PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Medizinstudium: Fehler meines Lebens



Seiten : 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 [13] 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50

hiddl
16.07.2020, 19:02
Wo das Pflegepersonal nicht mehr ein Hilfspersonal ist, .
Wer die Pflege als Hilfspersonal sieht, ist wahrscheinlich Teil des Problems bei schlechter Stimmung.

nie
16.07.2020, 19:09
Wo arbeiten denn hier bitte alle, dass sie so mies behandelt werden?!
Wir haben ein vernünftiges Miteinander und wenige Überstunden, die Dank elektronischer Zeiterfassung alle bezahlt werden. Und die Stühle funktionieren auch!

Die Frage habe ich mir auch gerade gestellt. Sogar in meiner internistischen Uniklinikabteilung in einem Ballungsgebiet geht man vernünftig miteinander um, der Umgangston ist respektvoll und keiner wird wie Dreck behandelt. Überstunden lassen sich nicht immer vermeiden, werden aber dank elektronischer Zeiterfassung alle dokumentiert und bezahlt. Und sind jetzt auch nicht unendlich viele. Gibt auch genug Tage an denen ich pünktlich gehe. Das Arztzimmer ist groß genug für alles Assistenten, das Gebäude keine 10 Jahre alt. In der Ambulanz hatte ich mein eigenes Sprechzimmer für mich alleine. Stühle gibts genug, gratis Kaffee und Wasser gibt es auch. Und meiner Karriere hat es auch nicht geschadet, dass ich als frischer Assistent um den Austausch von kaputten Dingen im Arztzimmer gebeten habe. Wurde halt einfach getauscht.

Ich will nicht leugnen, dass nicht alles rund läuft in der deutschen Krankenhauswelt und das ist definitiv viel Verbesserungspotential aber nicht jeder Arzt in Deutschland wird wie ein Sklave oder Fußabtreter behandelt.

ehem-user-21-08-2020-1502
16.07.2020, 19:26
In unserer Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sogar jeder Arzt sein eigenes Zimmer

Reflex
16.07.2020, 19:29
In der Psychiatrie war das auch die Regel dass jeder bis auf die geschlossenen Stationen ein eigenes Arztzimmer hatte.

CrashStudios
16.07.2020, 20:28
In unserer Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sogar jeder Arzt sein eigenes Zimmer


Das frage ich mich auch. Ich bin nie wie Dreck behandelt worden. In der Neurologie war das Miteinander toll. Nur die Arbeits- und Dienstbelastung war irgendwann eine Katastrophe. Mein erster Chef hat sich zur Entlastung für Honorarkräfte, vernünftige Rotation/Weiterbildung/individuelle Förderung und eine ganze Menge Goodies (Poolbeteiligung, Kaffeevollautomat, Fußballdauerkarten, gemeinsame Essen etc.) eingesetzt. Der Nachfolger hat das auch weitergeführt, ist aber an der Verwaltung gescheitert. In der Psychiatrie hatte ich auch tolle Kollegen und Vorgesetzte. Die Arbeits-und Dienstbelastung war moderat. Der Chef glänzte mit Abwesenheit, was dafür sorgte, dass Weiterbildung durch meine motivierten Oberärzte kompensiert wurde. Das war gut, brachte mich aber in Psychotherapieausbildung nicht weiter. Deshalb bin ich da, wo ich jetzt bin und auch bleiben werde. Gutes Team, nette immer präsente Chefs, interne Fortbildungen und Supervision, gut strukturierte Terminplanung und Organisation plus angemessenes Gehalt. Überstunden gibt es nicht. Keine Nacht-und Wochenendienste. Und ich werde regelmäßig gefragt, ob ich alles zum Arbeiten habe, was ich brauche. Ich darf mir sogar die PT Sessel aussuchen.

Zimmer, Kaffeevollautomat, gemeinsames Essen gehen und Fussballdauerkarten. Lächerlich, dass sowas ernsthaft als Errungenschaft angesehen wird. Sag bloß ihr habt in der Praxis eine Toilette und du hast die Erlaubnis sie auch zu benutzen?

Deine Chefs behandeln dich gut weil sie deine Arbeitskraft billig eingekauft haben und du ihnen ein Haufen Geld einbringst. Die haben kein Problem damit, dass du dir deinen Sessel aussuchen darfst :-)) oder dir ein paar Brocken mittels Poolbeteiligung rüber zu werfen, weil sie an dir, als Angestellte, am Ende des Monats immer noch ein Haufen Geld verdienen.

