Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Medizinstudium: Fehler meines Lebens
locumo123
23.09.2020, 16:41
Nein ich bin in AUT. Die Bezahlung ist wirklich gut, der Rest ist scheiße. Trotzdem stecke ich den Kopf nicht in den Sand und gib alles auf. Ich finde es auch zum Kotzen, dass es keinen fixen Rotationsplan für die Funktionsdiagnostik gibt, sodass auch die Jungen das Handwerk lernen.
Das werden wir alle noch büßen speziell die Patienten, wenn die kommende Generation keine Diagnostik mehr machen kann. 80 Jährige müssen noch in die Endoskopie, weil die jungen Kollegen es nicht können. In der gastro wurde ein ehemaliger Kollege im Rentenalter zurückgeholt, dass die Endo personalmäßig über die Runden kommt.
Nein ich bin in AUT.
Österreich/Schweiz sind anders als DE.
Man kann halt nur sagen, Augen auf bei der Arbeitgeberwahl und lieber zum IG-Metall, IG-BCE Betrieb oder lokalen Energieversorger gehen (die gibts nicht nur vereinzelt wie Großkanzleien)
Mal ganz provokant gefragt: Was spricht gegen den Vergleich mit Großkanzleien? Die meisten Schreiber hier arbeiten doch nicht in der Kassen-Butze um die Ecke, untertariflich bezahlt und von KV aufgestockt, sondern in großen oder größeren Häusern, teils mit Universitätshintergrund, vielleicht auch noch "Eliteuni" oder auch bei milliardenschweren, börsennotierten Konzernen.
Außerhalb des Gesundheitswesens ist es völlig normal, daß ein Facharbeiter mehr verdient, wenn er z.B. von der Schlosserei Hempel ohne Tarifbindung zu BMW in den IG-Metall-Vertrag wechselt.
Und im Gesundheitswesen? Facharzt bei Helisklepios und dann Wechsel als Angesteller in eine GP, ÜBAG oder kleines MVZ, Gehaltssprung von fast 50% möglich, je nach Fachrichtung. Und womöglich noch weniger Arbeit.
Die Tarifverträge sind einfach nicht marktgerecht. Von der Absurdität, daß die größten Konzerne die (lt MB-Tariftabelle) geringsten Gehälter zahlen, mal abgesehen.
Falls es das Konzept war, erst mal 15 Jahre lang vernünftige Arbeitsbedingungen rauszuhandeln und marktfähige Gehälter danach:
Leider ist der Zug jetzt abgefahren und in der kommenden Wirtschaftskrise wird eine verünftige Gehaltssteigerung noch viel weniger drin sein, als vorher schon. Die vorherigen Topbranchen wie Luftfahrt und Auto müssen erst jetzt erstmals kräftig Federn lassen. Und ein effektives Plus wäre in der hiesigen neidgesteuerten Gesellschaft absolut nicht vermittelbar und politisch auch gar nicht gewollt.
Und die vielfachen Ausnahmeregelungen bzgl. Dienste usw. wird man arbeitnehmerseitig wegen "Corona" auch in die Tonne kloppen.
Aber vielleicht gibt es wieder doll viel Applaus vom Balkon.
Mal ganz provokant gefragt: Was spricht gegen den Vergleich mit Großkanzleien?
Die Großkanzelei agiert in der freien Wirtschaft. Das Gesundheitswesen ist (weil von Krankenkassenbeiträgen finanziert) nicht Teil der freien Wirtschaft.
Nix gegen die in meiner Klinik mir bekannten Psychiater, Neurologen und auch Kollegen anderer Fachrichtungen, machen einen tollen Job und leisten 24h-Bereitschaft für Notfälle, würden aber nicht zu Freshfields unbedingt passen. Betriebsrat&Gewerkschaft sind übrigens bei Großkanzleien nicht so sehr erwünscht, jammern über arbeiten bis 21 oder 24h auch nicht oder Erreichbarkeit für Klienten am Wochenende&nachts passt auch nicht so gut, dann sollte man sich was anderes suchen. Auch der Vergleich mit der Automobilindustrie hinkt. Am Ende wird kein Opel, BMW, Trabant hergestellt.
