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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigen- oder Fremdgefährdung? Der Psychiatertreffpunkt



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Josephine
08.07.2022, 10:20
In meiner Klinik wird die Selbsterfahrung mit 2000€ bezuschusst, dafür verpflichtet man sich nach Abschluss der Selbsterfahrung 2 Jahre in der Klinik zu bleiben, ansonsten ist eine anteilige Rückzahlung erforderlich. Balintgruppe bietet ein Oberarzt während der Arbeitszeit an. Die Entspannungsverfahren, PT-Theoriestunden und IFA werden extern über ein Weiterbildungsinstitut angeboten und sind kostenfrei, dafür werden auch Fortbildungstage gewährt. Dadurch halten sich die Kosten für die WB in Grenzen. In einer psychiatrischen Klinik, die nichts davon anbietet, würde ich bei dem aktuellen Bewerbermangel der in der Psychiatrie herrscht nicht arbeiten.

Züschata
12.07.2022, 11:03
Ich liebe meinen Job. Arbeite seit mehreren Jahren in einer Abteilung mit allen Vor- und Nachteilen, wie so üblich. Jetzt kommt mein Chef auf die Idee, mir nach mehreren Jahren der Arbeit (nach der Visite in seinem Büro) quasi wüst beschimpfend vorzuwerfen, ich sei nicht kritikfähig, sogar kritikresistent. Weil ich ihn in der Visite bei einer Meinungsverschiedenheit „beschwichtigt und damit provoziert“ hätte (dabei sendet er gemischte Botschaften: man soll was zum Pat. sagen, andererseits ist es dann doch nicht erwünscht, weil zu wenig Zeit ist. Man spürt den Druck regelrecht, insbesondere, weil die Tür bereits geöffnet wird, nachdem man zwei Worte über den Pat. sagen konnte). Und dazwischen gab es nie ein ordentliches Weiterbildungsgespräch mit konstruktiver Kritik oder Verbesserungsvorschlägen. Gerade das hätte ich mir aber gewünscht, da mir die Arbeit sehr wichtig ist und ich viel darüber nachdenke, mich mit Bekannten fachlich austausche. Mit diesem konfliktvermeidendem Getue, wie es in unserem Haus der Fall ist, vermutlich weil man die Leute für Dienste nicht vergraulen möchte, kann ich gar nichts anfangen. Ich möchte lernen, und habe auch kein Problem mit unbequemen Rückmeldungen, solange diese konstruktiv sind und keine abwertenden Zuschreibungen darstellen. Ich vermute, dass er nicht damit zurechtkommt, dass man im Laufe der Jahre als Assistent dazulernt und auch selbst Input geben kann, wovon gute Abteilungen doch eigentlich leben sollten. Richtig traurig. Was er mir an der Kopf geworfen hat, ist so ziemlich das Schlimmste, was man mir sagen könnte, da ich selbst das Gefühl habe, meine Arbeit und mein eigenes Verhalten zu reflektieren. Klar, man macht Fehler, man ist noch relativer Anfänger. Ich habe ihm zurückgemeldet, dass ich das sehr überraschend und unfair finde. Er scheidet bald aus, und ich hoffe, dass sich mit dem E-Logbuch und dem Zeugnis keine Probleme ergeben. Schade um ihn ist es nicht, da er eine lange Geschichte mit sich bringt, die liebsten und nettesten Kollegen zum Heulen gebracht hat. Es ist echt der Wahnsinn, dass selbst Chefärzte in Psych-Fächern hinsichtlich ihrer eigenen Anteile nicht aufgeräumt haben bzw. nicht die erforderliche Selbstkontrolle aufweisen. Letztlich hat das echt was mit mir gemacht, ob es nun gerechtfertigt war oder nicht.

