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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigen- oder Fremdgefährdung? Der Psychiatertreffpunkt



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Reflex
30.09.2023, 06:29
Erheiternd finde ich den Vorwurf, dass Patientenselektion durch die Therapieform stattfindet und kränkere Patienten keinen Zugang zur Behandlung im ambulanten Bereich gefunden hätten. Denn auch heute haben Patienten, die schwerer erkrankt sind, gerade im ambulanten Bereich kaum eine Chance einen Therapieplatz zu finden und werden häufig zu Drehtürpatienten in den AkutKliniken oder es folgt schnell ein Therapieabbruch und Verweiß auf die Klinik. Ich hab eine Psychotherapeutin in der Umgebung, die schickt uns regelmäßig Patienten mit dem Handlungsauftrag: „Erst wenn Sie Medikation nehmen, kann ich Sie weiterbehandeln.“ Gerade Psychose Patienten und schwer Persönlichkeitsgestörte Patienten haben weiterhin in unseren Gesundheitssystem das Nachsehen. Daran ändert auch nix die ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Komplexbehandlung. Denn daran beteiligen sich auch weiterhin nur Praxen, die eigentlich schon so gearbeitet haben, als es noch keine Ziffern zum Abrechnen dafür gab…

rafiki
30.09.2023, 07:50
Aber wie soll das gelöst werden? Die Massen an Psychologieabsolventen und neuerdings Uni-PT-Absolventen wollen und können sich nicht mit Schwergestörten beschäftigen, ebenso viele Mediziner mit Zusatzbezeichnung PT. Auf der anderen Seite stehen vielfach Psychiater, denen nicht mehr einfällt (bzw. nicht ausreichend weitergebildet) als Medikamente.

Andererseits werden Ressourcen immer knapper, d. h. es muss mehr und mehr triagiert werden: für wen "lohnt" sich PT, für wen eher nicht. Für mich stehen da an erster Stelle (eingeschränkt) junge Erwachsene und Menschen mit jüngeren Kindern sowie altersunabhängig immer Leistungsträger der Gesellschaft.

Reflex
01.10.2023, 05:46
Aber wie soll das gelöst werden? Die Massen an Psychologieabsolventen und neuerdings Uni-PT-Absolventen wollen und können sich nicht mit Schwergestörten beschäftigen, ebenso viele Mediziner mit Zusatzbezeichnung PT. Auf der anderen Seite stehen vielfach Psychiater, denen nicht mehr einfällt (bzw. nicht ausreichend weitergebildet) als Medikamente.

Deswegen ist der Vorwurf ja so absurd, weil Behandlungsrealität heute aber auch vor 30 Jahren (und da war die Versorgungssituation noch schlechter) völlig anders aussieht. Was sich schon verbessert hat, sind die soziomedizinische Versorgung durch Netzwerke mit ambulant betreuten Wohnen, Ergotherapie, Soziotherapie, Kontaktstellen, tagesstruktuierenden Angeboten, integrierter Versorgung etc. und das ist ja wichtig.

Wie definierst Du denn Leistungsträger der Gesellschaft?

rafiki
01.10.2023, 06:39
Das sind prinzipiell alle, die durch ihre Abgaben die Aufrechterhaltung unserer Infrastrukturen und des Sozialsystems ermöglichen und insbesondere die, die hohe Verantwortung tragen in der Wirtschaft, Bildung etc.

Waspany
23.10.2023, 14:44
Hallo , auch wenn der Thread hier ein paar Tage steht wollte ich mal meine Frage drunterspülen da ich...nunja ziemlich ratlos bin.

Ich bin im 1. WB in der KJPP auf einer Akutstation (besonders beschützend/geschlossen) und bin relativ direkt ins kalte Wasser geschmissen worden ohne engere Supervision /Balint oder Eigenerfahrung. Das beinhaltete auch teils therapeutische Gespräche mit den kleinen PatientInnen. Nun finde ich mich kaum ein halbes Jahr in einem relativ starkem psychischen Absturz wieder und habe sehr offensichtlich ein großes Gegen/Übertragungsproblem da sich plötzlich suizidale Gedanken wiederfinden, die ziemlich eindeutig von meinen neuesten PatientInnen zu kommen scheinen. . Gekommen sind sie natürlich in einer Phase der Ruhe. und hat mich völlig kalt erwischt. ich war schon bei HA, also ich bin angebunden und habe viele Leute die gerade aufpassen.