Falls es das Konzept war, erst mal 15 Jahre lang vernünftige Arbeitsbedingungen rauszuhandeln und marktfähige Gehälter danach:
Das gilt für Ärzte in Weiterbildung (Der Begriff Assistenzarzt gilt als veraltet*) nicht, da ist das Gehalt im europ. ok-durchschnittlich.
Vernünftige Arbeitsbed. gibt es noch nicht, es wurde etwas verbessert. Vernünftige WB gibt es auch nicht. Problematisch, da die ÄK den Weiterbildern sehr nahe statt kritisch gegenüber steht. Sehe da den Schwerpunkt bei Verbesserungen.
Facharzt an Klinik oder Unikliniken ist eine temporäre Angelegenheit für eine Karriereperson-->entweder etwas warten/Rackern und die OA Stelle und ggfs. später Chance auf Leitung in einer anderen Klinik bekommen und dafür eine Zeit das relativ niedrige Facharztgehalt oder wenn man nicht das nicht möchte MVZ/Praxis. Fachärzte an (Uni)kliniken ohne Chance/Motivation zum OA sind Versorgungsfälle.
Wir hatten diese Diskussion auch bereits.
*"Assistenzarzt" ist ein veralteter Begriff, der laut Beschluss vom 113. Deutsche Ärztetag im Mai 2010 eigentlich nicht mehr verwendet werden sollte, da der stattdessen empfohlene Begriff "Arzt/Ärztin in Weiterbildung oder Weiterbildungsassistent/in" die Qualifikation, die mit der Approbation erlangt wurde, deutlicher widerspiegelt.[1]
Die Großkanzelei agiert in der freien Wirtschaft. Das Gesundheitswesen ist (weil von Krankenkassenbeiträgen finanziert) nicht Teil der freien Wirtschaft. (...) Auch der Vergleich mit der Automobilindustrie hinkt. Am Ende wird kein Opel, BMW, Trabant hergestellt.
Du argumentierst aus maximaler Arbeitgebersicht. Davon ab: Ist da wirklich so ein Unterschied, ob jetzt der Opel verkauft wird oder das KH eine Rechnung über zig tausend Euro für den behandelten Patienten stellt?
Betriebsrat&Gewerkschaft sind übrigens bei Großkanzleien nicht so sehr erwünscht, jammern über arbeiten bis 21 oder 24h auch nicht oder Erreichbarkeit für Klienten am Wochenende&nachts passt auch nicht so gut
Gib mir 90 bis 120.000 € im ersten Jahr, dann hörst du mich auch nicht jammern. ;) Wobei Erreichbarkeit am Wochenende und nachts für uns Mediziner wohl doch eher eine ziemliche Lachnummer sein dürfte.
*"Assistenzarzt" ist ein veralteter Begriff, der laut Beschluss vom 113. Deutsche Ärztetag im Mai 2010 eigentlich nicht mehr verwendet werden sollte, da der stattdessen empfohlene Begriff "Arzt/Ärztin in Weiterbildung oder Weiterbildungsassistent/in" die Qualifikation, die mit der Approbation erlangt wurde, deutlicher widerspiegelt.[1]
Ich mag den Begriff "Assistenzarzt" auch nicht sonderlich. Vor allem mit den neuen studierten Arztassistenten gibt es da gehörig Verwechslungspotential. Inwiefern "Weiterbildungsassistent" jetzt aber besser sein soll ...
Kackbratze
23.09.2020, 22:07
das KH eine Rechnung über zig tausend Euro für den behandelten Patienten stellt?
Opel legt den Preis durch die Herstellungskosten + Marge fest.
Die Kanzlei am Streitwert.
Das Krankenhaus stellt seine Rechnung auf dem Boden einer von den "Käufern" (Krankenkassen) festgelegten Gebührenordnung, die nicht die realen Kosten, den Aufwand oder auch die Materialien wiederspiegelt. Egal wieviele Tausende auf der Rechnung stehen, die Rechnung ist nicht auf dem Boden der geleisteten Arbeit, sondern festgelegter Teilaspekte (DRG und OPS-Codes) festgelegt.