Coxy-Baby
12.07.2022, 11:19
Freundlich lächeln, winken und "Arschloch" denken, wesentlich mehr gibts da fast nicht zu sagen, man begegnet halt im klinischen Alltag immer Mal wieder verhaltensoriginellen Menschen (ob eigene oder fremde Fachrichtung), du weißt doch wie es heißt: Du kannst
nicht alle töten. Aber vielleicht genug irritieren, so dass sie vor einen Bus laufen.
In diesem Sinne: Kopf hoch.

rafiki
12.07.2022, 18:50
. Es ist echt der Wahnsinn, dass selbst Chefärzte in Psych-Fächern hinsichtlich ihrer eigenen Anteile nicht aufgeräumt haben bzw. nicht die erforderliche Selbstkontrolle aufweisen.

Ja, das ist leider fast ein Erkennungsmerkmal von Psych-CÄ, dass sie in irgendeiner Weise beschädigt sind, ohne sich je wirklich darum gekümmert zu haben und leider oft projizierend agieren.

Tut mir leid für dich, aber auch an solchen Begegnungen kann man wachsen und es als Ansporn nehmen.

Züschata
12.07.2022, 19:24
Danke für die aufmunternden Worte! Ich nehme für mich an dieser Stelle mit, wie wichtig es ist, im Laufe des Berufslebens offen zu bleiben und die eigene Rolle regelmäßig zu hinterfragen. Es war tatsächlich sehr befreiend, mich nicht vollständig plattreden zu lassen, sondern trotz aller emotionaler Reaktion sachlich zu reagieren. Da war ich von mir selbst überrascht. Und ich sehe es als Ansporn, trotz allem gesagten im weiteren Umgang professionell zu bleiben und nicht die beleidigte Leberwurst zu spielen. Also unangenehm, aber letztlich positiv für mich, vor allem da ich schon immer Angst vor einer Konfrontation mit ihm hatte.

Züschata
13.07.2022, 19:13
Hat sich zufällig jemand mal mit dem Buch von Gerhard Gründer „Psychopharmaka absetzen?“ oder seinem DGPPN-Vortrag beschäftigt? Ich finde es krass, wie dünn die Evidenz bezüglich des konkreten Umgangs mit Psychopharmaka ist.

RussianAngel
17.07.2022, 18:46
Hat sich zufällig jemand mal mit dem Buch von Gerhard Gründer „Psychopharmaka absetzen?“ oder seinem DGPPN-Vortrag beschäftigt? Ich finde es krass, wie dünn die Evidenz bezüglich des konkreten Umgangs mit Psychopharmaka ist.

Nein, aber ich werde es morgen von der Bib ausleihen, weil ich das Thema spannend finde...Wenn ich fertig/ eingelesen bin, melde ich mich :)

ulkugg
20.07.2022, 16:36
Liebe Kollegen
Könnt ihr mir einen Ratschlag geben: ich habe etwas über ein Jahr Psychiatrie in einer klassischen Psychiatrie gearbeitet mit allen Abteilungen und anstrengenden Diensten (Polizei, Fixierung usw, sehr viel gesehen). Gibt es die realistische Möglichkeit, seine Weiterbildung weiter zuführen ohne (solche) Dienste? Ich interessiere mich sehr für das Fach und am ehesten würde mich die Niederlassung reizen, aber ich komme mit den Diensten nicht noch ein Jahr zurecht...

jijichu
20.07.2022, 17:02
@ulkugg - Du hast eine PN

Züschata
20.07.2022, 17:29
Such dir ein anderes Haus mit weniger anstrengenden Diensten, hängt meist mit dem Einzugsgebiet zusammen. Aber so ganz kommst du um stressige P-Dienste nur herum, wenn du in eine Fachklinik für Psychosomatik gehst, was ja nicht der gleiche FA wäre.

ulkugg
20.07.2022, 18:06
Ja, den Aspekt mit dem Einzugsgebiet hatte ich auch schon weiter oben gelesen, ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt. Gibt es nicht auch "elektive" Fachkliniken für Psychiatrie ohne ungeplante Aufnahmen, zum Beispiel im Bereich Sucht?

Ab wann ist es denn realistisch, vernünftig ambulant in die WB zu gehen?

