Anmelden

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigen- oder Fremdgefährdung? Der Psychiatertreffpunkt



Seiten : 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 [34] 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65

GloriaSchmidt
15.05.2022, 07:36
Also grundsätzlich sehe ich kein Problem darin, mit eigener, bestenfalls remittierter, psychiatrischer Erkrankung Psychiater zu werden.
Ich hatte eine Depression, die behandelt wurde. Habe im Bewerbungsgespräch direkt nach der Uni als Frischling dem Chef davon erzählt und gefragt, ob ich trotzdem anfangen darf 😅
„Wer, wenn nicht wir als Psychiater, muss denn dafür Verständnis haben und sollte nicht stigmatisieren! Natürlich dürfen Sie anfangen!“

Das ganze ist jetzt lange her, mittlerweile bin ich Facharzt und alles ging gut. (Die Depression ist 15 Jahre her und kam nicht wieder)

Dass das mit dem Stigmatisieren auch anders geht, sah man, als auf den Stationen „Genesungsbegleiter“ eingesetzt wurden (Psychisch Erkrankte, die die Patienten „begleiten“, unterstützen…).
Im Stationsteam kamen riesen Diskussionen auf, ob psychisch Kranken denn mit Patienten arbeiten dürfen! (Ich hätte am liebsten in die Runde gefragt, wer denn hier NICHT betroffen ist 😂)

Colourful
15.05.2022, 08:26
Das eigentliche Problem sind die schwerer neurotisch Gestörten (die nicht in Behandlung gehen und an denen die "Selbsterfahrung" spurlos vorüber geht) , die sowohl in Postionen gelangen, bei denen sie untergeordneten Mitarbeitern sowie Institutionen schaden und andererseits im eher psychotherapeutischen Rahmen sich mit Patienten in destruktiver Weise verwickeln und enorm große Schädigungen verursachen können.

Ja, das sehe ich auch so. Und habe ich auch schon sehr *interessante* Dinge erlebt, und ich finde das ganz furchtbar. Als Beispiel fällt mir gerade ein Kollege ein, der mit seinem narzisstischen Größenselbst vollkommen inadäquat sich und dem Patienten geschädigt hat, weil er leider nicht sehen konnte, wo da die Grenzen sind und sein müssen. Leider wurde da auch von oben nicht korrigierend eingegriffen, wohl auch aus Unwissen und Unfähigkeit. Da kriege ich die Krise, manche Patienten gehören in wirklich Erfahrene und gut ausgebildete Hände, soweit bin ich auch noch nicht, aber ich habe genug Wissen und Erfahrung, um zu wissen, dass das so nicht gehen darf.
(Zur Info, das war ein Mann mit Vollzeitstelle.)

Ich finde aber auch schwierig, sich da also guter Normalo gegen solche Kandidaten "durchzusetzen", weil da dann doch eher der beachtet wird, der sich "gut durchsetzen" kann und nicht auf den, der einfach auch mal gute, ausgewogene Argumente hat und sich vielleicht selbst auch nicht so wichtig nimmt.

rafiki
15.05.2022, 10:04
Ich finde aber auch schwierig, sich da also guter Normalo gegen solche Kandidaten "durchzusetzen", weil da dann doch eher der beachtet wird, der sich "gut durchsetzen" kann und nicht auf den, der einfach auch mal gute, ausgewogene Argumente hat und sich vielleicht selbst auch nicht so wichtig nimmt.

Ja, das ist leider sehr oft so, und zwar deshalb, weil man gewissen malignen Mechanismen ("gut durchsetzen" klingt sehr harmlos), die dann gelegentlich angewendet werden, nichts entgegen zu setzen hat. Jedenfalls bringen dann Wissen, Fleiß, Erfahrung, Loyalität nicht viel - schade für die (Psycho)Medizin.