Beschäftigt sich hier eigentlich Jemand von euch Berufsanfängern mit dem Thema oder vergleicht ihr bloss gerne Systeme ohne Preisbindung mit einem budgetierten System? (also Äpfel mit Birnen)
Selbst bei Privatpatienten orientieren sich die Rechnungen daran und die Privatversicherungen sind gerade genauso scharf bei der Rechnungsprüfung wie die Kassen. Auch bei 3,5fachem Satz.
Bonnerin
23.09.2020, 22:15
Womit man schon beim nächsten Punkt wäre: Wer ist denn noch der Meinung, dass das DRG-System "funktioniert"? (Nein, Bratze, hatte das auch nicht so wahrgenommen, dass du der Meinung wärst).
War doch wieder so ein klassischer D-Bürokraten-Move, ein System einzuführen, das sich an der Versorgung der australischen Buschpiloten orientiert. Allein schon vom Schreiben und damals im Seminar hören gabs Kppfschmerzen.
Dass mit dem System jetzt langsam zurückgerudert wird (wie immer im öffentlichen Dienst viel zu spät), z.B. in der Pädiatrie spricht ja auch Bände.
BlackVelvet
23.09.2020, 23:01
Opel legt den Preis durch die Herstellungskosten + Marge fest.
Die Kanzlei am Streitwert.
Das Krankenhaus stellt seine Rechnung auf dem Boden einer von den "Käufern" (Krankenkassen) festgelegten Gebührenordnung, die nicht die realen Kosten, den Aufwand oder auch die Materialien wiederspiegelt. Egal wieviele Tausende auf der Rechnung stehen, die Rechnung ist nicht auf dem Boden der geleisteten Arbeit, sondern festgelegter Teilaspekte (DRG und OPS-Codes) festgelegt.
Beschäftigt sich hier eigentlich Jemand von euch Berufsanfängern mit dem Thema oder vergleicht ihr bloss gerne Systeme ohne Preisbindung mit einem budgetierten System? (also Äpfel mit Birnen)
Selbst bei Privatpatienten orientieren sich die Rechnungen daran und die Privatversicherungen sind gerade genauso scharf bei der Rechnungsprüfung wie die Kassen. Auch bei 3,5fachem Satz.
Das seh ich anders, du tust ja so als ob budgetiertes System automatisch heißt, das man ggü. freier Wortschaft den kürzeren ziehen muss und der Arbeitgeber halt leider einfach nicht in der Lage ist seine Leute vernünftig zu bezahlen. Die Pharmaindustrie hängt am selben budgetierten Topf und handelt in einem fast planwirtschaftlichen System in Deutschland die Preise aus. Der Unterschied ist wie dort Interessens-/Lobbyarbeit betrieben während die Ärzteschaft sich dort sehr schwer tut.
Auch Opel kann nicht einfach Preise festsetzen, das Zeug muss auch immer einer zu dem Preis kaufen. Das die freie Wirtschaft insgesamt mehr Spielräume und Freiheiten im Vergleich zu einem budgetierten System hat, ist keine Frage. Das ein budgetiertes System im Umkehrschluss aber automatisch heißen muss, seinen Mitarbeiter im KH im Vergleich zu Teilen der freien Wirtschaft nicht kompetitiv mehr Arbeitsbedingungen zu bieten, gilt nicht.
Opel legt den Preis durch die Herstellungskosten + Marge fest.
Wir hier schon richtig gesagt wurde, legt Opel den Preis nicht frei fest, sondern kalkuliert ein Kurvenoptimum, durch das der Preis auch bei denen absolut gedeckelt ist.
Das ist aber gar nicht der Punkt. Es geht mir als Arbeitnehmer schlichtweg sowas von am Gluteus maximus vorbei, welche Gründe der Arbeitgeber dafür anführt, mich angeblich nicht besser bezahlen zu können. Dafür muss ich keine Empathie vorheucheln und erstrecht nicht meine Kollegen zur Resignation auffordern.
