Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Aktuelle VKA-Tarifverhandlung 22/23 und 2024- Der Diskussionsthread
Endoplasmatisches Reticulum
11.02.2022, 23:06
Bei aller Zustimmung zu der Meinung, dass Nachtarbeit in der Klinik (übrigens auch bei der Pflege) bei weitem zu schlecht bezahlt wird, aber was soll denn dieser krumme Vergleich?
Ich finde den Vergleich gar nicht so absurd. Im Kern ist das ja ein theoretisches Konstrukt, weil Pfleger eben keinen Bereitschaftsdienst machen. Aber nehmen wir mal an, es wäre so: Wo ist dann der wesentliche Unterschied, ob ich als Arzt 8 Stunden arbeite und anschließend 10 Stunden lang eine unklare Menge von Anrufen bis zum nächsten Morgen bekomme, oder ob ich als Pfleger 8 Stunden arbeite und dann 10 Stunden lang eine unklare Anzahl an Patientenklingeln bedienen muss? Aus Arbeitgebersicht ist beides Arbeit auf Abruf und dazwischen Eierschaukeln.
Ich denke nicht, dass ein Dienstmodell à la regulärer Spätdienst mit anschließender Bereitschaft bis zum nächsten Morgen in der Pflege die Rechtslage viel stärker beugen würde, als das bei uns der Fall ist. Und wenn das auch noch viel weniger belastend ist als Schichtdienst, dann müsste die Pflege so eine Idee doch eigentlich bejubeln? Ob Pfleger in einer Parallelwelt mit Pflegebereitschaft unerträgliche Arbeitsbedingungen ertragen, aus Angst sonst auf Dreischicht umgestellt zu werden? Ich habe da so meine Zweifel.
In der Pflege und anderen Berufen sind die Möglichkeiten, der dauerhaften Nachtarbeit zu entgehen, in meinen Augen übrigens deutlich geringer als für Ärzte
Das deckt sich eher nicht mit meinen Eindrücken. In fast jedem Pflegeteam, das ich kannte, gab es Pfleger, die keine oder sehr wenige Nachtdienste gemacht haben. Von Muttis über Teilzeitkräfte über Ältere/Kranke bis hin zu Studenten oder Leute die ganz woanders lebten und 1x pro Monat für einen Spätdienstblock extra angereist kamen. Leute die nur Frühdienste, nur Spätdienste oder nur Nachtdienste gemacht haben. Da scheint mir in der Pflege oft einiges an Verhandlungsspielraum für Sonderwünschte vorhanden zu sein, was ich als Assistenzarzt in der Form noch nirgends erlebt habe. Und ein Wechsel in die ambulante Pflege geht auch immer, nicht erst nach 4-6 Jahren Fachpflegerweiterbildung unter widrigen Bedingungen. Oder Wechsel auf eine MFA-Stelle, Study Nurse, Belegungsmanagement ...
Ärzte, für die meistens echter Schichtdienst spätestens nach der Facharzt-Prüfung kein Thema mehr ist, höchstens noch Bereitschaft. Fachärzte im Dreischicht-System gibts höchstens in der Notaufnahme und ganz eventuell auf einer sehr großen Intensiv.
[...]
Auf Medizin-Studienplätze gibts ja auch immer noch 10 Bewerber, die sich nach dem Studium unbedingt die Nächte um die Ohren schlagen wollen.
Und bring diese beiden Abschnitte nochmal zusammen und du merkst: auch die Studienplatzbewerber haben nicht die paar Jahre bis zum Facharzt im Sinn sondern die Zeit danach.
Auch wenn hier im Forum gefühlt die Meisten sich im Bereich der Weiterbildung befinden, ist dieser Abschnitt auf das Gesamt-Medizinerleben ein eher kleiner Teil. Und wiederum manche treten gleich gar keine Stellen, oder möglichst kurze Abschnitte, an in denen es Nachtdienste gibt...
Auch aus diesem Grund bin ich froh dass es dieses Mal ein wenig mehr auch um Rufdienste gehen soll und nicht wie in der letzten Runde um Bereitschaftsdienste. Letztlich wird man sehen was draus wird. Bei diesen diametralen Positionen glaub ich eh nicht dass es ohne eine Runde Streiks laufen wird...
