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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigen- oder Fremdgefährdung? Der Psychiatertreffpunkt



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Reflex
13.09.2020, 11:32
Befinde mich gerade in einer Sinnkrise, weil ich immer das Gefühl habe, dass Psychiatrie gar keine richtige Medizin und man dazu kaum etwas wissen muss. Wenn ich jetzt aber so lese, was ich alles so mal eben aus dem FF weiß und kann, dann stimmt das wahrscheinlich nicht.

Es behaupten ja gerne andere Fachdisziplinen, dass man nur "labern" muss. Aber wenn man seinen Job gut machen möchte, brauch man schon einiges an Fachwissen, insbesondere im Bereich Diagnostik und Pharmakotherapie. Und auch der Bereich Psychotherapie ist deutlich komplexer als nur sich mit einem Patienten hinzusetzen und zu reden. Und was ich leider bislang in einigen Kliniken sehe ist, dass oft gar nicht unbedingt Leitlinien gerecht gearbeitet wird, weil die Weiterbildung einfach gruselig ist. Da haben sich irgendwelche Eminenz-basierten Dinge eingeschlichen und werden wenig hinterfragt weitergeführt und andere Therapieoptionen wie z.B. EKT werden kaum bis gar nicht genutzt.

Ich persönlich bin so zufrieden mit meinem soliden Basiswissen. Das ist das, was ich für mich als Fachtarztreife ansehe. Aber es gibt trotzdem noch genügend Bereiche, die ich gerne nach der Facharztprüfung weiter vertiefen möchte und gerade Forschung betreiben in der Psychiatrie auch oft leider eher die Psychologen als die Psychiater.

tragezwerg
13.09.2020, 12:17
Als Nicht-Psychiaterin bin ich immer sehr froh, wenn ich kompetente Psychiater habe, die mir weiterhelfen können. Als Anästhesist kommt man oft genug in Kontakt mit Patienten mit psychiatrischer Grunderkrankung, die dann z.B. auf der Intensiv akut Probleme verursacht. Von den ganzen Suchtpatienten mal abgesehen. Ich finde also gar nicht, dass man für euer Fach nichts können muss. Wollte ich nur mal erwähnen :-)

Colourful
13.09.2020, 12:55
Ich finde es halt auch sehr unklar/kompliziert und auch viel Gelaber.

rafiki
13.09.2020, 12:55
auch der Bereich Psychotherapie ist deutlich komplexer als nur sich mit einem Patienten hinzusetzen und zu reden.

Allerdings! Eine gute psychotherapeutische Ausbildung umfasst mehrere Jahre Schulung sowie ständige Fortbildung.



andere Therapieoptionen wie z.B. EKT werden kaum bis gar nicht genutzt.

Weil die Psychomedizin immer noch zu großen Teilen ideologiegeleitet ist.




gerade Forschung betreiben in der Psychiatrie auch oft leider eher die Psychologen als die Psychiater.

Weil die Psychiater vollauf mit der Versorgung beschäftigt sind, zu der andere Professionen nicht fähig und oft auch nicht gewillt sind.

Colourful
13.09.2020, 13:01
Oh ja, EKT wird leider wirklich viel zu selten gemacht - wirkt aber oft einfach super, ist auch leitliniengerecht, interessiert aber häufig niemanden. Und ich habe schon gute Verläufe mit EKT gesehen. Wirkt oft auch besser als eine antidepressive Medikation.

Und ja, vielleicht sollte ich auch einfach mal "solides Basiswissen" als Ziel bis zum Facharzt sehen. Aber das dauert bei mir sowieso sicherlich noch 3-4 Jahre.

tragezwerg
13.09.2020, 13:30
Hier werden fast jeden Tag EKTs gemacht, die Kapazitäten wurden in den letzten Jahren erweitert weil die Ergebnisse so gut sind. Aber es ist schon sehr invasiv, verglichen mit der sonstiges psychiatrischen Arbeit. Vielleicht ist es deshalb nicht so verbreitet wie es sein sollte...