Kackbratze
23.09.2020, 23:38
Dann geht doch in eure Personalabteilung, legt die 2 Gramm die ihr so habt mal voll in die Waagschale und schaut was passiert.
Eure Vertreter (MB, Verdi und Co) vertreten ihre eigenen Interessen, eurer Meinung nach liegt das Problem ausschließlich an eurer Bezahlung, nicht daran, dass das KH seine gesamten Leistungen via DRG irgendwie reinholen muss, also legt los.
Ich denke, das wird was. Gerade als Assistenzarzt hat man die Macht endlich die Welt aus den Angeln zu heben.
Oder glaubt ihr die Abwanderung der Kollegen passiert nur, weil die nicht die Eier haben, der Verwaltung gegenüber zu treten?
Wenn also das KH seine Personalkosten komplett auf die Ärzte umlegt, was glaubt ihr wie es weitergeht? So wie in der EU? Die Notenpresse im Keller wird angeschmissen? Dann fehlt plötzlich der Transportdienst, im OP oder im Funktionsbereich gibt es minderwertige Materialien und die Pflege auf Station wird weniger, oder es wird eine Stelle nicht neu besetzt.
Und dann?
Dann schreibt ihr wieder in diesem Thread, beschwert euch über die Arbeitsbedingungen (Gehalt stimmt ja dann endlich), vergleicht eure Arbeitsbedingungen mit Grundschullehrern, die auch Akademiker sind und schließlich wesentlich weniger arbeiten und schwadroniert über die Ungerechtigkeit des Systems.
Die Kurzform eurer gesammelten Werke hier ist: sucht euch eine Klinik die euch die Arbeitsbedingungen bietet, die ihr haben wollt.
Es gibt keinen Konsens, es gibt in Deutschland keinen einzigen Politiker der euer Ansinnen unterstützen wird und solange die Krankenkassen und die Pharma eine bessere Lobby haben, wird das nix. Stimmt mit den Füssen ab oder organisiert euch.
Tausendmal im Forum schreiben wie schei$$e alles ist und am Ende nix machen entspricht der Mentalität hier im Land.
Dafür muss ich keine Empathie vorheucheln und erstrecht nicht meine Kollegen zur Resignation auffordern.
Wenn man nicht mal die Finanzierung des Systems in dem man arbeitet kritisch beäugt und versteht, wie sich manche Entscheidungen ergeben, sondern bloss mit "Andere haben es mal viel besser als wie ich" und "ich will mehr Geld haben, egal wo es herkommt" argumentiert...naja.
Das ein budgetiertes System im Umkehrschluss aber automatisch heißen muss, seinen Mitarbeiter im KH im Vergleich zu Teilen der freien Wirtschaft nicht kompetitiv mehr Arbeitsbedingungen zu bieten, gilt nicht.
Im Vergleich zu wem denn bitte? Wo steht denn das Krankenhaus in einem Wettbewerb um Ärzte?
Welche andere Branche arbeitet denn mit Ärzten in so hohem Maße, dass ein Krankenhaus Angst haben muss, dass die Arbeitnehmer weggehen für besseren Lohn?
Im Gegensatz zu den Juristen, Unternehmensberatern und Selbstständigen gibt es Tariflohn.
Ein Vertrag für Alle, grundsätzlich egal in welchem KH sie arbeiten. Dafür aber auch die Sicherheit, dass jeden Monat die gleiche Menge Geld aufs Konto wandert.
Wie schon oben genannt, geht zur Personalabteilung, handele deinen AT-Vertrag aus. Oder geh zu Verdi/MB und handele am Tarifvertrag mit.
Cor_magna
24.09.2020, 01:18
Ich stimme allem zu, aber hier nicht ganz:
Im Vergleich zu wem denn bitte? Wo steht denn das Krankenhaus in einem Wettbewerb um Ärzte?
Welche andere Branche arbeitet denn mit Ärzten in so hohem Maße, dass ein Krankenhaus Angst haben muss, dass die Arbeitnehmer weggehen für besseren Lohn?