In fast jedem Pflegeteam, das ich kannte, gab es Pfleger, die keine oder sehr wenige Nachtdienste gemacht haben. Von Muttis über Teilzeitkräfte über Ältere/Kranke bis hin zu Studenten oder Leute die ganz woanders lebten und 1x pro Monat für einen Spätdienstblock extra angereist kamen. Leute die nur Frühdienste, nur Spätdienste oder nur Nachtdienste gemacht haben. Da scheint mir in der Pflege oft einiges an Verhandlungsspielraum für Sonderwünschte vorhanden zu sein, was ich als Assistenzarzt in der Form noch nirgends erlebt habe. Und ein Wechsel in die ambulante Pflege geht auch immer, nicht erst nach 4-6 Jahren Fachpflegerweiterbildung unter widrigen Bedingungen. Oder Wechsel auf eine MFA-Stelle, Study Nurse, Belegungsmanagement ...
Ach komm, du bringst doch normalerweise sinnvollere Beiträge, oder?
Die Pflege an sich ist meist ein gemischtes Team aus Leuten in vielen Altersstufen. So wie bei den Assistenzärzten? Also Alter von 25-35 und sonst meist nix? Und bei der Pflege gibt es sehr viele Teilzeitkräfte von 20-90%%, in den meisten Teams die ich kenne sind mehr Teilzeitkräfte als Vollkräfte. So wie bei Assistenzärzen? Und die allermeisten in der Pflege auf Station machen zum aktuellen Zeitpunkt keine Weiterbildung. So wie bei den Assistenzärzten? Und dann komm mir mal mit Pflegekräften die eine Fachweiterbildung machen wollen und das in Teilzeit und nur nachts. Merkst was?
Auch ich kenn genug Verhandlungsspielraum bei Assistenzärzten bzgl. Arbeitszeiten und Arbeitszeitmodellen. Aber nicht umsonst. Das geht dann auf Kosten der Weiterbildung, der Einsätze im OP etc. Daher machen es halt meist entweder Muttis ohne große Karriereambitionen (was auch zu respektieren ist!) oder Leute die ihren Facharzt schon in der Tasche haben. Und die wechseln dann auf eine Ambulanz-Stelle, eine Studienarzt-Stelle oder noch woanders hin, Controlling also ärztlicher DRG-Beauftragter oder so. Es ist ja alles möglich! Auch der Wechsel in die ambulante Medizin. Heißt dann halt Praxis, aber ist auch möglich für Ärzte.
Und der Unterschied zur Pflege ist eben dass man sich im Bereitschaftsdienst, teilweise auch im offiziellen Volldienst, in der Nacht zum Schlafen hinlegt. Das kann die Pflege primär mal nicht! Ok, wenn die zu zweit in der Notaufnahme sind und die ist quasi leer dass mal einer... Aber primär legt man sich als Arzt hin und die Pflege ist wach. Schaut Fernseher, Videos, ratscht, was auch immer, aber arbeitet auch. Und als Arzt, wenn nix zu tun ist, legt man sich hin.
Endoplasmatisches Reticulum
11.02.2022, 23:54
Danke für die Blumen! Ich verstehe deinen Beitrag aber ehrlich gesagt nicht ganz. Du widerlegst nicht, was ich geschrieben habe, sondern ergänzt Erklärungen, warum es so ist?
Und der Unterschied zur Pflege ist eben dass man sich im Bereitschaftsdienst, teilweise auch im offiziellen Volldienst, in der Nacht zum Schlafen hinlegt. Das kann die Pflege primär mal nicht!
Das ist jetzt aber eine recht hohle Argumentation. Sie können sich nicht hinlegen, weil die angeordnete Arbeitsform (Vollarbeit) das nicht erlaubt. Schlafen können ist indes kein Kriterium für Bereitschaftsdienst. Die meisten Klingeln sind schnell abgearbeitet. Aus Arbeitgebersicht ist es dann doch wurscht, ob der Dienstarzt einmal stündlich angefunkt wird und dann für 30 min in die Notaufnahme rennt, oder ob der Pfleger halt alle 20 Minuten zu einer Klingel läuft, für deren Abarbeitung er jeweils 10 Minuen braucht. Beide male Auslastung 50 %. Beide male realiter kein Schlaf möglich. Miese Bereitschaftsdienste ohne Pause werden rausgemittelt und fertig. Die Krankenhausleitung vergießt Tränen für das Leid an der Front? (Ich rede von Normalstation. Natürlich passt das nicht mehr, wenn wir Intensiv oder ZNA ins Rennen schicken.)