Reflex
13.09.2020, 13:39
Eben weil die EKT so gute Effekte, selbst bei älteren Patienten zeigt, kann ich nicht verstehen, dass das oft zurückhaltend angewendet wird. Zu Mal die Methodik echt kein Hexenwerk ist und eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit und Organisation erfordert. Im Ruhrgebiet muss man die Patienten bis auf wenige Ausnahmen an die Unikliniken schicken.

Reflex
13.09.2020, 13:43
Und ja, vielleicht sollte ich auch einfach mal "solides Basiswissen" als Ziel bis zum Facharzt sehen. Aber das dauert bei mir sowieso sicherlich noch 3-4 Jahre.

Mir hat der Wechsel in die Praxis noch einmal einen immensen fachlichen Aufschwung gebracht. Es kommt ja auch gar nicht auf die Zeit an, in der man sich Wissen aneignet, sondern einfach auf den Wunsch sich fachlich weiter zu entwickeln, Neues zu lernen und sich und sein Wissen/Methoden zu hinterfragen.

Colourful
13.09.2020, 20:48
@Reflex
Ja, das glaube ich. Ich habe auch in der PIA am meisten gelernt, würde auch sehr gern wieder in einer PIA/Praxis arbeiten. Aber zuerst habe ich nach der Elternzeit noch ein paar Monate Neurologie vor mir. Ich habe nur ein Jahr Vollzeit gearbeitet, sonst immer 75%, von daher zieht sich das mit der Weiterbildung etwas. So ist das, wenn Frau meint, dass sie eher unter 35 ihre Kinder bekommen möchte.
Ja, ich bin da immer lernbereit und sehr wissbegierig.

Reflex
13.09.2020, 21:02
Ich hab die letzten 9 Monate in der Neuro und die komplette psychiatrische Weiterbildungszeit in 80% gearbeitet. Ich hab nur eine Elternzeit weniger hinter mir. Das geht alles irgendwie.

Colourful
14.09.2020, 07:12
Klar geht das, das ist bei mir auch eher ein gefühltes Problem und kein echtes.

vanilleeis
14.09.2020, 10:11
Irgendwie ist’s nervig, aber die Zeit mit den Kindern ist mir wichtiger

Colourful
14.09.2020, 12:09
@vanilleeis
Ja, ich habe ja mit nur einem Kind immer 75% + 2-4 Dienste gearbeitet und fand das auch relativ viel, aber auch trotzdem sehr gut machbar. Ich finde das Problem eher, dass ja in unserem Fach noch die wichtigen Fortbildungen dazukommen, die ja dann meistens auch am Wochenende und abends sind. Und das ist mit Kindern dann schon schwierig.

Reflex
14.09.2020, 18:00
Die Fortbildungen fand ich organisatorisch auch am schwierigsten. Die Selbsterfahrung hab ich Freitags abends/samstag ganztägig über 10 Monate gemacht, das Entspannungsverfahren an zwei Wochenenden und die Balintgruppe, welche ich weiter machen, weil die so gut ist, einmal pro Monat abends. Das ließ sich mit Mann und Babysitter aber dennoch gut umsetzen. Der Rest lief während der Arbeitszeit Klinik intern.

Dudelwu
15.09.2020, 11:52
Ich werde bald in der Psychiatrie anfangen als Neuling. Wollte mich vorher etwas belesen und mal fragen ob ihr da gute Tipps habt?

davo
15.09.2020, 17:31
Zwei günstige Bücher, die ich wirklich hervorragend finde:

"Manual of Inpatient Psychiatry", herausgegeben von Casher und Bess (da ist vor einem halben Jahr die zweite Auflage erschienen)

"Allgemeine Psychopathologie" von Scharfetter (so anschaulich ist kein anderes Buch zum Thema)

Gudhjem
17.09.2020, 20:07
Ich werde bald in der Psychiatrie anfangen als Neuling. Wollte mich vorher etwas belesen und mal fragen ob ihr da gute Tipps habt?

ich kann das Büchlein von Jan Dreher "Psychopharmakotherapie griffbereit: Medikamente, psychoaktive Genussmittel und Drogen" echt empfehlen - sehr anschaulich und kurzweilig geschrieben, gerade zum Einstieg echt klasse und erschlägt nicht sofort.