.
Die Krankenhäuser/Praxen konkurrieren untereinander. Wie sonst ist es zu erklären, dass man als Facharzt mittlerweile deutlich mehr Zugeständnisse bekommt als noch vor einigen Jahren ?
Angeblich soll es ja schon Kliniken geben, die ihren Assistenen das ein oder andere (finanzielle) Goodie bieten, damit die kommen.
Auch die Bezahlung im PJ (wenig aber immerhin), die immer mehr zum Usus wird, halte ich bei weitem nicht für ein Ergebniss von Gutmenschentum, sonder einfach weil die Kliniken PJler anwerben (müssen).
Falls ich hier einem Denkfehler unterliege, bitte aufklären.
Kackbratze
24.09.2020, 05:09
Die PJ Bezahlung (Aufwandsentschädigung) steht in der Approbationsordnung drin und orientiert sich am Bafög-Satz.
Das ist eine Stelle, an der sich der Einsatz der Studenten-Lobby gelohnt haben könnte, oder doch nicht?
Schließlich ist der Betrag gedeckelt und immer noch nicht verpflichtend.
Die finanziellen Goodies findest du im Anzeigenteil des Ärzteblattes.
Nicht wirklich, da bleibt es bei den üblichen hervorragenden Floskeln (Miteinander, Ausbildung, toller Ort, einfach tolle Klinik).
Aber die Goodies werden ja nicht den Abstand zum Spitzenjuristen oder Unternehmensberater verringern.
Die Großkanzelei agiert in der freien Wirtschaft. Das Gesundheitswesen ist (weil von Krankenkassenbeiträgen finanziert) nicht Teil der freien Wirtschaft.
Zum einen haben Anwälte auch eine staatiche Gebührenordnung (die im Gegensatz zur GOÄ regelmäßig angehoben wird). Ein großer Anteil der privaten Rechtsstreitigkeiten dürfte sich auch aus Versicherungsbeiträgen speisen. Und dann gibt es ja auch noch die berühmten Pflichtverteidiger...die aber im Gegensatz zu "Pflichtärzten" auch nicht für lächerliche Quartalspauschalen tätig werden. Und Gerichte sind sowieso komplett staatlich finanziert.
Zum anderen dürfte der weit überwiegende Anteil der weltweiten Krankenhäuser (oder auch Arztpraxen) mit staatlichen Geldern, Versicherungsbeiträgen (umlagebasierte "Kassen" gibt es so ja nur noch in ´schland) oder , noch schlimmer, mit vom Munde abgesparten Patientengeldern finanziert werden, so daß sich mir die Schlagkraft dieses Argumentes nicht erschließt.
Im Gegenteil, nachdem sich aus den "Kassenbeiträgen" erst mal >120.000 GKV-Mitarbeiter mit ihren 35-Wochenstunden und 13 Monatsgehältern, und dann noch mal eine fünfstellige Anzahl KV-Mitarbeiter bedient haben, bevor irgendwas an die Leistungserbringer durchgereicht wird, sollte man die Prioritären anders setzen. Daher zählt das für mich auch nicht als Argument. Zumindest nicht, solange diese Reihenfolge besteht.
Keine Marktwirtschaft im Krankenhaus? Sind Helisklepiröhn denn gemeinnützige Vereine und keine renditestarken Konzerne? Bekommen kommunale Krankenhausleiter denn alle ein tarifliches Werkleitergehalt nach TvÖD?
Daß auf der Einnahmenseite wenig Kalkulationsfreiheit besteht, ist mir wohlbekannt und für mich einer der Hauptfehler dieses Systems. Sonst könnten Krankenhäuser mit Personalmangel nämlich höhere Gehälter zahlen und die Mehrkosten dann auf die Rechnung umlegen (wie es jeder Handwerker tut).