Ich denke, du hast meinen Beitrag etwas falsch verstanden. Ich will keine strukturellen Unterschiede zwischen Pflegern und Ärzten dekonstruieren oder diskutieren. Bloß dieselbe Böswilligkeit, mit der Arbeitgeber rechtswidrige Bedingungen bei uns Ärzten regelmäßig am Laufen halten und zunehmend eskalieren, wären m.E. mit wenig Fantasie auch in der Pflege realistisch denkbar. Eine Schweinerei, aber möglich. Und damit ist der Vergleich eben durchaus legitim. Hier wurde gesagt: "Die Pflege bekommt ihren Nachtdienst auch nicht nur teilweise als Arbeitszeit bewertet". Ja, das stimmt! Der Arbeitgeber könnte das aber so machen. Vermutlich würde er damit oft über die Grenze der Legalität hinausschießen. Wie bei uns halt. Und das ist der Punkt.
SineNomine
12.02.2022, 12:16
In der Pflege und anderen Berufen sind die Möglichkeiten, der dauerhaften Nachtarbeit zu entgehen, in meinen Augen übrigens deutlich geringer als für Ärzte, für die meistens echter Schichtdienst spätestens nach der Facharzt-Prüfung kein Thema mehr ist, höchstens noch Bereitschaft. Fachärzte im Dreischicht-System gibts höchstens in der Notaufnahme und ganz eventuell auf einer sehr großen Intensiv.
Also die Tatsache, dass als Facharzt weniger Belastung besteht, müsste konsekutiv eher die bessere Bezahlung der entsprechenden Diensttätigkeit als Assistent zufolge haben, nicht die Minderbezahlung, da man ggf. später weniger Arbeitet.
Zum Rest: Ich arbeite im Schichtdienst, also trifft das für mich tatsächlich nur eingeschränkt zu, habe aber früher auch in 24h-Bereitschaftsdiensten gearbeitet und der Belastungsunterschied war in meinem Falle nicht signifikant, ich arbeite aber im Schichtsystem jetzt ein paar Stunden weniger. Im 24h-BD habe ich in den Bereitschaftsstunden auch mehr als 50% gearbeitet und ich denke, dass das an vielen Orten so ist.
Im Prinzip ist es letztlich die Mehrbelastung durch die Versorgung der ganzen Abteilung im Gegensatz zur ganzen Station, die eigentlich ein mehr an Vergütung zufolge haben müsste. Mit dem gleichen Argument wird in einem Wirtschaftsbetrieb auch ein Manager mehr bezahlt, der mehr Verantwortung trägt.
Und was den Vergleich zur Pflege angeht, soll dieser ja nicht Verschlechterungen für die Pflege, sondern Verbesserungen für die Ärzteschaft anmahnen, die zu oft davor zurückschreckt, auch mal die eigenen Arbeitsbedingungen anzusprechen. Deswegen ist in den Medien und der Gesetzgebung auch fast nur die Pflege präsent.
Und ja, solange natürlich viele Leute zu den Arbeitsbedingungen gerne arbeiten, wird sich nicht allzuviel ändern. Ansprechen darf man es dennoch.
SineNomine
12.02.2022, 12:23
Und bring diese beiden Abschnitte nochmal zusammen und du merkst: auch die Studienplatzbewerber haben nicht die paar Jahre bis zum Facharzt im Sinn sondern die Zeit danach.
Auch wenn hier im Forum gefühlt die Meisten sich im Bereich der Weiterbildung befinden, ist dieser Abschnitt auf das Gesamt-Medizinerleben ein eher kleiner Teil. Und wiederum manche treten gleich gar keine Stellen, oder möglichst kurze Abschnitte, an in denen es Nachtdienste gibt...
Auch aus diesem Grund bin ich froh dass es dieses Mal ein wenig mehr auch um Rufdienste gehen soll und nicht wie in der letzten Runde um Bereitschaftsdienste. Letztlich wird man sehen was draus wird. Bei diesen diametralen Positionen glaub ich eh nicht dass es ohne eine Runde Streiks laufen wird...
Ich finde es falsch, mit dem Argument, weil das andere auch schlecht ist, dem einen die Legitimation abzusprechen. Klar sind wir alle kleine Egoisten und schauen erstmal auf unsere kleine Lebenswelt. Das ist menschlich. Aber letztlich sollte es um die Verbesserungen der Gesamtbedingungen gehen, darunter fallen Bereitschaftsdienste ebenso wie Rufbereitschaft. Und letztlich gibt es bei beiden Verbesserungsbedarf.