Ich wollte erfragen ob es hier jemandem im 1.WB psychisch auch zwischenzeitlich echt bescheiden ging und wie ihr damit umgegangen seid.
Ich überlege natürlich parallel wie ich mit dem Job künftig verfahre, ob eine Neugestaltung am Arbeitsplatz und rausziehen aus Gesprächen sowie engmaschige Selbsterfahrung erstmal helfen könnte oder ob ich direkt kündige. Das Haus ist relativ groß aber absolut unterversorgt sowohl was die Anzahl der ÄrztInnen als auch der Ausbildungsbegleitung angeht.

Nebenbei auch noch die Frage wie ihr mit Rufbereitschaftsdiensten umgeht. Wir haben leider aktuell relativ viele und dafür dass ich eigentlich jahrelang nachterfahren bin machen sie mich erstaunlicherweise völlig fertig. Wir haben eine relativ hohe Arbeitslast (ob das

davo
23.10.2023, 15:42
Wieviele Monate arbeitest du schon in diesem Job? Hast du darüber mit deinen Kollegen und deinen Fachärzten gesprochen? Das ist wirklich wichtig.

Geht es da primär um emotional instabile Patienten, oder welche Art von Patienten gehen dir da so nahe?

Supervision von Anfang an ist absolut essentiell. Das solltest du mit deinem Chef besprechen. Eine regelmäßige Gruppensupervision sollte jede psychiatrische Abteilung vor Ort anbieten.

Selbsterfahrung kann auch sinnvoll sein, aber da soll es ja primär um dich und deine Themen gehen, nicht primär um deine Patienten.

Waspany
23.10.2023, 16:07
Hi davo,

ich bin seit 5.5 Monaten dabei und habe bereits das Gespräch mit meiner OÄ gesucht...wir werden uns noch richtig zusammensetzen.
Ich arbeite im geschlossenen Bereich sprich ich habe in der Regel mit akut suizidalen Kids zu tun wo meist das Familien-und/oder Helfersystem versagt. Dies gepaart mit ein paar fremdgefährdenden PatientInnen und Bindungsstörungen stellt einen irgendwie vor eine relative Ohnmacht.

In einem anderen Forum wurde es echt gut ausgedrückt: Als ÄrztIn in der KJPP bist du Arzt,Sozialarbeiter, Pädagoge, Wutmonsterbändiger und Heulkissen in einem. Eine eierlegende Wollmilchsau soll man sein. Man jongliert beständig zwischen Kindern, Eltern,Familienhilfen, Jugendämtern, Gerichten und natürlich dem eigenen Haus, dem pflegerischen und erzieherischen Teams....:-peng

Ich weiß noch nicht wie ich strategisch ein Gespräch mit Chefebene suchen kann, aber weiter so wie bisher geht echt nicht. Das steht für mich fest.
Ich hoffe nur dass dieses scheiß Gefühl sich endlich legt . :heul:

Speranza100
23.10.2023, 16:40
Hallo Waspany,
ich habe auch mal ein Jahr in der KJP gearbeitet, relativ zeitnah nach dem STudium, ich kenne das Gefühl was du beschreibst mit der Hilflosigkeit. Ich glaube das gehört in der KJP leider dazu (mehr noch als in anderen Fächern), weil es eben von vielen Faktoren abhängt (und nicht nur von der Patientenmotivation), ob man überhaupt hilfreich sein kann. Die ganzen äußeren EInflüsse können mürbe machen. Ja, hatte auch das Gefühl die KJP wird immer mehr zum "Auffangbecken".Mag mir gar nicht ausmalen, wie das dann durch Corona potenziert wurde....

Für mich klingt aber deine Symptomatik / Übertragung - was auch immer es ist- nicht gut, das schreibst du ja selber, würde es als Alarmzeichen sehen, dass dir dein Körper und deine PSyche sagen will: keinen Schritt weiter.
Finde Selbsterfahrung auch essentiell - hast du dir da schon Gedanken gemacht wie du das verfolgen willst, falls du das FAch weiter machen möchtest? Was sagt dir denn dein Bauch, was gut für dich wäre?
Meinst du es wäre zunächst "einfacher" auf einer offenen Station? MIch hat die Hilflosigkeit auf allen Stationen begleitet (wurde leider ZU OFT hin und hergeschoben... Personalmangel), denke ich war aber letztlich auch zu jung für diese Art der Arbeit und habe am Ende mich für einen FAchrichtungswechsel entschieden.
Aber eigene Lebensmüdigkeit - meinetwegen auch als Gegenübertragung - sollte ja warnen.
Es wäre sehr wichtig, dass du dir Hilfe suchst. Völlig egal wie es dann am Ende heißt.
Auch sollte die Unterstützung nach meinem Empfinden unabhängig von deiner Arbeit sein, also unabhängig von OÄ und Chefetage, um einen Blickwinkel zu bekommen, wo du nicht aufpassen musst, was du über dich Preis gibst. Das ist aber meine Laienmeinung als nicht Psychiater ;-)