Aber auch hier gilt: wer sich zu einem System bekennt (hier: umlagebasierte GKV mit Sachleistungsprinzip und DRG) der muß auch dessen Nebenwirkungen in Kauf nehmen. So wie tausende Venezolaner, die vor ein paar Jahren Chavez zugejubelt haben ("sozial und gerecht"), jetzt mithungern müssen, muß man als Arzt akzeptieren, daß ein System, daß es einem Patienten uneingeschränkt erlaubt, im Schnitt (!) 18x pro Jahr zum Arzt zu gehen, oder zu allen Tages- und Nachtzeiten wegen Banalitäten ins Krankenhaus, ohne je eine Rechnung zu bekommen, nur zu finanzieren ist, wenn man die Behandlungskosten auf ein Minimum drückt, zum Beispiel mit Minusstunden im BD oder mit KV-Quartalspauschalen von 16 EUR (z.B. Derma in NRW).
Mischformen sind nicht vorgesehen und auch nicht möglich.
ehem-user-02-08-2021-1033
24.09.2020, 05:37
Wenn man nicht mal die Finanzierung des Systems in dem man arbeitet kritisch beäugt und versteht, wie sich manche Entscheidungen ergeben, sondern bloss mit "Andere haben es mal viel besser als wie ich" und "ich will mehr Geld haben, egal wo es herkommt" argumentiert...naja.
Da gebe ich dir vollkommen recht. Witzigerweise habe ich das, was du geschrieben hast vor mehr als 10 Jahren hier im Forum geschrieben. Es folgte ein grandioser Shitstorm.
Wir haben im Gesundheitssystem eine zunehmende Leistungsausweitung, immer mehr Akteure, die partizipieren wollen und schlussendlich über die öffentlichen Kassen finanziert ein sich langfristig abzeichnendes Limit an finanziellen Spielräumen.
Das DRG-System per se ist nicht gescheitert. Der Grundtenor ist: Es ist langfristig einfach zu wenig Geld für das Gesundheitssystem da.
Sicherlich gibt es noch Lobbyisten, die an anderen Stellen Geld in unseren öffentlichen Haushalten abzweigen.
Aber mit einer steigenden Anzahl an Rentnern, immer älter werdenden Mitbürgern, einem großen Anspruch an Leistungen (die TAVI gibt´s noch mit 99), gibt es nur eine Möglichkeit dem gerecht zu werden.
Die Kosten der einzelnen Dienstleistungen werden gesenkt. Man macht nur noch Geld durch Masse.
Masse deswegen, weil man eine Masse an Ansprüchen seitens der Bevölkerung hat.
Nichts anderes spiegelt das DRG-System wieder.
Wer davon spricht, dass das DRG-System gescheitert ist, vertauscht Ursache und Wirkung. Es müsste endlich mal eine Diskussion über eine Priorisierung und Rationierung im Gesundheitssystem entstehen.
Ansonsten arbeiten wir uns langfristig tot.
John Silver
24.09.2020, 07:56
Zunächst muss eine Diskussion darüber stattfinden, welche Leistungen man will und wieviel man dafür aufwenden muss. Das Grundproblem besteht darin, dass die Formulierung „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ halt keiner Sau etwas sagt. Alle kommen und wollen einen Mercedes, der ist aber weder ausreichend, noch zweckmäßig, und erst recht nicht wirtschaftlich. Ein Daihatsu ist all das, aber den will keiner. Politiker und Kassenheinis formulieren ihre Aussagen immer so, dass die Leute den Mercedes hineinprojizieren können, auch wenn der so nicht versprochen wird. Wir dürfen dann auf unsere Kosten (Stress, Überstunden, unbezahlte Arbeit, Minusstunden, you name it) die Differenz ausgleichen. Solange weiter so getan wird, als hätten alle Anspruch auf einen Mercedes, obwohl nur der Preis eines Daihatsu auf den Tresen geknallt wird, wird alles unverändert weitergehen, bis zum fröhlichen Zusammenbruch.
Opel legt den Preis durch die Herstellungskosten + Marge fest.
Die Kanzlei am Streitwert.
Das Opelwerk wurde/wird aber nicht vom Staat/Land gebaut und finanziert (zumindest noch nicht).
Zur Daseinsvorsorge gehört der Automobilbau definitiv nicht.