Denke aber, solange man sich immer Formulierungen "sofern nicht dringend betrieblich notwendig" "solange Versorgung nicht gefährdet" einbauen lässt, wird sich kaum etwas ändern, da sich Arbeitgeber standardmäßig darauf berufen werden.
Feuerblick
12.02.2022, 12:33
Und das in einer Zeit in der befristete Verträge (teilweise auf zwei Jahre) mittlerweile die Regel und nicht mehr die Ausnahme sind? Wenn man als Assistent muckt wird der Vertrag nicht verlängert und das wars.
Genau damit sowas nicht passiert gibt es eigentlich Gewerkschaften.
1. Wieso „mittlerweile“? Ich würde eher sagen, dass es mittlerweile (weil Befristung einen Grund haben muss) sehr viel mehr unbefristete Verträge gibt als vor 10 Jahren.
2. Wenn dein Arbeitgeber dich besch*** und ausnutzt, du dich dagegen (berechtigterweise!) wehrst und ihm nur einfällt, deinen Vertrag nicht zu verlängern - warum willst du da überhaupt noch arbeiten?
3. Wenn ALLE sich einig sind, dann passiert gar nichts an Sanktionen. Aber um alle in ein Boot zu bekommen, muss man sich halt anstrengen und Überzeugungsarbeit leisten.
Bonnerin
12.02.2022, 12:53
Und das in einer Zeit in der befristete Verträge (teilweise auf zwei Jahre) mittlerweile die Regel und nicht mehr die Ausnahme sind? Wenn man als Assistent muckt wird der Vertrag nicht verlängert und das wars.
Genau damit sowas nicht passiert gibt es eigentlich Gewerkschaften.
Dann sollte man aber auch sagen, dass das gerade in Deutschland gehandelte Tarifrecht inkl. Gewerkschaften zumindest zu einem großen Teil Schuld an der ganzen Gehaltsmiesere sind. Wenn ein Großteil der Bürger:innen eines Landes es gerecht findet, dass der einzige Grund für mehr Geld der ist, dass man halt irgendwann älter wird...tja. Leistungsboni sind meines Wissens nach eher die Ausnahme als die Regel. Man kann eben als Arzt der dümmste Depp sein, sich andauernd zwischen Patientengefährdung und Faulheit bewegen und kriegt trotzdem genauso viel Gehalt wie die Kolleg:innen, die das ganze auffangen und ausbaden müssen. Wir haben die Sicherheit durch einen Tarifvertrag halt damit erkauft, dass das Einkommen absolut gedeckelt wird. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Wird halt im Durchschnitt eher der underperformer mögen, diejenigen, die gerne viel und gut arbeiten eher weniger.
Langfristig geht es für die meisten ohnehin in Richtung eines außertariflichen Vertrags, auch in den Kliniken ab der OA-Ebene (teils auch schon als FA) und im ambulanten Setting sowieso. Gerade, wenn man sich solche Frechheiten wie von der VKA oder auch Unis und/oder kirchlichen Häusern antun darf.
Die Befristung ist aber ein generelles Problem (siehe die große Twitter-Debate über das WissZeitVertragsgesetz). Da werden wir eben alle vom Gesetzgeber verarscht und nicht unbedingt von MB, Verdi, IGMetall...
dissection
15.02.2022, 15:05
Angesichts der großen Resignation, QE und der daraus potentiell entstehenden Lohn-Preis-Spirale ist zu hoffen, dass die Ärzteschaft irgendwann ihre Verhandlungsmacht erkennt und der steigenden Inflation zumindest etwas hinterherhinken kann indem sie sich nicht in VKA-Verhandlungen ficken lässt. Sonst ist es wohl am ehesten zu empfehlen zu resignieren und die europäische Währungsunion zu verlassen.
https://en.wikipedia.org/wiki/Great_Resignation
SineNomine
16.02.2022, 06:20
Ich sehs kommen. Bisher lehnt man die Einmalzahkung ab, lässt bis zum 5.3. Gesprächskanöle offen .... lässt sich dann doch auf so ne komische Einmalzahkung ein, die dann leider leider auch noch versteuert werden muss, weil man sie ja nicht mehr mit dem Märzgehalt auszahlen kann.
Wahlweise kommt man nach Abflauen der Corona-Welle doch zu nem Streikentschluss, wenn ihn kaum einer mehr merkt. Sollte man den Eisenbahnern auch sagen, dass sie ihre Streiks zwischen 2 und 4 Uhr morgens machen sollten, um den Betriebsablauf nicht zu gefährden ;)
Freilich erst, nachdem man als Maximalforderung eine Nullrunde der Reallöhne gefordert hat (=Erhöhung in Höhe der Inflationsrate).