Zum kapitelweise Krankheitsbilder erlesen fand ich auch den Lieb "Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie" echt empfehlenswert.

Natürlich kann man sich auch direkt Monumentalwerke wie den Berger anschaffen, aber realistisch betrachtet schaut man da dann doch eher seltener rein ;-)

Gudhjem
17.09.2020, 20:15
Eben weil die EKT so gute Effekte, selbst bei älteren Patienten zeigt, kann ich nicht verstehen, dass das oft zurückhaltend angewendet wird. Zu Mal die Methodik echt kein Hexenwerk ist und eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit und Organisation erfordert. Im Ruhrgebiet muss man die Patienten bis auf wenige Ausnahmen an die Unikliniken schicken.

wir haben die EKT als Standardverfahren jetzt an unserer großen Fachklinik seit 2019 wieder fest etabliert :-)
Ich selbst bin eine von den zwei zuständigen Psychiatrie-OA im "Stimulationszentrum" (neben EKT noch rTMS, Ketamingabe und bald auch VNS) und war initial enorm skeptisch, jetzt sehr überzeugt.

Die Zurückhaltung sehe ich v.a. im Zusammenhang mit früherer Psychiatrie-Geschichte und vielen Zwangsmaßnahmen vor der Psychiatrie-Enquête in den 70ern - spannend und nicht sonderlich nett, was gerade ältere Pflegekräfte von damals generell so erzählen. In vielen Köpfen wird auch die EKT fälschlicherweise in Richtung böse Zwangsmaßnahme und Folter eingeordnet.
"Einer flog übers Kuckucksnest" hat es nicht unbedingt besser gemacht.

Kritisch sehe ich allerdings auch, dass die Indikation nicht immer stimmt und natürlich Vollnarkose und Seriensitzungen auch kein Spaziergang sind. Ein Allheilmittel ist die EKT halt auch nicht und bei Persönlichkeitsstörungen auch eher zweifelhaft, aber interessanterweise immer wieder gerade von diesen Patienten häufig gewünscht.
Für einen bestimmten eher passiven Patienten-Typus ist das ja auch eine recht angenehme Methode im Sinne von "ich lege mich nur hin, lass die machen und dann wirkt schon irgendwas und ich selbst muss nichts weiter tun" - ähnlich wie die oft ziemlich überhöhte Erwartungshaltung an die Pharmakotherapie.

EKT wirkt ziemlich gut, aber auch die UAW v.a. kognitiv sollte man nicht unterschätzen - wir haben viele Patienten gerade in der Erhaltung bei rez. depressiven Störungen u/o bipolaren Störungen, wo das eine ständige Gratwanderung zwischen genug EKT für den Stimmungserhalt vs. so wenig EKT wie möglich bei massiven Gedächtnisstörungen ist.

Wie so oft in der Psychiatrie ist es auch mit der EKT: Ganz so einfach ist es dann in der Praxis auch wieder nicht... ;-)

Reflex
18.09.2020, 06:05
Ich mag für die Pharmakotherapie sonst auch sehr den Benkert/Hippius - Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie. Da gibt es wohl Anfang Dezember eine Neuauflage.

Auch für die EKT gilt halt wie für andere invasivere Therapien auch: korrekte Indikationsstellung und Abwägen der Risiken.

Ich hab die Woche endlich meine Facharztprüfung gehabt und hab endlich das Double Feature! 🤗

Muriel
18.09.2020, 06:46
Herzlichen Glückwunsch!