Ich muss mir meine eigenen Kaffeebohnen mitbringen wenn ich auf der Arbeit Kaffee aus dem Kaffeevollautomat trinken will. Mein bester Freund arbeitet bei einem Dax-Konzern und lachte mich aus als ich ihm das erzählt habe.

Heerestorte
16.07.2020, 20:38
Ich muss mir meine eigenen Kaffeebohnen mitbringen wenn ich auf der Arbeit Kaffee aus dem Kaffeevollautomat trinken will. Mein bester Freund arbeitet bei einem Dax-Konzern und lachte mich aus als ich ihm das erzählt habe.

Jo schön. Und wie viel verdient der Chef von deinem besten Freund im Vergleich zu ihm?
Da kann man die Argumentation genauso führen:
"Dein armer bester Freund. Verdient 100000€ p.a., während sein Chef mehrere Millionen verdient. Hahaha, was ne arme Wurst."

ehem-user-21-08-2020-1502
16.07.2020, 20:57
Die Vorstände eines DAX-Konzerns verdienen in Deutschland ca. 54 mal so viel wie ihre Angestellten. In den USA 330 mal so viel. Da frage ich mich schon, ob so ein Verhältnis noch gerechtfertigt ist. Aber ich würde eh nicht bei einem DAX-Konzern arbeiten

CrashStudios
16.07.2020, 21:05
Jo schön. Und wie viel verdient der Chef von deinem besten Freund im Vergleich zu ihm?
Da kann man die Argumentation genauso führen:
"Dein armer bester Freund. Verdient 100000€ p.a., während sein Chef mehrere Millionen verdient. Hahaha, was ne arme Wurst."




Toller Schwanzvergleich. Mein Chef verdient mehr an mir als deiner an dir...

Im Zweifel würden Chefärzte auch hier ggü. Dax-Managern einkommenstechnisch den Kürzeren ziehen.

Espressa
16.07.2020, 21:25
Ich hab jetzt nicht alles gelesen, nur den Anfang eigentlich.
Möchte aber sagen: ich würde auf jeden Fall wieder Medizin studieren. Ich hab so einen schönen Beruf, ich liebe es! Verdienst in Teilzeit als FA in bequemer Anstellung ist sicher besser als in anderen Jobs. Ich wollte Augenarzt werden seit ich 12 Jahre alt war und ich kann nur sagen, ich hab gut gewählt.
Innere auf einer Uniklinik wäre jetzt auch nicht meins, aber dafür bietet die Uniklinik sicher auch etwas exotischere Fächer die ihren Reiz haben können, vielleicht ist da was dabei?

Kackbratze
16.07.2020, 21:48
Kann ich dann mehr Geld verlangen, wenn ich nicht mal den Automaten will?

Reflex
16.07.2020, 21:53
Keine Ahnung. Ich trinke grünen Tee. Und mein Kamin scheint auch größer zu sein.

daCapo
16.07.2020, 22:08
??? dein Ernst? 16 Jähriger mit Mittlerer Reife ist ähnlich einem Assistenzarzt nach 6 Jahren Studium, Doktortitel und monatelangern Praktika?

Beides Berufseinsteiger, Doktortitel haben die wenigsten, die Qualität ist eher schwankend (Masse statt Klasse), Praktika hat der Lehrling möglicherweise auch gemacht bevor er die Lehre startet...und werden ähnlich beide behandelt


Wer die Pflege als Hilfspersonal sieht, ist wahrscheinlich Teil des Problems bei schlechter Stimmung.

Die Pflege ist definitiv kein Hilfspersonal, sonder könnte eigentlich zu 90% die Station selbst leiten. Sie kennen die Patienten und ihren Zustand viel besser als man selbst, da sie mehr Zeit mit ihnen verbringen. Leider übernehmen sie viele Aufgaben (Viggos, Labor, Port, CTx, Transfusion, organisatorisches) hier in DE nicht mehr. Übrigens ein Grund, warum viele ausländische Pflege so abgeschreckt ist. Das sorgt in der Tat für schlechte Stimmung.


