Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eigen- oder Fremdgefährdung? Der Psychiatertreffpunkt
leukozonder
03.08.2022, 22:29
@ Reflex: Du hast recht, tut mir leid. Insbesondere meine zweite Frage wurde schon mehrmals diskutiert.
@Z?schata:
Wofür willst du dir denn sowas „aufbauen“? Das kann ja nur aus finanziellen Motiven sein.
Darf ich zurückfragen, warum das zwingend aus finanziellen Motiven sein muss? Kannst du mich anhand eines Kommentares so gut lesen?
Ich wollte ja explizit keine Diskussion über die Wirksamkeit einzelner Beispiele. Ich habe beim Stöbern gesehen, dass es tatsächlich Praxen gibt, die diese Optionen anbieten (natürlich privat, aber anders geht es natürlich nicht) und andererseits gibt es in verschiedenen Techniken relativ neue vielversprechende Studien - aber natürlich ist das alles noch eher experimentell, keine Frage. Daher die Frage, inwieweit es realistisch sein könnte, so etwas selbst anzubieten.
Das allerletzte was die Psychiatrie braucht sind Neurowissenschaftler, die ohne Kenntnis von Psychodynamik TMS, EKT, Ketamin (i.v., nasal, anal, schießmichtot) anbieten wollen. Das entspricht wahrscheinlich dem Plastiker, der nur Botox spritzt.
Ich bin WBA in der Psychiatrie, kein Neurowissenschaftler. Ich bin nicht an der kosmetischen Behandlung von Patienten interessiert. Ich verstehe den Vergleich nicht.
Naja, hier ist oft ein interessanter Ton. Mach dir keine Gedanken, es gibt wie immer viele verschiedene Meinungen.
Meine:
1. Ein forum in dem nicht immer die selben fragen neu diskutiert werden, ist obsolet. Es ist alles schon gefragt worden, dann kann man hierzu ja dicht machen und nur noch die Suche öffnen.
2.Geräte Medizin in der Psychiatrie ist gross im kommen. Hier in der Schweiz wird das ein eigener Schwerpunkt und ich kenne einen Kollegen der 2 tms Geräte und 1 stosswellengerät hat und ekt mit einer Klinik anbietet. Das läuft finanziell weit besser als eine normale Praxis und ist für behandlungsresistente PatientInnen ein Segen. Vielleicht hast er weniger ahnung von Psychodynamik (kA), auf jeden Fall aber mehr von leitliniengerechter Behandlung. Ich bin froh dass jemand diese, aus meiner Sicht, langweiligen Dinge mit Begeisterung anbietet.
Immer wieder erstaunt mich, wie wenig freundlichkeit und Empathie manche KollegInnen an den Tag legen, während sie gleichzeitig überzeugt sind die grossen Psychotherapeuten zu sein. Das da wohl Psychodynamisch dahinter steht...
Wofür willst du dir denn sowas „aufbauen“? Das kann ja nur aus finanziellen Motiven sein. Das allerletzte was die Psychiatrie braucht sind Neurowissenschaftler, die ohne Kenntnis von Psychodynamik TMS, EKT, Ketamin (i.v., nasal, anal, schießmichtot) anbieten wollen. Das entspricht wahrscheinlich dem Plastiker, der nur Botox spritzt.
Doch, es geht immer mehr in die Richtung. Auf der einen Seite eine Art Psychoingenieure, die sich gegenüber psychologischen Psychotherapeuten mit besonders viel Technik einerseits absetzen wollen, andererseits aber auch im Sinnzusammenhang genau in die Richtung der Verhaltenstherapie mit all ihren Tools und Fragebögen stehen. Es gibt z. B. in DL mindestens eine ambulante Praxis, die ausschließlich mit EKT arbeitet.
Auf der anderen Seite die eher psychodynamisch und integrativ psychosomatisch (im eigentlichen Sinne) denkenden, die die ärztliche Psychotherapie ausbauen wollen, einschließlich z. B. der bisher weitgehend vernachlässigten Traumatologie.
Die Psychomedizin spaltet sich also auf. Ob das gut ist oder nicht, ist die Frage. Ich finde es bedenklich, da sich Patientenströme nicht entsprechend aufteilen (lassen) und ich erlebe viele, die in der einseitig "biologisch" orientierten Psychiatrie hängen bleiben, ohne dass ihnen langfristig geholfen wird. Es gibt aber auch andere Menschen, die psychotherapeutisch "gequält" werden und es bringt nichts, weil die Sicht, das Wissen und die Erfahrung der Behandler zu gering sind.