GloriaSchmidt
15.05.2022, 10:37
Ja, das ist leider sehr oft so, und zwar deshalb, weil man gewissen malignen Mechanismen ("gut durchsetzen" klingt sehr harmlos), die dann gelegentlich angewendet werden, nichts entgegen zu setzen hat. Jedenfalls bringen dann Wissen, Fleiß, Erfahrung, Loyalität nicht viel - schade für die (Psycho)Medizin.

Jap. Das kann ich nur bestätigen und sehe solche Tendenzen auch… wird leider selbst in Psychiatrien nicht erkannt und unterbunden.

Colourful
15.05.2022, 10:41
Na klar, da gibt es richtig maligne Fälle mit Manipulation, Erpressung und Verleumdung. Die kenne ich aber nur aus zweiter Hand, denn das ist nicht meine Liga. Es gibt auch Chefs, die bekommen im 300km Umkreis kein ärztliches Personal mehr, aus den oben beschriebenen Gründen.

Aber ehrlicherweise kommen ja auch in anderen Zweigen und nicht nur in der Medizin nicht die weiter, die besonders gut sind, sondern eben die mit der dafür geeigneten Persönlichkeit. Großer Chef wird man ja nun auch meistens nicht, weil man gut und verträglich ist und weiß, was man kann und nicht kann. So funktioniert unsere Gesellschaft nicht.

RussianAngel
15.05.2022, 14:23
Na klar, da gibt es richtig maligne Fälle mit Manipulation, Erpressung und Verleumdung. Die kenne ich aber nur aus zweiter Hand, denn das ist nicht meine Liga. Es gibt auch Chefs, die bekommen im 300km Umkreis kein ärztliches Personal mehr, aus den oben beschriebenen Gründen.

Aber ehrlicherweise kommen ja auch in anderen Zweigen und nicht nur in der Medizin nicht die weiter, die besonders gut sind, sondern eben die mit der dafür geeigneten Persönlichkeit. Großer Chef wird man ja nun auch meistens nicht, weil man gut und verträglich ist und weiß, was man kann und nicht kann. So funktioniert unsere Gesellschaft nicht.

Was wären denn Eurer Meinung nach wichtigere Eigenschaften für die Karriere? Sexuellen Beziehungen oder Schwägerschaften bitte ausgeschlossen, die gibt es wirklich sogar in renommierten Kliniken zum Kotzen häufig...(ist ja menschlich:P, aber da sollte eben die Verwaltung durchgreifen und nicht immer nur bei Sparmassnahmen)
Eventuell sich gut präsentieren/verkaufen? Durchsetzungswillen? Fachliche Kompetenz?

rafiki
15.05.2022, 16:49
Das kommt ganz darauf an, was genau man unter Karriere versteht. Ist es Machtwille, ist es, Medizin auf hohem Niveau zu betreiben trotz realökonomischer Einschränkungen, ist es, möglichst viel Geld zu verdienen, ist es, sein Können an andere weiterzugeben, anzuleiten, zu führen im besten Sinne?

Je nachdem ist z. B. fachliche Kompetenz überhaupt nicht nötig oder sehr hilfreich.

GloriaSchmidt
15.05.2022, 17:44
Eventuell sich gut präsentieren/verkaufen? Durchsetzungswillen? Fachliche Kompetenz?
Grundsätzlich erst mal ne gute Analgängigkeit.


Aber ernsthaft betrachtet ist es eigentlich wie rafiki sagte.
Wenn Karriere heißt, möglichst schnell OA zu werden, stimmt das mit der Analgängigkeit vielleicht schon… je nach Abteilung ein seriöses Auftreten, wirtschaftliches Denken vielleicht, eventuell viel Forschung - ich glaub da kommt es ganz auf das Haus und den Chef an.
Bei viel Kohle als Ziel sollte man - tja - vielleicht schnell nen Kassensitz und dann ordentlich pushen?
Bei Karriereziel: „Gute Medizin machen, alles für den Patienten sinnvolle machen, viele Erfahrungen und Wissen ansammeln, gute Lehre machen“ braucht man dann andere Qualitäten und im richtigen Haus kommt man damit vielleicht auch an die Stelle, die man anstrebt.