Leider muss ich dem TE zustimmen: In meinem Raum gibt es keine ausreichend funktionierende Heizung, das Fenster ist undicht. Heizung bzw. Lüftung vernünftig einzubauen ist zu teuer nach RS mit der Haustechnik, Fenster austauschen ebenso (alles gefragt). Wir haben eine private Elektroheizung und dichten die Fenster im Winter ab (alles sehr provisorisch). Jetzt geht es momentan im Sommer. Die Schreibtische aus den Baujahr des Hauses sollen auch erstmal bleiben (Angeblich wegen Geldmangel, was ich nicht glaube). Immerhin kommt jetzt neuer Fußboden, weil der Teppich durch eine durchrostete HEizung nicht mehr zu retten ist. Unser Chef will, dass wir aus dem Zimmer rausgehen. Die Alternative ist jedoch ein Raum, wo dauernd Leute reinkommen und die Postfächer u.a. sind, natürlich auch ohne Fenster nach draußen. Auch sind da schon 2 Personen drin. Insgesamt passen die Räumlichkeiten aus den 70er Jahren einfach nicht mehr. Es ist viel zu klein/zu wenig Fenster. Da es in den 70er Jahren weniger PCs gab, Diktiergeräte, Telefonate, Drucker.

Bonnerin
16.07.2020, 22:42
Laut aktuellen CHE-Daten (https://www.che.de/wp-content/uploads/upload/Im_Blickpunkt_Promotionen_2019.pdf) liegt die Promotionsquote in der Medizin bei knapp 64%. Auch, wenn man längere Promotionsverfahren berücksichtigt ist diese „Zusatzqualifikation“ doch anscheinend eher die Regel als die Ausnahme.

Aber der Punkt ist doch mal eh wieder der Klassiker: Nein, man sollte einfach nicht so grundlos respektlos mit seinem Gegenüber umgehen, ganz egal ob die Person 16 ist und gerade das erste Praktikum macht oder 28 und als Assistenzarzt im Krankenhaus anfängt. Das ist aber in meinen Augen leider ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft und nicht nur explizit das Gesundheitswesen (wobei es bei uns auch sehr merkwürdige Auswüchse gibt, wie KPP/Famulant/PJ konsequent nur damit und nicht mit dem Namen anzusprechen).

Und die Rahmenbedingungen sind in vielen Kliniken halt ungefähr so „gut“ wie in vielen staatlichen deutschen Schulen von der Substanz her. Einziger Vorteil: bei uns funktionieren die Toiletten in der Regel...

Evil
17.07.2020, 04:32
Keine Ahnung. Ich trinke grünen Tee. Und mein Kamin scheint auch größer zu sein.
:-love:-))

B22
17.07.2020, 08:48
Es gibt viele Kliniken, in denen man als Arzt ein reiner Lohnsklave ist. Ich halte die Vergütung nicht angemessen dafür, dass man (leider deutlich häufiger als einmal im Jahr) beispielsweise Mittwochs gesagt bekommt, dass man Freitags zum Nachtdienst erscheinen darf. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die meisten "Dienstherren" in Krankenhäusern ziemlich frei über die Freizeit ihrer Ärzte verfügen. Das gibt es zwar in anderen Unternehmen in der freien Wirtschaft auch (bspw. mittleres Management) - wird aber entsprechend ganz anders vergütet (nicht nur im Gehalt, sondern auch in Zusatzleistungen wie Dienstwagen, Erfolgsbeteiligung und ganz besonders: Respekt und Wohlwollen).

Andererseits sind die meisten Mediziner auch nicht bereit, dagegen vorzugehen. Kaum jemand ist bereit, der Verwaltung die Stirn zu bieten oder solidarisch zu streiken. Viele verstecken sich sogar noch hinter falschen "sozialen" Ambitionen ("wir können doch nicht zulasten der Patienten streiken", "na klar mach ich Überstunden, die armen Patienten können nichts dafür", "wenn die Patienten nicht versorgt werden können, verzichte ich natürlich auf meinen Urlaub" etc.).

Heißt aber nicht, dass das Studium für die Katz ist. Die meisten Psychiatrien haben ganz passable Arbeitsbedingungen, ebenso die Reha-Kliniken, Praxen, Augenheilkunde/HNO.

Christoph_A
17.07.2020, 08:55
:-love:-))

Macht Ihr hier grade Kaminvergleich?:-blush

daCapo
17.07.2020, 09:53
Heißt aber nicht, dass das Studium für die Katz ist. Die meisten Psychiatrien haben ganz passable Arbeitsbedingungen, ebenso die Reha-Kliniken, Praxen, Augenheilkunde/HNO.

Fehler des Lebens finde ich auch nicht angebracht, gibt genug Fächer oder Stellen, die passable - gute Bedingungen liefern.