Züschata
04.08.2022, 06:18
Doch, es geht immer mehr in die Richtung. Auf der einen Seite eine Art Psychoingenieure, die sich gegenüber psychologischen Psychotherapeuten mit besonders viel Technik einerseits absetzen wollen, andererseits aber auch im Sinnzusammenhang genau in die Richtung der Verhaltenstherapie mit all ihren Tools und Fragebögen stehen.
Die Psychomedizin spaltet sich also auf. Ob das gut ist oder nicht, ist die Frage. Ich finde es bedenklich, da sich Patientenströme nicht entsprechend aufteilen (lassen) und ich erlebe viele, die in der einseitig "biologisch" orientierten Psychiatrie hängen bleiben, ohne dass ihnen langfristig geholfen wird. Es gibt aber auch andere Menschen, die psychotherapeutisch "gequält" werden und es bringt nichts, weil die Sicht, das Wissen und die Erfahrung der Behandler zu gering sind.
Dass es in der Richtung geht, wage ich nicht zu bezweifeln. Ich weiß, dass es nicht gefragt war. Meine Gereiztheit resultiert aus eigenen Erfahrungen mit meiner Klinik und auch vorherigen Psychiatrien. Bei uns werden allein aufgrund der Verfügbarkeit und der Zahlen Ketamin und EKT ohne Sinn und Verstand angewandt, von Stufenplan und Leitlinien schon mal keine Rede. Und das schlimmste ist für mich tatsächlich, dass Pat. psychiatrisch eskaliert werden, ohne dass der psychotherapeutische Teil mit reinkommt. So gesehen auf der psychiatrischen Privatstation: einmal drinne, bleibt man ewig in der Abhängigkeit von Pseudopharmakologen. Querüberweisung in die psychosomatische Abteilung? Fehlanzeige. Man kann nur mutmaßen, wie groß der angerichtete Schaden sein mag. Und das tut mir für unsere Pat. extrem leid. Wenn man dann schon von den nächsten Methoden hört, ohne dass selbst der basalste Umgang mit den seit Jahrzehnten vorhandenen Medikamenten sitzt und an WBAs gelehrt wird, dann macht mich das bedenklich. Sorry für den Rant und den sehr scharfen Ton!
Das Problem ist, was ich in der Praxis häufig erlebe, dass viele sehr technische Behandlungsmethoden, gerade bei therapieresistenten Patienten oft eher isoliert angewendet werden und selten als einzelne Bestandteile in einem umfassenden gesamt Behandlungskonzept integriert werden. Die Patienten setzen dann große Erwartungen und die Ergebnisse (von EKT abgesehen) sind dann langfristig eher ernüchternd. Studien, die ich gesehen habe, waren viele Effekte auch nur kurzfristig. In der kassenärztlichen Versorgung macht es finanziell keinen Sinn. Und als Privatpraxis laufe ich die Gefahr bestimmte Leistungen isoliert anzubieten, damit sich das Gerät lohnt. Ob das den Patienten hilft, sei mal dahin gestellt und deshalb sehe ich solche Entwicklungen sehr kritisch. Das gleiche gilt für Gesundheitsapps etc. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten Patienten medizinisch medial zu unterstützen. Aber eine teure App wird wenig ändern, wenn der Patient bislang wenig Strategien erlernt hat mit den auslösenden Faktoren der Erkrankung um zu gehen und überhaupt ins Handeln zu kommen. Das ist wie einem adipösen Patienten mit Essstörung zu sagen: „zähle einfach Kalorien und nimm ab“ und alles ist gut. Es wäre eigentlich erst einmal sinnvoller Therapeuten besser auszubilden und mehr Behandlungsoptionen für Patienten zu schaffen ist und dann auch mehr interdisziplinäre Vernetzung zu ermöglichen. Damit Patienten gerade im ambulanten Bereich überhaupt ne Chance auf eine suffiziente medizinische Versorgung haben.