Colourful
15.05.2022, 20:39
Bei Karriereziel: „Gute Medizin machen, alles für den Patienten sinnvolle machen, viele Erfahrungen und Wissen ansammeln, gute Lehre machen“ braucht man dann andere Qualitäten und im richtigen Haus kommt man damit vielleicht auch an die Stelle, die man anstrebt.

Ja, vielleicht. Wenn ich ehrlich bin, mache ich jetzt schon so ziemlich das, was ich gerne die nächsten 10-15 Jahre machen würde, zumindest, so lange, wie meine Kinder mich noch so sehr zu Hause brauchen. Mir reicht es momentan in einem Projekt gute Arbeit machen zu dürfen, gut im Team zu arbeiten.

throni
26.05.2022, 21:51
Irgendwer hatte das Thema ja auch weiter oben angeschnitten: ich bin kurz vorm Facharzt Psychiatrie und mir wurden hier von einem Träger, der einige Kassensitze aufgekauft hat und jetzt mehrere Standorte in der Stadt betreibt auch 90.000 angeboten worden als Jahresgehalt. Also quasi Facharzttarif, aber Einstieg auf der dritten Gehaltsstufe. Ich finde das gar nicht so schlecht, sehe aber natürlich auch, dass meine Kommilitonen von damals teils deutlich mehr geboten bekommen in anderen Fächern.

OhDaeSu
26.05.2022, 23:00
Für den Einstieg nach FA-Prüfung oder schon davor? Wie viele Wochenstunden wären das und hast du versucht zu verhandeln?

dissection
26.05.2022, 23:05
Für den Einstieg nach FA-Prüfung oder schon davor? Wie viele Wochenstunden wären das und hast du versucht zu verhandeln?

Suchst du einen McKinsey-Exit? Oder brauchst du nen Therapeuten? : )

Finde das Gehalt für Fachärzt:innen ziemlich marginal und würde dementsprechend für einen Träger ungern arbeiten. Sprechendes Fach hin oder her.

OhDaeSu
26.05.2022, 23:13
Jup, der Exit kommt. Die Frage ist nur, wohin. Möchte den Thread damit aber nicht sprengen, gerne via PN.

GloriaSchmidt
27.05.2022, 07:29
Als bald angestellter Psychiater in einer Praxis kann ich sagen: die 90k wären bei 40h/Woche hier im Umfeld quasi Standart für jemanden ganz frisch nach der Prüfung. Wenn du dann noch etwas verhandelst bist du quasi auf Oberarzt Stufe 1 im TVÄ/VKA.
Wichtig wäre zu wissen, ob Anpassungen im Laufe der Zeit möglich sind.
Dann musst du für dich entscheiden, ob du für so einen „Anbieter“ arbeiten magst.

Viel mehr verdienen hier nur Kollegen, die dann nen eigenen Sitz haben oder nach jahrelanger Oberarzt Tätigkeit in die Anstellung in einer Praxis gewechselt sind - die „frischen“ Fachärzte verdienen irgendwas zwischen mittlere Stufe FA und erste Stufe OA in den Praxen (als Psychiater), soweit ich so mitbekommen habe.

throni
27.05.2022, 08:29
Der Träger ist eher weniger sympathisch, der Kollege, mit dem ich gesprochen habe, ist aber ganz ok. Es wären 90k bei einer 40h-Woche, Einstieg direkt nach dem Facharzt. War aber nur ein erstes lockeres Angebot, ein offizielles Gespräch gab es noch nicht. Dementsprechend hab ich auch noch nicht verhandelt oder so. Ein Bekannter von mir arbeitet bei einem anderen Standort des Betreibers und hat ein „Oberarztgehalt“ (genaueres weiß ich nicht) ausgehandelt. Der ist aber auch Doppelfacharzt, promoviert und hat vorher ein Jahr als Oberarzt an meiner Klinik gearbeitet.