Ich stimme allem zu, aber hier nicht ganz:
Die Krankenhäuser/Praxen konkurrieren untereinander.
Ja bedauerlicherweise anstatt zusammenzuarbeiten. Es ist eine Pseudomarktwirtschaft und Pseudowettbewerb im Gesundheitswesen, der zu unguten Entwicklungen führt.
z.B. hat man dann 2x Darmzentren in der Stadt auf 3. Liga Niveau anstatt 1x Top.
Eine faire Bezahlung/Aufwandsentschädigung im PJ finde ich auch richtig. Alles eine Frage von Organisation. Wir hatten/haben hier teilweise 30 PJler in der Viszeralchirurgie. -->wenig zu tun -->kann ich sie auch verstehen, wenn sie um 14 Uhr nach Hause gehen.
Zum einen haben Anwälte auch eine staatiche Gebührenordnung (die im Gegensatz zur GOÄ regelmäßig angehoben wird). Ein großer Anteil der privaten Rechtsstreitigkeiten dürfte sich auch aus Versicherungsbeiträgen speisen. Und dann gibt es ja auch noch die berühmten Pflichtverteidiger...die aber im Gegensatz zu "Pflichtärzten" auch nicht für lächerliche Quartalspauschalen tätig werden. Und Gerichte sind sowieso komplett staatlich finanziert.
Nicht-lukrative Aufträge nimmt eine Großkanzlei garnicht an. Meist sind die Klienten große Konzerne mit entsprechender Portokasse.
muß man als Arzt akzeptieren, daß ein System, daß es einem Patienten uneingeschränkt erlaubt, im Schnitt (!) 18x pro Jahr zum Arzt zu gehen, oder zu allen Tages- und Nachtzeiten wegen Banalitäten ins Krankenhaus, ohne je eine Rechnung zu bekommen, nur zu finanzieren ist, wenn man die Behandlungskosten auf ein Minimum drückt.
Hausarztpraxen sind doch im Verhältnis zur Angestelltentätigkeit im KH immer noch sehr viel lukrativer? Die scheinen durch die Gesprächstherapiebesucher also nicht gerade auszubluten, auch wenn das aus ärztlicher Sicht natürlich ein Ärgernis ist. Und ob jetzt die 50 % Bagatellen in der Notaufnahme, die mit einem Kurzbrief postwendend wieder nach Hause geschickt werden, das Krankenhaus finanziell dermaßen ausschlachten? Oder ist das nicht eher der MDK, der bei jedem zweiten Fall massiv Gelder streicht und im Prinzip als Käufer auftritt, der nach getätigtem Kauf selbst entscheiden kann, einen Teil des Preises einfach nicht zu bezahlen? Dazu die Bereitschaft, irrsinnigste Summen für die Individualtherapie sehr alter und sehr kranker Patienten auszugeben bei gleichzeitig extrem geringem RoI?
Ansonsten verstehe ich aber die Richtung der Diskussion nicht ganz. Natürlich sind uns als Akteuren im Gesundheitswesen seine Makel und Limitierungen bekannt. Trotzdem erwirtschaften die meisten Krankenhäuser - dazumal je anch Region inzwischen ja locker zur Hälfte privatisiert - verdammt gutes Geld. So zu tun als würde mehr Geld für die Ärzte (egal ob durch höhere Einzelbezahlung oder bessere Arbeitsbedingungen) sofort zu Kürzungen bei Pflege, Transport und wasnichtnoch führen, unterstellt ja, dass das Krankenhaus am absoluten Kipppunkt zu den roten Zahlen agiert und einfach überhaupt kein Geld da wäre. Ist dem so? Also Marburger Bund auflösen, weil jedwede Forderungen ohnehin zwecklos sind, weil systembedingt utopisch? Das ist mir dann auch zu einfach gedacht.
Die PJ-Floskel in der ÄApprO zuletzt ist doch kein Erfolg. Die hat überhaupt gar nichts gebracht, außer eine Deckelung nach oben einzuführen als Prävention für einzelne Häuser, Studenten mit vernünftigen Konditionen anzulocken und damit die Großstadtgaleeren in Not durch PJ-Mangel zu bringen. Typisch Ärzte halt: Sich einen Schuss ins Knie als bejubelnswertes "Eingeständnis" vermarkten lassen.