JungerArzt92
17.07.2020, 10:09
Beides Berufseinsteiger, Doktortitel haben die wenigsten, die Qualität ist eher schwankend (Masse statt Klasse), Praktika hat der Lehrling möglicherweise auch gemacht bevor er die Lehre startet...und werden ähnlich beide behandelt


Hast du Lack gesoffen?
Das Zweiwochen-Berufspraktikum soll vergleichbar sein mit einem gesamten Medizinstudium?
Der Lehrling steht am Anfang seiner Ausbildung, der Arzt hat diese abgeschlossen; der Facharzt ist eine Weiterqualifikation.
Davon abgesehen, dass man auch Handwerkslehrlinge nicht so behandelb dürfte. Aber ich wette, selbst die haben besseren Arbeitsschutz als wir.

Ansonsten ist in dem Thread echt alles vertreten. Der PJ-Student, der die Welt verstanden hat, und genau weiß, wie man als Arzt reich wird.

Der Allgemeinmediziner, der einem erklärt, es sei doch total easy mit der Niederlassung, er habe nur 200.000 statt 300.000 bezahlt. Dass das in den meisten anderen Fachrichtungen erstens teurer ist und zweitens dadurch, dass Großpraxen und MVZs die Kassensitze aufkaufen, praktisch unmöglich geworden ist, kann man da natürlich unter den Tisch fallen lassen.

Dann wird permanent impliziert, man würde phlegmatisch seine Bedingungen akzeptieren. Ich telefoniere seit Wochen das gesamte Haus wegen der Stühle ab (als hätte ich nichts besseres zu tun).

Insgesamt ist der Thread ein perfektes Sammelsurium der Gründe, warum es in der Medizin so katastrophale Arbeitsbedingungen geben kann und sich niemand dagegen wehrt. Ja, staatsmonopolistischer Kapitalismus trifft es gut. Und ja, die Chefs haben einen durch weltfremde Weiterbildungsordnungen und Befristungen am Sack.

Die Bezahlung mag im Bevölkerungsschnitt gut sein, für Ausbildung, Arbeitsbelastung und Verantwortung ist sie unterirdisch.

Ansonsten habe ich entschieden, meine Konsequenzen zu ziehen. In der Forschung mache ich nur das aktuelle Projekt zu Ende (sind kurz vor der Veröffentlichung) - Folgeprojekte nehme ich nur noch alibimäßig an, damit mein PI mich nicht fallen lässt, und mache dafür kein Experiment mehr (wenn die MTA Kapazitäten hat kann sie ein bisschen was machen).

In der Klinik mache ich nur noch Dienst nach Vorschrift und schreibe mir jede Überminute auf. Das Chefgespräch wird nicht lange auf sich warten lassen - ich kenne von Kollegen, die ähnliches versucht haben, schon die Sprüche, die er mir aufs Brot schmieren wird ("so werden sie in dieser Klinik nicht Facharzt", "wissen Sie, wir haben viele Initiativbewerbungen"). Mein Vertrag geht noch 1,5 Jahre. Bis dahin überlege ich mir etwas anderes. Entweder doch mehr Forschung, Pharma, Beratung, anderes Fach eher nicht, dafür hasse ich die Klinik zu sehr. Keine Ahnung. Ich bin zwar örtlich gebunden, aber vielleicht kann man das auch arrangieren (privat nicht so unproblematisch, leider).

Dennoch: Ich muss jedem abraten, Medizin zu studieren.

Feuerblick
17.07.2020, 10:19
Wieso auch immer man 1,5 Jahre absitzen will, wenn man doch gehen könnte... Du willst doch die Forschung sowieso lassen. WAS also hält dich an einem Haus, wo du die Arbeitsbedingungen für unzumutbar hältst? Innere ist doch nun wirklich ein Fach, bei dem man nicht auf große Kliniken und Unis angewiesen ist. Notfalls sogar in einer Praxis... Ich verstehe es nicht.
Ein Chef, der ach so viele Initiativbewerbungen hat und meint, dass man mit Dienst nach Vorschrift nicht Facharzt wird, der hat den Schuss nicht gehört und noch nicht erlebt, dass die aktuelle Ärztegeneration in solchen Fällen nicht selten sagt „Jau, dann stell halt einen von diesen Initiativbewerbungen ein. ICH lasse mich nicht ausbeuten und erpressen.“. Müssen diese Herrschaften einfach mal am eigenen Leib erfahren. Aber dafür fehlt dann doch wieder der Mut, gell?

JungerArzt92
17.07.2020, 10:21
Das soll heißen: Ich habe 1,5 Jahre, mir etwas anderes zu überlegen und mich dann darum zu kümmern. Ist ein komfortabler Puffer. Wenn die Alternative steht bin ich weg. Aber von irgendetwas muss ich leben ;)