GloriaSchmidt
27.05.2022, 10:11
Ein Bekannter von mir arbeitet bei einem anderen Standort des Betreibers und hat ein „Oberarztgehalt“ (genaueres weiß ich nicht) ausgehandelt. Der ist aber auch Doppelfacharzt, promoviert und hat vorher ein Jahr als Oberarzt an meiner Klinik gearbeitet.

Das ist dann auch einfach etwas ganz anderes, als Doppel Facharzt kann er viel mehr abrechnen, bringt also mehr ein! Und als Ex Oberarzt einer Klinik wird er auch niemals irgendwo hin wechseln zu weniger Gehalt… Oberarzt Gehalt ist auch ein dehnbarer Begriff, wenn du jetzt noch ein wenig mehr aus handelst im Jahr biste auch bei Oberarzt Gehalt (je nach Tarif) :)

throni
27.05.2022, 10:19
Mir fehlt halt gefühlt ein bisschen die Verhandlungsgrundlage. Ich bin nicht promoviert, frisch Facharzt, keine Zusatzqualifikationen. Das einzige wäre, dass ich die letzten eineinhalb Jahre in der PIA war und fit bin im ambulanten Arbeiten. Aber das ist ja auch nichts krass besonderes.

Reflex
27.05.2022, 14:55
Wenn Du mit so wenig Selbstbewusstsein in Verhandlungen gehst, hast Du auch keine Verhandlungsgrundlage:

1. bist Du Facharzt und damit im Arbeiten juristisch unabhängig. Es muss Dir keiner zwingend über die Schulter schauen.

2. Du hast bereits Erfahrung im ambulanten Arbeiten, kennst Dich demenstprechend mit den ambulanten sozialmedizinischen Strukturen aus und hattest Einblicke in die Behandlung von schwer kranken und chronisch kranken Patienten. ggf. bringst Du noch Kontakte in die Klinik mit, die eine schnellere/einfache Vermittlung von Patienten in die örtliche Klinik und Spezialambulanzen/PIA möglich machen.

3. welche fachlichen Schwerpunkte besitzt Du und welche die Praxis? Vielleicht kannst Du damit die Schwerpunkte der Praxis erweitern oder ergänzen.

Es gibt garantiert noch mehr deiner Fähigkeiten, die Du positiv für Verhandlungen herausstellen kannst…

PS: Jemand, der neue Sitze für Angestellte bekommen hat, braucht relativ zügig verbindliche und zuverlässige Fachärzte, die signalisieren, dass sie längerfristig in der Anstellung bleiben wollen. Bespiel: Wird der Sitz nicht nach 6 Monaten in Betrieb genommen, könnte die KV den Sitz wieder zurück nehmen.

throni
27.05.2022, 15:03
Bitte nicht falsch verstehen, ich kann mich durchaus gut verkaufen in Vorstellungsgesprächen und bin in der „Psychiatrieszene“ hier auch überdurchschnittlich gut vernetzt, denke ich. Ich hab hier inhaltlich einen Schwerpunkt auf Schizophrenie und vor allem Sucht (ohne Substitution). Beides nicht unbedingt Schwerpunkte an dem Standort (Psychose noch etwas mehr). Ansonsten arbeite ich hier in der PIA seit etwa einem Jahr quasi komplett selbstständig und bekomme das auch immer wieder von meinem Oberarzt rückgemeldet. Ich hätte hier auch zeitnah eine FoA-Stelle in Aussicht, hab aber keine Lust mehr auf Nachtdienste und die ganze „Klinikpolitik“.

GloriaSchmidt
27.05.2022, 15:34
Da kann ich Reflex absolut zustimmen :-) da kannst du selbstbewusst verhandeln.

Das dir genannte Angebot finde ich als Verhandlungsgrundlage erstmal okay - wenn da dann noch ein Schippchen drauf kommt und du knapp bei OA Gehalt erste Stufe landest für den Einstieg ist das glaub ich bei deinen Qualifikationen ein realistisches Gehalt (sagt dir die FÄ mit ähnlichen Voraussetzungen) :-)