Sorry für mein Quentchen Zynismus.
Endoplasmatisches Reticulum
16.02.2022, 07:48
.....
SineNomine
16.02.2022, 17:42
irgendwer hat mal erwähnt, dass der MB als Karrieresprungbrett für weitere Medizinverwaltung dient und daher nicht unbedingt stringent Arbeitnehmerinteressen vertritt.
Hab ich bisher eher für Schwurblerei gehalten. Inhaltlich könnte man Teile der Tarifpolitik aber tatsächlich so verstehen, als ob da mit einer Hand Arbeitnehmer-, zugleich aber Arbeitgeberpolitik zu machen versucht wird. :-nix
Anne1970
16.02.2022, 18:03
Wie kommst du auf diesen Gedanken? Was genau hältst du für „Arbeitgeber-Politik“?
Die genannte Prozent-Zahl ist in der im August 2021 (wie war die Inflations-Prognose damals?) formulierten Forderung nur eine der Forderungen, es geht auch um die Arbeitsbedingungen, etwas, was den meisten dringend auf den Nägeln brennt.
Fordern kann man viel- etwas Realismus schadet nicht. Am Ende müssen zwei Unterschriften unter dem Vertrag stehen. Und gibt es den die Bereitschaft der Betroffenen, das auch notfalls mit Arbeitskampf durchzusetzen?
Zum Thema Arbeitsbedingungen gab es im vorherigen Tarif/Abschluss einige Punkte.
Aus der bisherigen Diskussion hier im Thread geht hervor, dass viele Kolleginnen und Kollegen offenbar damit leben, dass selbst die jetzt gültigen Regelungen ( z.B. Elektronische Arbeitszeiterfassung, rechtzeitige, zuverlässige Dienstplanung, Anzahl der Freien Wochenenden) von AG nicht erfüllt werden. Arbeitnehmer könnten ihr Recht einfordern. Dazu kann man sich Hilfe holen. Aber auf dem Silbertablett gibt’s das nicht. Klar sollte es selbstverständlich sein, dass alle AG den gemeinsam mit der Arbeitnehmer-Vertretung unterschrieben Vertrag erfüllen. Das ist leider häufig (noch) nicht so: daher ist die einzige Lösung selbst aktiv zu werden. Zumindest mal beim BR fragen, wie es mit der Umsetzung des Tarifvertrags aussieht. Für sein Recht zu kämpfen, ist nicht bequem u d auch nicht immer angenehm. Leichter ist es natürlich, sich zu beklagen und nichts weiter zu tun.
SineNomine
16.02.2022, 18:27
wie kommst du auf diesen Gedanken?
Wahrscheinlich auch ein Stück Frust - sorry dafür - aber wieso geht man mir der Forderung einer Reallohn-Nullrunde als Maximalforderung in die Tarifrunde?
Und als advocatus diaboli, weshalb nutzt man nicht noch die Phase der Corona-Pandemie für Arbeitskampfmaßnahmen, wenn man mit ihnen rechnet - noch hätte man aller Augen auf dem schlechten Angebot der Arbeitgeber, könnte es öffentlichkeitswirksam in Relation setzen mit großen Corona-Boni für Kurzarbeitergeld-subventionierte Konzerne etc. Letztlich hat es die Pflege zumindest geschafft, mit ihren Angelegenheiten wahrgenommen zu werden und Anfänge sind gemacht, auch wenn noch viel zu tun ist.
Wenn alles nach den pandemiebedingten Verwerfungen wieder "glatt" läuft, wird der Arbeitskampf bei gleichem Einsatz deutlich weniger Signalwirkung haben, da der Streik dann für Arbeitgeber einfacher durch verbliebenes Personal zu kompensieren sein wird und in den Medien das Thema weniger präsent sein würde. Das wäre Analog, als würden die Lokführer die Ferienzeit für Streiks vermeiden (und sich zudem auf die Randzeiten der Randstrecken beschränken, was aber aufgrund der notwendigen Sicherstellung der Notfallversorgung schwer vermeidbar ist, das sehe ich ein).
Und, wenn man sich doch auf eine Einmalzahlung einlässt, was ich nicht für gut befände, so wäre die ab Ende März 2022 zu versteuern. Das Fenster dürfte dann auch zu sein.