Bei uns werden allein aufgrund der Verfügbarkeit und der Zahlen Ketamin und EKT ohne Sinn und Verstand angewandt, von Stufenplan und Leitlinien schon mal keine Rede. Und das schlimmste ist für mich tatsächlich, dass Pat. psychiatrisch eskaliert werden, ohne dass der psychotherapeutische Teil mit reinkommt. So gesehen auf der psychiatrischen Privatstation: einmal drinne, bleibt man ewig in der Abhängigkeit von Pseudopharmakologen. Querüberweisung in die psychosomatische Abteilung? Fehlanzeige. Man kann nur mutmaßen, wie groß der angerichtete Schaden sein mag. Und das tut mir für unsere Pat. extrem leid.
Da bin ich absolut bei dir, genauso sehe ich das auch. Bei mir ist es momentan sogar so, dass ich quasi gezwungen werde, EKT zu machen bei Patienten, die nicht "meine" sind und bei denen ich das in der Weise nicht befürworten würde, weil ich weiß, dass das überhaupt nicht in ein Gesamtkonzept integriert wird. Aus verschiedenen Gründen: weil klassische Klinikpsychiater zumeist nicht die geringste echte Ahnung von Psychotherapie haben, zum anderen, weil gute psychosomatisch-psychotherapeutische Angebote sowohl stationär als auch ambulant sehr sehr rar sind.
Die langfristige Lösung ist, eine gute umfassende Psycho-Ausbildung anzustreben (möglichst Doppel-FA), um eine neue andere integrierte Psychiatrie bzw. Psychomedizin zu schaffen. Die Ausbildung der Psychiater, wie sie jetzt läuft, ist haarsträubend! Natürlich gibt es auch Psychiater, die sich auf eigene Faust und Kosten weiterentwickeln, aber das ist eine Minderheit.
2.Geräte Medizin in der Psychiatrie ist gross im kommen. Hier in der Schweiz wird das ein eigener Schwerpunkt und ich kenne einen Kollegen der 2 tms Geräte und 1 stosswellengerät hat und ekt mit einer Klinik anbietet. Das läuft finanziell weit besser als eine normale Praxis und ist für behandlungsresistente PatientInnen ein Segen. Vielleicht hast er weniger ahnung von Psychodynamik (kA), auf jeden Fall aber mehr von leitliniengerechter Behandlung. Ich bin froh dass jemand diese, aus meiner Sicht, langweiligen Dinge mit Begeisterung anbietet.
Man sollte sich von dem Gedanken lösen, dass alles was „im Kommen“ ist, immer aufgrund von fundierten medizinischen Überlegungen passiert. Das fängt bei gesundheitspolitischen Gründen an und geht mit monetären Aspekten, Abspaltung in hochspezialisiere Bereiche, Funktionalität/einfacher Handhabung/Verfügbarkeit… etc. etc. etc. weiter… Das Problem ist, wenn so hochspezialisierte Bereiche entstehen, dass die Basis-/Grundversorgung darunter leidet bzw. nicht verbessert.
Und was die Leitlinien gerechte Behandlung angeht: Für TMS und tDCS gibt es in meisten Leitlinien bislang, wenn überhaupt Empfehlungsgrad 0. Das bewegt sich weiterhin auf einem experimentellen Niveau. Als Niedergelassener ist es primär meine Aufgabe meinen Patienten ein Evidenzbasierte und suffiziente Behandlung zu kommen zu lassen.
leukozonder
04.08.2022, 09:39
Ich danke Euch für die erneuten Rückmeldungen
Man muss meine initiale Frage wohl etwas aufteilen in a) die realistische Möglichkeit, derartige Techniken im Praxissetting zu integrieren und b) das Konzept derartiger Techniken in der Psychiatrie überhaupt (im Sinne einer Daseinsberechtigung). Ich war primär an ersterem interessiert aber ich erkenne, dass man das Ganze nicht so einfach isoliert betrachten kann.
Ich kann mir die Entwicklungen, die ihr berichtet, gut vorstellen. In meiner Psychiatrie gibt es nur EKT.
Ich verstehe die Kritik, zumindest zum Teil, von der psychodynamischen Seite. Aber ganz grundsätzlich: warum kann das eine nicht das andere ergänzen? Warum kann ein neurowissenschaftlicher Ansatz nicht – sofern eine Wirksamkeit belegt werden kann – Psychiatrie ergänzen? Ich finde das einfach total spannend – bin mir aber natürlich auch der Wichtigkeit der klassischen integrativen Psychiatrie bewusst und es öffnet sicherlich die Tür für die beschriebenen Fehlentwicklungen
Aber: Ich könnte mir vorstellen, dass wenn das jemanden begeistert PLUS es gute Befunde zu der Technik gibt PLUS es jemand ist, der Psychiatrie gelernt hat und gemeinsam mit dem Patienten evaluieren kann ob das jetzt ein sinnvolles Add-on ist, es für denjenigen sehr befriedigend sein könnte. Und so jemand zu werden, könnte ich mir gut vorstellen.