An sich verstehe ich schon, dass der Umgang mit herausfordernden Situationen wichtig ist, aber ich hatte das über ein Jahr lang in sehr hoher Dichte mit allen möglichen Eskalationsstufen und obwohl ich immer positive RM bekommen habe, haben explizit die 24h Dienste mich vor allem physisch schon echt belastet, sodass ich schon über einen Fachwechsel weg von der Patientenversorgung nachgedacht habe.

Arrhythmie
20.07.2022, 18:27
@ulkugg - Du hast eine PN

Würd mich auch interessieren 😅

Züschata
20.07.2022, 18:41
Ich würde die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen. Es gibt genug Kliniken, die a) kein 24h-Modell fahren und/oder b) besser organisiert sind. Ich mache (noch) die regulären Psychiatrie-Dienste mit. Bei uns sind diese aber recht angenehm, da es relativ auf dem Land ist und die Nächte durch eine pflegerische Nachtdienstleitung gut begleitet werden. D.h. man wird auch nicht wegen jedem Mist unreflektiert angerufen. Wir machen Blöcke aus mehreren Tagen, was auch nervt, aber ganz gut geht. 24h kenne ich ebenfalls aus einem Brennpunkt, was richtig anstrengend war, also das was du beschrieben hast. Rund um die Uhr Notfälle, Fixierungen, Aufnahmen, ambulante Kontakte, Anrufe etc. Wenn du was lernen willst, solltest du auf jeden Fall eine stationäre psychotherapeutische/psychosomatische Abteilung für 1-2 Jahre aufsuchen. In einer Klinik für Entwöhnungen zu arbeiten halte ich nicht für sinnvoll. Den Psychiatrie-FA zu machen, ohne mehrjährig dezidiert psychotherapeutisch zu arbeiten, finde ich - provokant formuliert - etwas schmalspurig und wird der Komplexität des Fachs in keinster Weise gerecht. Den Benkert hat man schnell zur Hand, die psychotherapeutische Denke muss man lernen. Ich halte das P&P Fach definitiv für eines der größten Fächer in der Medizin, leider wird der psychotherapeutische Teil (für den es übrigens eine separate Berufsgruppe und seit neuestem auch extra Studiengänge gibt) vom durchschnittlichen Psychiater massiv unterschätzt.

tensun
21.07.2022, 06:16
Wenn du mobil bist, kannst du dir überlegen für ein paar Jahre in die Schweiz zu gehen. 24 Stunden Dienste hat man da, soweit ich weiss, nicht. Auch sind die Rotationen in die verschiedenen Bereiche gut geregelt.
Wenn du nach Konstanz ziehst, kannst du sogar in Deutschland wohnen bleiben. Wobei die Formalitäten des Umzug tatsächlich vernachlässigbar sind.

ulkugg
21.07.2022, 18:55
Danke für die Antworten! Psychotherapeutische Abteilung / Station auf jeden Fall wichtig, sehe ich genauso! Schweiz scheidet aus verschiedenen Gründen aktuell bei mir leider aus.

Bin aber dankbar für die für mich insgesamt positive Lage der Rückmeldungen, dass schon auch Kliniken gibt mit offenbar erträglichen Diensten. Möglicherweise kann ich die Suche etwas verschieben durch das Neurojahr.

Arrhythmie
21.07.2022, 19:05
Aber gerade im Neurojahr wirds vermutlich ungemütlicher bezüglich der Dienste...

rafiki
21.07.2022, 20:12
Den Psychiatrie-FA zu machen, ohne mehrjährig dezidiert psychotherapeutisch zu arbeiten, finde ich - provokant formuliert - etwas schmalspurig und wird der Komplexität des Fachs in keinster Weise gerecht.

