinter Assad. Warum sollte auch ein Sunnit hinter der Tötung von sunnitischen Zivilisten stehen? Ohne ein "Islamist" zu sein, hat man als Sunnit aka. Soldat einen Bruder verloren.
Bloß durch den Wegfall der Hilfen, der darauf folgend Etablierung der Islamisten, gab es kaum Deserteure mehr (die Staatspropaganda hat ihr restliches getan).
Die Freie syrische Armee waren größtenteils die desertierten Soldaten der syrischen Armee. Wenn du schreibst: "denn die Syrer der regulären Armee haben ihrem Despoten größtenteils die Treue gehalten", dann stimmt das nicht. Es gab tagtäglich hunderte Desertation. Ganze Straßen voll mit Menschen, die ihre Ausweise hochgehalten haben und sich der Freien syrischen Armee angeschlossen habe. Die Zahlen schwanken zwischen 30.000 und 50.000 Soldaten. Genau! Und wieviele haben Assad die Treue gehalten? Genug, dass er seine Macht sichern konnte. Wer hat Damaskus verteidigt, wer Alleppo angegriffen? Um diese Syrer geht es; das sind die Syrer, die sich gegen die demokratischen Aufständischen gewandt haben, die den Bürgerkrieg erzwungen haben, weil sie lieber am Diktator festgehalten haben.
Kretschmann
20.08.2014, 22:48
Genau! Und wieviele haben Assad die Treue gehalten? Genug, dass er seine Macht sichern konnte. Wer hat Damaskus verteidigt, wer Alleppo angegriffen? Um diese Syrer geht es; das sind die Syrer, die sich gegen die demokratischen Aufständischen gewandt haben, die den Bürgerkrieg erzwungen haben, weil sie lieber am Diktator festgehalten haben.
Rico, sorry aber langsam versucht du krampfhaft dagegen zu halten. Würdest du mir mal endlich Recht geben, dann würde das nämlich alles Sinn machen.
Riad al Asaad (Kommandeur der Freien Syrischen Armee): "Jedes Mal, wenn wir einen Angriff durchführen, gewinnen wir 100 bis 300 Mitglieder dazu."
Was ist denn durch das Erstärken der FSA passiert? Assad hat die Gouverneure abgesetzt. Assad hat die Regierung umgestellt. Assad hat Amnestien durchgeführt. Assad hat Reformen durchgesetzt und weitere versprochen. Spricht das für eine Schwächung der FSA?
Die 100.000 Menschen die in Hama und Homs auf die Straßen gegangen sind. Du erzählst quatsch, wenn du sagst, dass die syrische Armee die FSA geschwächt hatte. Jeder toter Zivilist hat die FSA noch stärker gemacht, weil noch mehr Leute das Vorgehen von Assad falsch fanden und sich noch mehr der FSA angeschlossen haben. Der Westen stand hinter der FSA. Eine provisorische Übergangsregierung wurde gegründet. Das Ende Assad wurde im Westen beschworen.
Es gab immer noch mehrere 10.000 syrische Soldaten, natürlich. Nicht jeder konnte sofort desertieren. Viele hatten Frauen und Kinder zu Hause. Denkst du, du kannst einfach mal die Seiten wechseln, ohne dass deine Familie getötet wird? Viele waren feige, viele wollten einfach nicht. Aber unterm Strich kannst du mir nicht erzählen, dass eine starke Moral an der Front vorhanden war.
PS: Du redest von Angriffe auf Damaskus. DAMASKUS - das Herz Syriens. Spricht das für eine schwache Opposition, wenn man das Herz angreift?
Klar halte ich dagegen, denn ich finde, dass für einen Bürgerkrieg in erster Linie die Bürger des Landes verantwortlich sind, uns als Fan der Demokratie halte ich diejenigen, die gegen sich gegen die Demokraten stellen für verantwortlich.
Fakt ist, in anderen Ländern rund um das Mittelmeer hat es geklappt, dass die Armee sich von ihrem Diktator abgewendet hat, in Syrien nicht. Das Resultat war ein Bruderkrieg, der in fast allen anderen Ländern des arabischen Frühlings (außer Lybien) verhindert werden konnte. Irgendwas haben diese Länder also besser gemacht als Syrien.