Unter optimalen Bedingungen wäre das vielleicht möglich, aber da liegt genau das Problem. Die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung im niedergelassenen Bereich ist für viele Patienten immer noch eher mangelhaft bzw. nicht adäquat ausgeschöpft. Solange Patienten wenig Zugang zu einer leitliniengerechten Grundbehandlung bekommen, nützt auch nachgeschaltete Add on Therapie wenig, wenn sie dann die einzige Form der Behandlung darstellt und sobald Du anfängst einen Spartenbereich anzubieten, werden die Patienten genau deswegen auch primär kommen und auch genau das fordern. Gerade psychiatrische Patienten klammern sich an viele Strohhalme und aber haben aber oft ein sehr paternalistisches geprägtes Medzin-/Gesundheitsverständnis, was sie kulturell bedingt daran hindert, selbst für sich Verantwortung zu übernehmen. Unabhängig von der Wirtschaftlichkeit und Studienlage. Ähnliches habe ich schon mal mit EMDR erlebt. Eine zeitlang wurde es gehypt, die Therapeuten, die es angeboten haben, hatten auch eine Menge Zulauf, aber aufgrund der fehlenden Integration in eine traumafokussierte PT Behandlung im Rahmen eines Gesamtkonzeptes waren die Behandlungseffekte oft marginal.
Aber es ist auch insgesamt eine Frage des eigenen ärztlichen Selbstverständnisses. Ich verstehe mich als integrativer Therapeut und dazu gehört eine gute Basisversorgung mit Fokus auf Diagnostik, Beratung, Psychoedukation, Selbsthilfe, Ressoucenaktivierung, sozialmedizinischer Absicherung, Aktivierung von Unterstützungssystem und natürlich Psychopharmakologischen und Psychotherapeutischen Interventionen zu bieten. Denn bei mir als Niedergelassener Facharzt laufen viele Fäden zusammen und damit ist man, wenn man es gut machen möchte, schon alleine gut ausgelastet und das ist etwas was Patienten auch entsprechend honorieren und mich als Behandler zufrieden macht.
Schau mal in die neue NVL depression. Die Konsultationsfassung ist seit Wochen online.
"Eine repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) sollte bei therapieresisten-
ten depressiven Episoden angeboten werden."
Ist eine B Empfehlung.
Übrigens schon lange in internationalen LL ;)
„Die Evidenzqualität ist je nach Verfahren der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) sehr niedrig bis moderat, wobei die beste Evidenz für die hochfrequente Stimulation des linken dorsolateralen präfrontalen Cortex (DLPFC, HFL-rTMS) vorliegt. Viele Studien wurden jedoch nicht (nur) bei therapieresistenter Depression durchge- führt, so dass die Übertragbarkeit auf dieses Setting limitiert ist. Bisher hat rTMS in Deutschland keinen großen Stellenwert und wird nur an wenigen Kliniken durchgeführt, wobei sich dies zukünftig aufgrund einer 2021 verän- derten Vergütung ändern könnte. Die praktische Durchführung von rTMS ist allerdings aufwändiger als andere Optionen bei Nichtansprechen und im Vergleich zu EKT ist sie weniger effektiv, so dass die Leitliniengruppe die rTMS als der EKT nachgeordnete Option ansieht und den Empfehlungsgrad einschränkt.“
Wenn man ins Kleingedruckte der Leitlinie guckt, liest sich das aber weiterhin nicht unbedingt überzeugend. Außerdem steht da auch in der Leitlinie, dass die Durchführung in einem Zentrum erfolgen soll. Auch die neue Leitlinie sieht den Stellenwert bei therapieresistenten Depression nach der EKT. Außerdem habe ich mich nicht nur auf die Leitlinie Depression bezogen.
Ich bezog mich auf deine Aussage zum Evidenzgrad und auf nichts anderes. Kein Grund auszuweichen. :)
Du darfst gerne deine ursprüngliche Meinung behalten.
