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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigen- oder Fremdgefährdung? Der Psychiatertreffpunkt



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Cinnafly
07.05.2022, 19:44
Hallo Miteinander,
Dann stelle ich mich jetzt offiziell auch einmal als zukünftige Kollegin vor. Kann mir jetzt nach Famulaturen, Hiwijobs, Doktorarbeit und jetzt eben PJ-Wahlfach nichts anderes mehr vorstellen :)
Was ich nur noch nicht ganz verstehe ist, ob man das Neuro-jahr ambulant machen kann (sozusagen die 12 der 24 möglichen Monate Ambulanz in der Neuro). Laut den Ärzten im PJ geht das, aber kann mir nicht so vorstellen, dass das Sinn der Sache ist oder?

davo
07.05.2022, 20:31
Herzlich willkommen in der Psychiatrie! Ist ein wirklich tolles Fach.

Neuro ambulant sollte möglich sein - schau einfach in der Weiterbildungsordnung der relevanten Landesärztekammer nach. Aber, wie du ganz richtig erkannt hast, ist nicht alles, was möglich ist, sinnvoll.

Reflex
07.05.2022, 20:41
Was ich nur noch nicht ganz verstehe ist, ob man das Neuro-jahr ambulant machen kann (sozusagen die 12 der 24 möglichen Monate Ambulanz in der Neuro). Laut den Ärzten im PJ geht das, aber kann mir nicht so vorstellen, dass das Sinn der Sache ist oder?

Ja, kann man. Wo es Weiterbilder im ambulanten Bereich gibt, erfährt man über die Landesärztekammer. Weiterbildungsassistenten sind wegen der Förderung im neurologischen und psychiatrischen Bereich inzwischen auch recht attraktiv. Ob es sinnvoll ist ohne Arbeitserfahrung ambulant neurologisch zu arbeiten, steht aber auf einem anderen Blatt…

Gerolf
10.05.2022, 16:20
Hallo Gerolf,
frische Männer braucht die Psychomedizin :-)
Wie sind deine bisherigen Erfahrungen?
Gruß, rafiki

Fachlich war es schon eine Umstellung. Besonders auch darin, dass die Denkweise in der Psychiatrie doch schon deutlich von der Somatik unterscheidet. Aktuell arbeite ich hauptsächlich mit Patienten aus dem Formenkreis der affektiven Störungen und bisher bin ich vom Fach her angetan. Hoffe das bleibt so sobald die Sucht/Akutrotationen dran sind.

mbs
13.05.2022, 23:44
Hab mal eine Frage an euch: Eine Vereinsbekannte ist gerade mit ihrem Studium fertig geworden und möchte jetzt Psychiatrie machen. Das Problem ist nur, dass sie wohl selbst schon mehrere schwere psychische Erkrankungen hat. Welche genau weiß ich zwar nicht, aber was auffällt ist eine schwere Essstörung die man ihr einfach ansieht, und das gerade in ziemlich extremer Form. Dass man in der Inneren oder einem chirurgischen Fach an einer Abteilung mit entsprechender Personalnot darüber notfalls hinwegsehen würde halte ich nicht für ausgeschlossen, aber in der Psychiatrie merken es Vorgesetzte und Kollegen doch, oder nicht? Kann mir nicht vorstellen dass so was gutgehen würde. Ich hatte schon versucht es ihr auszureden, aber vielleicht liege ich ja auch falsch; will auch nichts behaupten was gar nicht stimmt. Ich kann das nur schwer beurteilen da ich keine Psychiater im Bekanntenkreis habe. Und von dem Fach und wie es dort läuft wenig bis keine Ahnung habe (das Studium liegt länger zurück). Oder was meint ihr?

rafiki
14.05.2022, 07:15
Besonders auffallen würde das in der Psychiatrie nicht....:-blush Wegen der Personalnot wird jeder genommen, der einen Kopf auf dem Hals hat.

Das Problem ist aber, dass sie, anscheinend nicht oder unzureichend behandelt, durch die Belastungen, die die Arbeit mit sich bringt, möglicherweise bald dekompensieren würde und Patienten nicht gut tun würde - aber auch das ist leider fast Standard in der Psychomedizin.

tensun
14.05.2022, 07:52
Das erlebe ich auch so. Besonders auf akutstationen und im suchtbereich wird jeder genommen, der nicht schnell genug wegrennt. Aber kann ja auch eine Chance sein. Ich hatte hier in der Schweiz Kollegen mit Schizophrenie, bipolar affektiver Störung, anhaltender wahnhafter Störung und anorexie. Bis auf die akuten psychotischen Phasen, ging es eigentlich immer. Wir sind ja auch als Gruppe abhängiger als andere. Von nichts kommt halt nichts. Es kann ganz gut funktionieren, hängt auch von den Kollegen ab.
Ich würde es versuchen, die fachrichtung wechseln kann man ja immer.