Mr. Pink online
24.09.2020, 09:06
Ansonsten verstehe ich aber die Richtung der Diskussion nicht ganz.
Initial gings bei der Diskussion mal darum, ob Ärzte nun im Vergleich zu anderen "vergleichbaren" Akademikerberufen schlechter bezahlt werden und ob die Arbeitsbedingungen schlechter sind. Da gab es interessanterweise viele die das nicht so gesehen haben. Die Diskussion scheint aber überwunden zu sein. Dass die Arbeitsbedingungen schlechter sind und wir auch finanziell in vielen Situationen ausgebeutet werden (ähnlich wie die Pflege) scheint jetzt doch irgendwie rausgekommen zu sein, jetzt wird diskutiert woran es liegt.
Kackbratze
24.09.2020, 09:30
Du hast dir die Zahlen der Krankenhäuser in Deutschland schon mal angeschaut und wie viele Kliniken Subventionen vom Staat oder Landkreis bekommen?
"Verdammt gutes Geld" ist schön griffig, fast schon Alternativlos bei den vielen Sachzwängen.
Zahlen, nicht Prosa, und die Zahlen bei öffentlichen Häusern sind rot, bei KlinikKonzernen schwarz auf dem Rücken der Angestellten.
Wo da "verdammt gutes Geld" herkommen soll, erschließt sich mir nicht.
Wenn die Gehälter in eure Traumregionen steigen sollen, wird es sicher weniger Konzerne geben.
Wie John Silver schon geschrieben hat, jeder will den Mercedes, aber bitte nur Dacia bezahlen.
Warum machen denn 3 Kliniken in der Stadt ein Darmzentrum auf?
Weil es Geld bringt. Nicht weil man mit anderen Eingriffen/Erkrankungen Geld verdient.
Die Notaufnahme laufen defizitär, müssen aber offen gehalten werden.
Unsere Notfälle können wir nicht ablehnen, müssen sie behandeln und verlieren dabei Geld (bzw. wir bekommen die Leistungen inadäquat bezahlt).
Und wo soll dann das "mehr" für das Arzt Gehalt herkommen?
Kackbratze, was du schreibst will ich ja gar nicht als völlig verkehrt hinstellen. Ich komme da bloß aus einer anderen Perspektive. Wie schon gesagt, du argumentierst aus Arbeitgebersicht. Die kann ich auch nachvollziehen. Ich nehme sie aber nicht an, weil mir sonst die Verhandlungsgrundlage fehlt und ich mich gleich in Resignation flüchten kann.
Es ist nicht meine Verantwortung als Arbeitnehmer, bei Verhandlungen aus Empathie gegenüber meinem Chef gegen mich selbst zu argumentieren. Über die Pflege kann man ja denken, was man will. Aber die sind wenigstens einig, dass sie ganz arme unterbezahlte überarbeitete Harscherle sind. Da kommen nicht bei jeder Diskussion über zu niedrige Gehälter Unkenrufe aus den eigenen Reihen, dass das doch gar nicht stimmt, oder dass das KH ja sooo gerne mehr bezahlen würde aber das einfach nicht kann, und man deshalb doch zufrieden sein soll mit dem was man hat, oder man wusste das ja vorher, oder die Friseuse verdient noch weniger, oder man soll halt zur Pflegedirektion gehen und mit seinen tollen Qualifikationen nen AT-Vertrag aushandeln, wenn man meint, man sei mehr wert. Komischerweise scheint mir dieser Eigenkannibalismus nur bei uns Ärzten vertreten zu sein.
Wenn die Häuser schwarze Summen machen, ist doch alles tutti? Wenn die Häuser hingegen rote Summen machen, aber trotzdem vom Staat getragen werden, weil sie als systemrelevant erachtet werden, dann kann ich dieselbe Argumentation auch für mich als Arbeitnehmer anführen.
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