Warum kann ein neurowissenschaftlicher Ansatz nicht – sofern eine Wirksamkeit belegt werden kann – Psychiatrie ergänzen? Ic
Finde ich auch, denn moderne Psychodynamik ist pure Neurowissenschaft, in der Feinheit im Vergleich zu Psychopharmaka und EKT ungefähr wie Präzisionswerzeug zu einem Vorschlaghammer.:-)
GloriaSchmidt
06.08.2022, 07:27
Aber es ist auch insgesamt eine Frage des eigenen ärztlichen Selbstverständnisses. Ich verstehe mich als integrativer Therapeut und dazu gehört eine gute Basisversorgung mit Fokus auf Diagnostik, Beratung, Psychoedukation, Selbsthilfe, Ressoucenaktivierung, sozialmedizinischer Absicherung, Aktivierung von Unterstützungssystem und natürlich Psychopharmakologischen und Psychotherapeutischen Interventionen zu bieten. Denn bei mir als Niedergelassener Facharzt laufen viele Fäden zusammen und damit ist man, wenn man es gut machen möchte, schon alleine gut ausgelastet und das ist etwas was Patienten auch entsprechend honorieren und mich als Behandler zufrieden macht.
Sag mal, wie machst du das ganz praktisch?
Genau das ist nämlich auch mein Selbstverständnis und meine Art zu arbeiten und nun bin ich seit ein paar Wochen raus aus der Klinik und in einer Praxis :)
Bietest du auf dem Nervenärztlichen Sitz zusätzlich Psychotherapie an?
Ich steh grad wie der Ochs vorm Berg und das Wartezimmer ist voll und außer sehr kurze Kurzinterventionen ist nix drin :-D
Wieviel Zeit wird dir denn pro Patient zugestanden? Zeit ist halt das, was dafür sorgt eine Beziehung zum Patieten aufzubauen und umfangreich Patienten zu behandeln. Wir sind eine reine Terminpraxis mit separater Akutsprechstunde. Patienten kommen schon beim Ersttermin eine Stunde früher zur Exploration per Fragebogen mit anschließendem Gespräch von mindestens 45min, dann werden weitere rein psychiatrische Termine von 15-30min, wenn Patienten bereits in externer PT sind und es primär um medikamentöse Behandlung geht, oder Akuttherapie, Einzel- oder Gruppentherapie geplant. Zusätzlich bekommen Patienten noch einen separaten Termin zur psychometrischen Testung (Dauer ca 45 min bis 1h). Bei uns läuft die PT über alle Sitze. Wir nehmen dadurch vermutlich deutlich weniger Patienten an als andere große Praxen, sehen die Patienten aber auch häufiger und vor allem geplanter. Es kommt halt darauf an, welches Konzept in der Praxis gelebt wird. Ich kenne leider auch andere große Praxen, wo Quantität wichtiger ist, als Qualität und haufenweise Patienten mit immer wechselnden Behandlern durch geschleust werden. Und wir netzwerken halt auch viel mit Hausärzten, Radiologen, Kliniken, psychologischen Psychotherapeutischen, BeWo Trägern, Ergotherapeuten, Berufstrainingszentren, Selbsthilfegruppen/Angehörigengruppen, MFA Schulen, gesetzlichen Betreuern, sozialpsychiatrische, Dienst etc. Das hilft ungemein dem interdisziplinären Arbeiten, was gerade bei der Versorgung von chronisch psychisch kranken Menschen wichtig ist.
Ihr bietet reguläre 30-minütige Termin in einer psychiatrischen Praxis an? Klingt ja traumhaft, das sind ja fast PIA-Bedingungen. Das Prozedere mit den Extraterminen zur psychometrischen Testung klingt auch sehr gut. Wer wertet bei euch die Testverfahren aus?
Ihr bietet reguläre 30-minütige Termin in einer psychiatrischen Praxis an? Klingt ja traumhaft, das sind ja fast PIA-Bedingungen. Das Prozedere mit den Extraterminen zur psychometrischen Testung klingt auch sehr gut. Wer wertet bei euch die Testverfahren aus?
Ja, das bekommen vor allen die „schwierigen“ Patienten. Die Durchführung der Testbatterie übernimmt eine geschulte MFA, die Auswertung und Besprechung erfolgt über den jeweiligen Behandler.
Ich hatte jetzt innerhalb eine halben Jahres die dritte Patientin, die von ambulanten psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kollegen mit der Diagnose bipolare Störung in meine Spezialsprechstunde gekommen ist, teilweise mit entsprechender Medikation, und alles waren letzlich "einfach nur" Borderliner. Postuliert wurde dann ein "rapid cyling" oder auch "gemischte Episoden". In zwei Fällen wurde auf Grund der -falschen- Diagnose eine ambulante Psychotherapie abgelehnt. Finde das schon krass. Macht da jemand ähnliche Erfahrungen? Habe das auf Station auch mehrfach erlebt.