RussianAngel
14.05.2022, 09:33
Das sehe ich etwas kritischer...Ich denke, dass sie einerseits von der Selbsterfahrung und den vielen psychologischen Themen auch profitieren würde, andererseits könnte das auch ganz anders laufen: gerade in der Psychiatrie gibt es leider schon recht viele Bedenken bezüglich psychisch erkrankte Menschen (nicht Patienten), teils auch von der Störung abhängig...Eine Oberärztin von mir konnte zum Bsp. gar nichts mit Alkoholkranken und Borderline-Pat. anfangen...
Aber ein Versuch ist es sicher wert :)

PS: ich habe zuletzt: wir sind als Gruppe unabhängiger gelesen und dachte: ja, ist sicher einfacher mit Erkrankung, wenn man mehr Möglichkeiten hat und dringend gefragt ist...

Aber abhängiger würde auch stimmen :D Vielleicht nach den Chirurgen...

mbs
14.05.2022, 17:00
Also ist es bei euch genau so schlimm wie in den somatischen Fächern. Denkt ihr also, dass auch einige psychisch Kranke in dem Fach unterwegs sind? Hätte gedacht, dass ein Psychiater in der Hinsicht eigentlich besonders stabil sein müsste um seine Patienten auch wirklich objektiv behandeln zu können.

davo
14.05.2022, 17:06
Psychisch kranke Ärzte wirst du in jedem Fach finden. Ich glaub nicht, dass es da einen Unterschied macht, ob man sich die Psychiatrie anschaut oder ein beliebiges anderes Fach.

Für die rein medizinisch-psychiatrische Seite der Behandlung wird es, außer man ist gerade akut krank, IMHO kaum eine Rolle spielen, ob man eine psychische Erkrankung hat oder nicht.

Aber für die therapeutische Beziehung kann es, finde ich, sehr wohl eine Rolle spielen, und ich könnte mir vorstellen, dass gerade bei einer Erkrankung wie bei einer Essstörung oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung die Beschäftigung mit bestimmten Patienten, mit ihrer Vorgeschichte, ihrem Lebensweg, ihren Traumata, etc., zu einer Verschlechterung der eigenen psychischen Gesundheit führen könnte, oder im Extremfall sogar zu einer akuten Krise führen könnte.

Außerdem kann Stress viele psychische Erkrankungen aggravieren, d.h. Nachtdienste, Akutsituationen, Fixierungen, Suizide, etc., sind für jemanden mit einer psychischen Erkrankung sicher besonders riskant.

Dass es, wie von RussianAngel erwähnt, auch in der Psychiatrie viele negative Einstellungen und/oder Vorurteile gegenüber psychisch Kranken gibt, ist korrekt. Aber auch das ist nicht anders als in anderen Fächern. Dass man die Beschäftigung mit manchen Arten von Patienten nicht gerne hat, finde ich aber eigentlich nicht weiter schlimm. Der eine findet diese anstrengend, der andere findet jene anstrengend. Das alleine find ich jetzt nicht besonders verwerflich.

rafiki
14.05.2022, 17:53
Denkt ihr also, dass auch einige psychisch Kranke in dem Fach unterwegs sind?

Einige??

rafiki
14.05.2022, 17:56
Aber für die therapeutische Beziehung kann es, finde ich, sehr wohl eine Rolle spielen,

Es kann nicht eine Rolle spielen, sondern es spielt immer eine massive Rolle, und zwar zum Nachteil der Patienten, wenn der Therapeut nicht oder unzureichend behandelt wurde, weil leider sehr oft der Fall ist.

Nulllinie
14.05.2022, 18:30
In Ba-Wü ist Selbsterfahrung (>100 Std.) meines Wissens nach nicht nur für den FA Psychosomatik, sondern auch für den FA Psychiatrie Pflicht. Gibt es WBOs, die das nicht vorsehen?

davo
14.05.2022, 18:45
Ist in jeder WBO, die ich kenne, Pflicht. Warum fragst du?

Colourful
14.05.2022, 19:17
Na ja, man kann auch 150h Selbsterfahrung machen und nichts bearbeiten, falls die Frage lautete, dass man sich das ja in der Selbsterfahrung sowieso auch anschaut und bearbeitet.