Klar ist desertieren nicht einfach, verstehe ich ja auch, aber das schützt nicht vor etwaiger Schuld, die man damit, dass man auf Seiten des Regimes bleibt, auf sich lädt. Und das tut man nunmal, wenn man (aus welchen Gründen auch immer) lieber auf seinen Bruder schießt, als die Waffe gegen den Despoten zu erheben. Wer wüsste das besser als die Deutschen, die ja auch bis Ultimo lieber ihrem Diktator hinterhergerannt sind als die Waffe gegen ihn zu erheben?
Kretschmann
20.08.2014, 23:21
Fakt ist, in anderen Ländern rund um das Mittelmeer hat es geklappt, dass die Armee sich von ihrem Diktator abgewendet hat, in Syrien nicht. Das Resultat war ein Bruderkrieg, der in fast allen anderen Ländern des arabischen Frühlings (außer Lybien) verhindert werden könnte. Irgendwas haben diese Länder also besser gemacht als Syrien.
Richtig. Dass hat aber was damit zu tun, dass radikale Kräfte (die es ins Syrien kaum gab) in den besagten Ländern Stimmung gemacht haben. Darüber hinaus waren auch nicht andere Glaubensrichtungen (Christen, Alawiten oder Schiiten) mit wichtigen militärischen Positionen bestückt. Da ging der Prozess schneller vonstatten. In Syrien gab es ihn auch, er dauerte nur länger. Der intensive "Bruderkrieg" ist ja erst mit der Etablierung der Islamisten entstanden.
Hast du dich mal im Libyen umgeguckt? (EDIT: Ja hast du - überlesen :-lesen) Da dauern die Kämpfe bis heute an. In Ägypten ganz zu schweigen, wo die Muslimbruderschaft überall verfolgt wird.
Klar ist desertieren nicht einfach, verstehe ich ja auch, aber das schützt nicht vor etwaiger Schuld, die man damit, dass man auf Seiten des Regimes bleibt, auf sich lädt. Und das tut man nunmal, wenn man (aus welchen Gründen auch immer) lieber auf seinen Bruder schießt, als die Waffe gegen den Despoten zu erheben. Wer wüsste das besser als die Deutschen, die ja auch bis Ultimo lieber ihrem Diktator hinterhergerannt sind als die Waffe gegen ihn zu erheben?
Bitte fange du nicht auch so an. Ich sehe nicht die Hauptschuld in Deutschland sondern eine Mitschuld. Natürlich haben auch die nicht desertierten syrischen Soldaten eine Mitschuld.
Wenn wir uns einigen, dass die FSA immer stärker wurde, der Westen aber die Unterstützung nicht nachvollziehbar aufgegeben hat, bin ich glücklich.
Da ging der Prozess schneller vonstatten. In Syrien gab es ihn auch, er dauerte nur länger. Er dauerte nicht nur länger, er dauerte zu lange. Der Zug ist jetzt abgefahren. Demokratie oder was ähnliches wird es da auf absehbare Zeit nicht geben. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Assad hat im Rahmen des eigenen Machterhalts die demokratische Opposition niedergehalten und das Land in der Folge in großen Teilen an die Islamisten verzockt.
Hast du dich mal im Libyen umgeguckt? Da dauern die Kämpfe bis heute an. In Ägypten ganz zu schweigen, wo die Muslimbruderschaft überall verfolgt wird. Na ich hab ja oben schon geschrieben, dass es leider oft nicht gelungen ist, dort langfristig demokratische Strukturen zu etablieren. Aber immerhin war die Revolution an sich mal erfolgreich und man würde den Machthaber los - in dem Stadium ist Syrien ja stecken geblieben.
Wenn wir uns einigen, dass die FSA immer stärker wurde, der Westen aber die Unterstützung nicht nachvollziehbar aufgegeben hat, bin ich glücklich.Sorry, dieses Glück kann ich Dir so einfach nicht bereiten:
Wie ich eingangs gesagt habe, hat der Westen sich keineswegs "nicht nachvollziehbar" zurückgezogen, sondern dann als in der Opposition zunehmend die radikalen islamistischen Kräfte dominiert haben. Islamisten, die den Westen als erklärten Gegner haben, kann der Westen nicht unterstützen, das finde ich einleuchtend. Und wenn es die Gemengelage vor Ort nicht mehr zulässt, sicher zu unterscheiden, wer von den Assad-Feinden uns jetzt noch freundlich gesonnen ist und wer nicht, dann kann man im Zweifel eben keinen unterstützen, so traurig das ist. Das Debakel (und auch die Schuld daran), dass sich Extremisten mit zwar gut gemeinter aber fehlgeleiteter westlicher Unterstützung (egal ob Waffen oder "nur" Logistik oder Aufklärung) an die Macht putschen mag man sich gar nicht vorstellen, auch nicht für die Bevölkerung. Deshalb bleibe ich dabei, dass das Vorgehen des Westens hier richtig und verantwortungsbewusst war - auch wenn man bei dieser Entscheidung nur noch das kleinere Übel wählen konnte.