Züschata
06.08.2022, 08:51
Ich hatte jetzt innerhalb eine halben Jahres die dritte Patientin, die von ambulanten psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kollegen mit der Diagnose bipolare Störung in meine Spezialsprechstunde gekommen ist, teilweise mit entsprechender Medikation, und alles waren letzlich "einfach nur" Borderliner. Postuliert wurde dann ein "rapid cyling" oder auch "gemischte Episoden". In zwei Fällen wurde auf Grund der -falschen- Diagnose eine ambulante Psychotherapie abgelehnt. Finde das schon krass. Macht da jemand ähnliche Erfahrungen? Habe das auf Station auch mehrfach erlebt.
Ich hatte letztens einen jungen, identitätsunsicheren Pat. der seit zwei Jahren nur in der Bude rumgammelt und kürzlich 18 wurde. Überweisung durch den ärztlichen KiJu-Therapeuten. Er beschrieb auch u.a. intensive Stimmungsschwankungen innerhalb des Tages, Aufgedrehtheit und sexuell enthemmtes Verhalten. Richtig maniform war das nicht, allenfalls hypoman. Wirklich gepasst hat es aber nicht. Erst wurde an ein ADHS gedacht, dann kam die bipolare Diagnose mit Verordnung Valproat. Hat den Pat. in seinem Bedürfnis nach Orientierung sehr entlastet, aber geholfen hat’s nicht. Natürlich können es auch Flöhe und Läuse sein, aber für mich schienen eher die pubertären und histrionen Anteile sowie der Drogenkonsum eine wichtige Rolle zu spielen. Wie man unter diesen Umständen (zum Zeitpunkt der Diagnosestellung war der Pat. nicht sicher abstinent, längste Dauer der Abstinenz von THC, Kokain, Amphetaminen: 1 Monat) eine derartige Diagnose stellen kann, war mir etwas schleierhaft und unterstützte den Pat. leider in seinem dysfunktionalen (biologischen) Krankheitsverständnis. Kurzum: ja, kenne ich. Bin was unsere Abteilung anbelangt häufig skeptisch, wenn Pat. mit ADHS und/oder Trauma angekündigt werden.
@Reflex: das klingt wirklich gut. Wird denn diese Form der Arbeit einigermaßen finanziell honoriert?
Ich hatte jetzt innerhalb eine halben Jahres die dritte Patientin, die von ambulanten psychiatrischen oder psychotherapeutischen Kollegen mit der Diagnose bipolare Störung in meine Spezialsprechstunde gekommen ist, teilweise mit entsprechender Medikation, und alles waren letzlich "einfach nur" Borderliner. Postuliert wurde dann ein "rapid cyling" oder auch "gemischte Episoden". In zwei Fällen wurde auf Grund der -falschen- Diagnose eine ambulante Psychotherapie abgelehnt. Finde das schon krass. Macht da jemand ähnliche Erfahrungen? Habe das auf Station auch mehrfach erlebt.
Ich kenne ähnliche Patienten sowohl aus dem ambulanten als auch stationären Bereich. Das ist meist der unzureichenden Exploration und der Reevaluation im Verlauf geschuldet. Ich hab eine Klinik da kommen viele Patienten mit einer F20.0 wieder, weil sie psychosenahes Erleben haben, aber gar nicht die diagnostischen Kriterien erfüllen und die Erkrankung meist noch ganz andere Aspekte aufweist. Andersherum kommen persönlichkeitsgestörte Patienten häufig mit dem Wunsch der Abklärung, ob sie nicht ADHS oder Autismusspektrum Störungen haben. Die können dann auch sehr hartnäckig sein, dass bestimmt viele Kollegen die Überweisungen in die Spezialambulanz ausstellen. Auch wenn man davon selber diagnostisch nicht überzeugt ist. Und ja, Trauma wird ähnlich wie Mobbing sehr inflationär aufgrund der positiveren gesellschaftlichen Konnotationen genutzt.
Mit dem Praxis-Konzept verdient man genügend, aber reich wird man damit vermutlich nicht. Zumindest nicht so wie sich das manche Ärzte wünschen.
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