PS Und ein gutes Team zeichnet sich aus, dass man dort über genau diese Gefühle der Hilflosigkeit, Lähmung, Ohnmacht sprechen kann, die du beschreibst. In einer guten Supervision kann man sowas ansprechen. Findet sowas bei euch statt? Angeleiteter Austausch, Teamsupervision, Einzellfallsupervision.... auf sowas würde ich unbedingt (!) bei der Weiterbildungsstelle achten. Und Selbsterfahrung dann unabhängig vom Arbeitgeber und besser nicht (!) die Schmalspurvariante. Deine Patienten werden es dir sicherlich danken später, und du dir auch.

rafiki
23.10.2023, 17:06
engmaschige Selbsterfahrung

Ja, dringend. Ich würde es in deinem Falle Therapie nennen. Suizidgedanken sind nicht ansteckend, haben insofern nichts mit Übertragung zu tun, sondern mit eigenen Themen, die möglicherweise durch Patiententhemen oder durch sonstigen großen Stress angeregt wurden.

Waspany
23.10.2023, 18:11
Ich ärgere mich über deinen Satz aber du hast völlig recht. Ich ärgere mich weil ich diesen Satz natürlich kenne. Und hier einen Wald vor lauter Bäumen nicht sehe.
Ich bin ohnehin erstmal krank. Suche nach Alternativen Stellen.

Stress kann ich voll bestätigen. Bin für die Arbeitsstelle umgezogen (mieses timing natürlich jetzt), ich bin völlig überfordert und packe die Dienste um ehrlich zu sein gar nicht.
Die Dienste sind Rufbereitschaften jedoch haben wir ein so hohes Arbeitspensum in diesen dass das etwas sehr fragwürdig ist. Es ist völlig normal erst gegen 3-4 Uhr Nachts Ruhe zu haben. Dadurch ist man durchaus so 24-26h in der Klinik und macht dann Minusstunden.

Aber...ich kann es mir kaum vorstellen dass ich damit alleine bin ? Wie war das bei euch im 1 WB ? Und wann wurdet ihr in Einzelgespräche mit Patienten gelassen ?

davo
23.10.2023, 18:39
Wahrscheinlich ist diese Stelle einfach zu intensiv für dich. Rufdienste, die keine Rufdienste sind, schwer kranke Patienten, offenbar kaum Supervision, eigene Themen - das ist eine denkbar schlechte Kombination. Vielleicht wäre es auf einer entspannteren Stelle mit einem unterstützenderen Team ganz anders.

Therapeutische Einzelgespräche mit Patienten hab ich (Erwachsenenpsychiatrie) ab dem dritten Monat gemacht, hatte allerdings schon Psychiatrie-PJ und zwei Monate Psychiatrie-Famulatur.

Und wie Speranza100 ganz richtig schreibt, ist es in diesen Fächern essentiell, dass man in einem Team arbeitet, in dem es völlig alltäglich ist, dass man sich über solche Themen austauscht.

Dass einen manche Patienten oder manche Situationen beschäftigen, ist in diesen Fächern glaub ich völlig normal. Aber so extrem wie es bei dir ist war es bei mir nie. Es ist glaub ich echt wichtig, dass man sich gut abgrenzen kann und die in der Arbeit erlebten Probleme nicht mit nach Hause nimmt.

Speranza100
23.10.2023, 19:49
Ich hatte auch direkt nach wenigen Tagen erste "Psychotherapie"Gespräche - will das nicht so nennen, weil ich es ja im Studium überhaupt nicht gelernt hatte. Das fand ich auch völlig absurd. Man führt dann Gespräche ohne Sinn und Plan bei wirklich schwer kranken Patienten (inklusive Elterngespräche). Ich denke man sollte dann halt relativ zügig mit seiner PT Ausbildung anfangen, um etwas an die Hand zu kriegen. So wie andere sich in Sono oder Notfallmedizin Kurse stürzen.
Den Punkt fand ich auch auf der Akutstation/Geschlossenen "angenehmer" weil dort keine klassische PSychotherapie lief.
Abgrenzen kann man lernen. Und es ist auch gut wenn man kein Eisklotz ist. Deine BEdingungen klingen aber auch nicht gerade einfach. Ich hatte damals ein tolles Team und super Vorgesetzte, wenn es das Fach gewesen wäre, wäre ich geblieben.
Und ja, ich fand KJP auch enorm belastend. Da muss man gut Trennen können...
Komm erstmal selber wieder auf die Beine und dann schaust du weiter. BIs dahin würde ich gar nichts entscheiden... wieder ein Laienrat ;) es werden sich neue Möglichkeiten auftun, wenn du wieder etwas Kraft und Gedanken sammeln konntest.
Alles Gute!