Die Entwicklung die das genommen hat ist sicherlich ein Desaster, aber im Falle eines Eingreifens hätte es auch mit großer Wahrscheinlichkeit noch schlechter laufen können. Keinem Krisenherd in der Region hat ein westliches Eingreifen langfristig gut getan, wieso hätte das im Fall von Syrien anders sein sollen?
Einer mit westlicher Unterstützung installierten Regierung hätte immer der Makel angehaftet, ein verlängerter Arm der "Kolonialherren" zu sein (siehe Irak, Libyen) - was sich katastrophal auf die Unterstützung durch die Bevölkerung auswirkt. Langfristige Erfolgschance nahe Null... da ist der nächste Konflikt ja schon gebucht... und dann? Wieder intervenieren?
Kretschmann
21.08.2014, 00:31
Sorry, dieses Glück kann ich Dir so einfach nicht bereiten:
Wie ich eingangs gesagt habe, hat der Westen sich keineswegs "nicht nachvollziehbar" zurückgezogen, sondern dann als in der Opposition zunehmend die radikalen islamistischen Kräfte dominiert haben. Islamisten, die den Westen als erklärten Gegner haben, kann der Westen nicht unterstützen, das finde ich einleuchtend. Und wenn es die Gemengelage vor Ort nicht mehr zulässt, sicher zu unterscheiden, wer von den Assad-Feinden uns jetzt noch freundlich gesonnen ist und wer nicht, dann kann man im Zweifel eben keinen unterstützen, so traurig das ist. Das Debakel (und auch die Schuld daran), dass sich Extremisten mit zwar gut gemeinter aber fehlgeleiteter westlicher Unterstützung (egal ob Waffen oder "nur" Logistik oder Aufklärung) an die Macht putschen mag man sich gar nicht vorstellen, auch nicht für die Bevölkerung. Deshalb bleibe ich dabei, dass das Vorgehen des Westens hier richtig und verantwortungsbewusst war - auch wenn man bei dieser Entscheidung nur noch das kleinere Übel wählen konnte.
Die Entwicklung die das genommen hat ist sicherlich ein Desaster, aber im Falle eines Eingreifens hätte es auch mit großer Wahrscheinlichkeit noch schlechter laufen können. Keinem Krisenherd in der Region hat ein westliches Eingreifen langfristig gut getan, wieso hätte das im Fall von Syrien anders sein sollen?
Einer mit westlicher Unterstützung installierten Regierung hätte immer der Makel angehaftet, ein verlängerter Arm der "Kolonialherren" zu sein (siehe Irak, Libyen) - was sich katastrophal auf die Unterstützung durch die Bevölkerung auswirkt. Langfristige Erfolgschance nahe Null... da ist der nächste Konflikt ja schon gebucht... und dann? Wieder intervenieren?
Ich bin optimistisch, dass sich das noch ändern wird. Dieser haarfeine Unterschied trennt uns beide. Halten wir fest:
Die syrische Bevölkerung war überhaupt nicht radikal. Sie kaum eine Affinität zu Terrorgruppen oder Extremisten.
Die FSA war auf den Vormarsch und gewann täglich an Stärke hinzu.
Wie kommst du darauf, dass sich Extremisten - genau zu diesem Zeitpunkt, eine dominante Rolle in Syrien gespielt haben? Was war ihr Nährboden? Die syrische Bevölkerung kann es nicht gewesen sein. Die Hoffnungslosigkeit der FSA auch nicht. Nein Rico, die Islamisten haben sich erst nach der Einstellung/Reduzierung der Hilfen etablieren können. Erst dann war die Moral der FSA gebrochen. Erst dann waren die Kämpfer der FSA im Zwiespalt. Erst dann kam Al Qaida, die mit Waffen² und festen, hohem Gehalt lockten.³ Erst dann sind die Islamisten erstärkt. Erst dann viel die FSA in Bedeutungslosigkeit.