@rafiki
Bei dir merkt man ja wie immer deutlich, dass du gerne Leute in Internetforen abwertest und frustriert bist... Gibt es da auch eine F-Diagnose für? Oder vielleicht doch mal das Arbeitsumfeld wechseln? ;-)

Und mal ernsthaft - der Arztberuf ist grundsätzlich anstrengend und herausfordernd, auch in Teilzeit und auch, wenn man etwas vermeintlich "Einfacheres" macht, es ist schon wichtig, dass man eine gewisse Grundbelastbarkeit hat, sich selbst auch gerne mal mit Hilfe reflektieren kann und dafür offen ist und vor allem sich auch um sich selbst kümmern kann und weiß, dass es auch persönliche Grenzen gibt, die man auch manchmal durchaus respektieren muss.

tensun
14.05.2022, 19:40
Ich kenne eine Psychologin die eine BPS gut in den Griff bekommen hat und gerade deswegen auch gut mit jungen Frauen mit ähnlichen Problemen arbeitet. Es ist alles komplexer als man meint. Akute psychotische oder manische Phasen sind in jeder fachrichtung hinderlich.

Nulllinie
14.05.2022, 20:07
Na ja, man kann auch 150h Selbsterfahrung machen und nichts bearbeiten, falls die Frage lautete, dass man sich das ja in der Selbsterfahrung sowieso auch anschaut und bearbeitet.

Genau darum ging´s mir. Ich hatte doch irgendwie die Hoffnung, dass der Therapeut notfalls auch etwas konfrontativer wird, wenn er merkt, dass da durchaus eine F-Diagnose im Raum steht ;)

Persönlich bin ich aber auch der Meinung, dass dies kein Hindernis für einen Beruf in der psychosozialen Medizin ist, wenn man selbt reflektiert und adäquat damit umgeht. Wobei das eigentlich auch für den klassischen Somatiker gilt. Wer will schon von einem alkoholkranken Chirurgen oder einem unbehandelten schwer depressiven Anästhesisten behandelt werden...

RussianAngel
14.05.2022, 21:17
Auch finde ich könnte es auch eine Stärke sein...Wenn man selber eine Erkrankung durchgemacht hat, hat man sicherlich mehr Verständnis und Einsicht in die Dynamik und Behandlungsmethoden, weniger Vorurteile etc....Es ist eben genau wie Nulllinie meint wichtig, reflektiert damit umzugehen und auch Krisen bei sich selber gut zu erkennen.

Reflex
15.05.2022, 05:57
Mal davon ab, sind das doch alles Spekulationen und Voruteile… der Fragesteller weiß selber gar nicht, um welche Erkrankungen es sich handelt und welche Akuität dahintersteckt oder ob die Erkrankungen vielleicht durch Behandlung bereits in Remission sind. Ohne diese konkretenen Informationen ist es vermessen und übergriffig jemnden zu unterstellen seinen Job nicht machen zu können.

Kleine Anekdote am Rande: Ich habe ne zeitlang Topiratmat als Migräneprophylaxe genommen. Dadurch bin ich aufgrund der Nebenwirkungen von einem schlanken EZ ins Untergewicht gerutscht (-15kg KG), obwohl ich mich ganz normal weiterernährt habe. Nach dem Absetzten hat es ca 2 Jahre gedauert bis mein Gewicht sich wieder normalisiert hat. Irgendwann fingen die Kollegen, die die Hintergründe nicht kannten, wohl an sich Sorgen zu machen und haben nachgefragt bei meinen unmittelbaren Kollegen, ob ich denn ne Essstörung hätte. Das ging soweit, dass mir Essen mit gebracht wurde, was ich echt unangenehm fand, weil man sich irgendwann genötigt sieht sich zu rechtfertigen.

rafiki
15.05.2022, 05:57
Persönlich bin ich aber auch der Meinung, dass dies kein Hindernis für einen Beruf in der psychosozialen Medizin ist, wenn man selbt reflektiert und adäquat damit umgeht.

Das ist selbstverständlich richtig. Wobei die klassischen schweren psychischen Erkrankungen weniger das Problem sind, die erlangen entweder keine höheren Positionen oder scheiden frühzeitig aus dem Beruf aus, weil sie es nicht mehr verkraften oder aber in "schubfreien" Phasen relativ stabil sein können. Das eigentliche Problem sind die schwerer neurotisch Gestörten (die nicht in Behandlung gehen und an denen die "Selbsterfahrung" spurlos vorüber geht) , die sowohl in Postionen gelangen, bei denen sie untergeordneten Mitarbeitern sowie Institutionen schaden und andererseits im eher psychotherapeutischen Rahmen sich mit Patienten in destruktiver Weise verwickeln und enorm große Schädigungen verursachen können.