Flomo
12.11.2023, 20:53
Hi zusammen,

ich beginne übernächste Woche mein PJ auf einer Akutstation in der Psychiatrie. Ich würde mich sehr über Literaturempfehlungen zur Vorbereitung/Auffrischung und zum Nachlesen freuen. Mit was für Büchern (oder anderen Quellen) seid ihr "gestartet" oder fandet für den Einsteig hilfreich.

Viele Grüße
Flo

Anne1970
13.11.2023, 02:03
Such dir etwas zum „psychopathologischen Befund“. Alles andere würde ich auf dich zukommen lassen.

davo
13.11.2023, 05:50
Wenn du dir die Infos auf Amboss oder Endspurt Klinik nochmal durchliest, bist du, was das Faktenwissen anbelangt, gut gewappnet. Zum Nachschlagen ist die DGPPN-App ganz gut.

Falls du dir zusätzlich auch noch ein kurzes prosaisches Lehrbuch mit wenig Faktenwissen, aber viel zum Thema Haltung, Gesamtbild, etc., zulegen willst, kann ich dir das "Manual of Inpatient Psychiatry" von Casher und Bess ans Herz legen. Dort findest du sehr gut geschriebene, kurze Texte dazu was die Herausforderungen der stationären Psychiatrie sind, wie gefährliche Situationen entstehen können und wie man mit ihnen umgehen kann, worauf bei den unterschiedlichen Krankheitsbildern zu achten ist, etc.

Ich wünsch dir viel Spaß und Freude im interessantesten Fach der Medizin! ;-)

rafiki
13.11.2023, 06:09
Willst du langfristig Psychiatrie machen?

Wenn ja: Psychopathologie von Scharfetter, wenn intensiveres Interesse natürlich Karl Jaspers und als Lehrbuch Windgassen (früher Tölle) und das Pharmakologiekompendium Benkert/Hippius.

davo
13.11.2023, 19:39
Das Scharfetter-Buch ist tatsächlich toll. Macht auch einfach, abgesehen von der Wissensvermittlung, Lust auf das Fach.

Züschata
13.11.2023, 19:50
Das Buch von Scharfetter kann ich selbst nicht empfehlen, habe es nach dem Querlesen zurückgehen lassen. Viel zu viele (vermutlich auch alte) Begrifflichkeiten, die ich noch nie irgendwo gelesen habe, häufiger auch mal weniger trennscharf zu bekannteren Begriffen. Da finde ich den Berger in Kombi mit dem Leitfaden zur AMDP Erhebung und dem OPD 3 hilfreicher.

rafiki
13.11.2023, 21:59
Phänomenologie sollte aber klar von Psychodynamik getrennt sein. Für Anfänger ist der OPD nichts. Ich erlebe immer wieder bei Assistenten (auch Psychologen), dass sie nicht in der Lage sind, einen einfachen psychopathologischen Befund zu erstellen, sich aber in wilden psychodynamischen Spekulationen verlieren.

fxf90
26.11.2023, 16:49
Guten Abend zusammen,

hab mal ne Frage: wie habt ihr es mit Fortbildungstagen gemacht? Ich habe in meiner Klinik nur 5 pro Jahr, brauche aber mehr, für die PT Ausbildung, die ich blockweise mehrmals pro Jahr absolviere. Im Bewerbungsgespräch sowie im weiteren Verlauf wurden mir nur schwammige Angaben diesbzgl gemacht und ich habe etwas arglos meine Stelle angetreten.
In meiner letzten Klinik konnte ich dafür unbezahlten Urlaub nehmen, was auch nicht optimal ist, aber immerhin eine Lösung.
Nun solle ich (Aussage eines Kollegen) Erholungsurlaub nehmen, den ich aber a) gar nicht mehr habe, b) ich es nicht einsehe, da es eben kein Urlaub ist. Mein Oberarzt hatte bislang auch keine Idee parat.

Habt ihr ne Idee? Ein Freund meinte, ich solle Minus-Stunden machen, aber die krieg ich doch nicht mehr rein?! (es geht um 3 volle Tage)

Viele Grüße