Ich bin voll bei Dir, wenn du sagst, dass der Westen nicht Extremisten die Waffen geben wollte. Zu diesem Zeitpunkt waren sie aber gar nicht auf der Landfläche oder zumindest in einer unbedeutenden Zahl.
"Der Widerstand werde keineswegs von Islamisten dominiert, betonte der Terrorexperte. "Sie sind in der Minderheit." Darunter seien radikale Gruppierungen wie die Al-Nusrah-Front. "
August 2012 - 1 1/2 Jahren nach Beginn des Konflikts
² den FSA Kämpfern gingen nämlich die Munition und Waffen aus. Jeder Soldat hat bei seiner Desertation vermutlich so viel Munition in die Taschen gesteckt wie es nur ging aber in Anbetracht der Größenordnung, einen Krieg zu gewinnen, war das eher bescheiden.
³ was nicht bedeutet, dass sie hinter der Ideologie Al Qaidas standen. Es war viel eher eine "sterben oder weiterkämpfen" Entscheidung. Zurück konnten Sie nicht - der Geheimdienst hätte gewartet. Die FSA hatte immer weniger Macht - was kam genau dann gelegen: Al Qaida bzw Al Nusra
, die Islamisten haben sich erst nach der Einstellung/Reduzierung der Hilfen etablieren können. Erst dann war die Moral der FSA gebrochen. Erst dann waren die Kämpfer der FSA im Zwiespalt. Erst dann kam Al Qaida, die mit Waffen² und festen, hohem Gehalt lockten.³ Erst dann sind die Islamisten erstärkt. Erst dann viel die FSA in Bedeutungslosigkeit.
Ich bin voll bei Dir, wenn du sagst, dass der Westen nicht Extremisten die Waffen geben wollte. Zu diesem Zeitpunkt waren sie aber gar nicht auf der Landfläche oder zumindest in einer unbedeutenden Zahl.Den zeitlichen Ablauf des Niedergangs der FSA hab ich anders in Erinnerung:
Nach anfänglichen Erfolgen ist der entscheidende Schlag nicht gelungen, stattdessen ist man in einen Abnutzungskrieg geraten (Luftschläge der Syrischen Armee, Scharfschützen auf den Dächern...) und in diesem ist die FSA arrodiert und die Islamisten sind langsam stärker geworden und haben sich zum Teil auch mit anderen oppositionellen Gruppen bekriegt. Da irgendwo einen Zeitpunkt zu benennen ab dem die FSA nix mehr zu melden hatte, das ist aber bei so jenem schleichenden. Niedergang schwierig.
Die heterogene Opposition war übrigens vom ersten Tag an in Syrien Thema sogar in den Mainstreammedien. Man hatte ja schon bei allen anderen Revolutionen des arabischen Frühlings gemerkt, dass da nicht nur erklärte Demokraten nach westlicher Definition am Werk sind, sondern die Opposition als kleinen gemeinsamen Nenner hat, dass der jeweilige Despot weg soll und das ganze politische Spektrum einschließlich Islamisten umfasst. Da war man also sensibilisiert.
Klar, zahlenmäßig mögen die Extremisten wenige sein, aber auch bei wenigen muss sichergestellt sein, dass man nicht die falschen beliefert. Ob da das Verhältnis 90:10, 75:25, 51:49 oder 49:51 ist letztlich nachrangig (von daher war "dominieren" vielleicht auch der falsche Begriff) - sobald Du nicht mehr sicher weißt wie der tickt, den Du da unterstützt musst Du halt vorsichtig sein - was im Zweifel eben auch heißt,nicht zu liefern.
Aber mir kommt eine andere Frage auf, nämlich was für Hilfen da so durch Deutschland eingestellt worden sein sollen? Deutschland ist ja bekanntermaßen sehr zurückhaltend überhaupt irgendwas in ein Krisengebiet zu liefern und alles, was ich zu dem Thema mit deutscher Beteiligung finde sind Sanktionen, Einreisebeschränkungen, Kontensperrungen und dergleichen in dieser Preisklasse gegen das Regime. EU-weit gab es ein Waffenembargo, das im Mai 2013 in Bezug auf die Rebellen aufgehoben wurde, aber nach keinem Kenntnisstand hat Deutschland weder vorher noch nachher Waffen geliefert. Aufklärungsinformationen sind wohl (wie immer beim Geheimdienstaktionen fraglich, vielleicht, irgendwie...) vom BND weitergeleitet worden, aber das ist jetzt ja nun wahrlich nicht kriegsentscheidend.
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