Das sehe ich im Prinzip auch so, man muss aber bedenken, dass der Psychiatrie-FA nicht dafür gedacht ist, psychotherapeutisch zu arbeiten. Das Anhängsel "Psychotherapie" im Namen wurde erst später aus berufspolitischen Gründen hinzugefügt. Was in den Katalogen für diesen Teil gefordert wird, ist lächerlich, wenn man wirklich Psychotherapie machen will - was in der Realität stattfindet und einfach abgehakt wird (wie bei den Chirurgen die Op) ist ja nochmal weniger. Die Komplexität des gesamten Psycho-Fachgebiets abzubilden, würde 8 Jahre dauern (so wie jetzt die Kombi Neuro+Psychiatrie).

@ulkugg: Es gibt "alleinstehende" psychiatrische Tageskliniken, die nichts anderes machen und entsprechend weder Nacht- noch Wochenenddienste haben, aber bis zu 2 J. WB-Berechtigung. Ambulante WB allerfrühestens im letzten Jahr.

leukozonder
03.08.2022, 13:35
liebe leute
ich war bislang stiller Mitleser aber ich bin WBA am Anfang des 3. Jahres nach gerade abgeschlossenem Urlaub in die neuro und gerade in einer Sinnkrise (z.T. unbefriedigende Arbeit, Drehtürpatienten, Dienste usw), wie offensichtlich auch andere, und bräuchte mal wieder einen Motivationsschub.Ich denke ich würde mich gerne niederlassen. Das was mich an der Niederlassung reizt, ist, dass man eigene Ideen - zumindest in einem gewissen Rahmen - einfach einbringen kann. Ich finde zum Beispiel (bin recht neurowissenschaftlich affin und habe da promoviert) die Anwendung von TMS oder tDCS im psychiatrischen Kontext, oder etwa die Anwendung neuerer Medikamente (z.B. bei ADHS) oder versuchsweise Gesundheitsapps oder oder (explizit nicht Kram aus der esoterischen Ecke) - bitte keine Diskussion über jetzt die Sinhaftigkeit von einem ganz bestimmten dieser Sachen, aber ganz allgemein: Ist das pures Wunschdenken oder kann man sich vielleicht allmählich so ein paar eigene Projekte aufbauen? Am besten, auch ohne sich damit finanziell zu ruinieren.
Vielleicht daran angelehnt: wie sieht denn so ein typischer Arbeitstag eines niedergelassenen Kollegen aus? Wie ist der Anteil an Psychotherapie?

Reflex
03.08.2022, 14:49
Dieses Thema wurde hier schon echt zu genüge besprochen. Bemühe Dich erst einmal um die Suchfunktion. Den besten Einblick bekommt man, wenn man einen Teil der Weiterbildung in einer Praxis verbringt. In der Kassenärztlichen Versorgung werden sich deine „Steckenpferde“ kaum wirtschaftlich umsetzen lassen. Du bist an den EBM, die 95%ige Generika-Quote und andere KV Vorgaben gebunden. Technik, die man anschafft, muss auch wirtschaftlich ausgelastet werden, sonst arbeitet man langfristig defizitär. TMS, tDCS etc. sind jenseits von Spezialambulanzen/Kliniken, wo Chefärzte sich offlabel Spielereien eher leisten können, kaum realistisch umsetzbar. Außer man möchte, mit dem was man tut, kein Geld verdienen… Und die meisten Gesundheitsapps im psychiatrischen Bereich sind keine wirkliche Alternative zur PT. Das sind eher Lückenbüßer und wenn bereits eine entsprechende Diagnose als Indikation besteht, muss der Patient die sich gar nicht durch einen Arzt rezeptieren lassen und kann die direkt bei der gKV beantragen. Ich hab da bislang allerdings noch nix zu Gesicht bekommen, was mich medizinisch ernsthaft überzeugt hat.

Züschata
03.08.2022, 21:40
Wofür willst du dir denn sowas „aufbauen“? Das kann ja nur aus finanziellen Motiven sein. Das allerletzte was die Psychiatrie braucht sind Neurowissenschaftler, die ohne Kenntnis von Psychodynamik TMS, EKT, Ketamin (i.v., nasal, anal, schießmichtot) anbieten wollen. Das entspricht wahrscheinlich dem Plastiker, der nur Botox spritzt.