Ganz ehrlich Leute. Manchmal kommt mir die Situation surreal vor. Wir haben eine weltweite Pandemie und die Ärzte exponieren sich zum Teil täglich nicht unerheblich mit relevantem gesundheitlichem Risiko, sie stehen sozusagen mit der Pflege an der Front. Und während gefühlt in jeder, noch so patientenfernen Branche teils mehrfache steuerfreie Prämien gezahlt wurden und hohe Lohnforderungen durchgesetzt werden konnten, ist bei den (meisten) Ärzten gar nichts angekommen. Wer jetzt hier ernsthaft argumentiert, die Prämie sei doch letztendlich nur ein Minusgeschäft oder man solle selbst den Aufstand üben, dem soll gesagt sein, dass wir genau dafür eine Arbeitnehmervertretung haben. Es ist mir wirklich absolut unverständlich, wie man die augenscheinlich miserable Vertretung unserer Interessen hier weiter rechtfertigen kann.
Das geht jetzt nahtlos weiter mit den viel zu niedrigen Maximalforderungen, mit denen man hier wieder in die Verhandlungen eingestiegen ist, was noch absurder wird, wenn man bedenkt, dass auf die einmaligen Prämien ja genau deswegen verzichtet wurde. Die Inflation beträgt 5% (und das ist sicher nicht die wirkliche, wenn man Vermögenswerte mit berücksichtigt) und der MB steigt mit 5% Maximalforderung in die Verhandlungen ein? Das geht gar nicht. Punkt. Natürlich kann man keine 10%-ige Gehaltserhöhung erwarten (wir wollen ja die Lohn-Preis-Spirale nicht treiben), aber am Ende trifft man sich doch immer in der Mitte und dann landen wir mutmaßlich wieder bei guten 2%, was einem beträchtlichen Kaufkraftverlust gleichkommt.
Ich halte gerade die Lohnanpassungen für eine der wichtigsten Verhandlungspunkte, denn das ist zumindest etwas handfestes, das jedem zugute kommt und praktikabel ist. Wie wir wissen, bleibt von alle andere verabredeten Veränderungen am Ende in der Realität oft nicht mehr viel übrig. Ob man als Einzelner hier sein Recht im Zweifel durchsetzen kann, will ich nicht beurteilen. Aber ich finde es ehrlich gesagt ein Armutszeugnis, das als Argumentation für angeblich gute Verhandlungsergebnisse anzuführen. Befristungen sind auch immer noch der Alltag, auch das ist ein echtes Armutszeugnis bei der existenziellen Bedeutung unseres Berufes, der Nachfrage und den unbefristeten Verträgen aus der Wirtschaft.
Warum hat der MB nicht zu Streiks aufgerufen? Wir alle möchten den Patienten helfen. Aber irgendwo hört es auf. Wir waren kein einziges Mal während der Pandemie irgendwie im Fokus der Medien. Das laste ich unserer Vertretung an. Und jetzt ein Angebot von 0% durch die VKA? Das lässt im Grunde gar keine andere Antwort als einen Streik zu. Leute, das ist eine bodenlose Frechheit. Ich habe hier keine Erwartungen mehr und bin aufgrund der Erfahrungen schon seit geraumer Zeit aus dem MB ausgetreten.
SineNomine
16.02.2022, 20:01
Ich halte gerade die Lohnanpassungen für eine der wichtigsten Verhandlungspunkte, denn das ist zumindest etwas handfestes, das jedem zugute kommt und praktikabel ist. Wie wir wissen, bleibt von alle andere verabredeten Veränderungen am Ende in der Realität oft nicht mehr viel übrig.
Guter Gesamtbeitrag ... und ja, das mit der Realität ist so ne Sache. Da kommt dann wieder so eine Schwurbelformulierung in den Tarifvertrag "es sei denn das Patientenwohl ist gefährdet".
In alias verbis eine Einladung an die Arbeitgeber: Personal muss nicht aufgestockt werden, wenn mal einer ausfällt wird sich dann auf das Patientenwohl berufen und der Tarifvertrag ausgehebelt. Im Endeffekt muss das Ziel lauten, solche Formulierungen entweder raus zu bekommen oder bspw. mit Zusätzen zu versehen, die die Kostenkappungspolitik unattraktiv machen, bspw. "bei Überschreiten der genannten XYZ aus Gründen des Patientenwohls wird jede darüber hinaus geleistete Stunde doppelt vergütet".
Das würde sie bei Honorarärzten im übrigen auch. Mit den Ausnahmetatbeständen werden ansonsten gut gemeinte Ideen wie Dienstbegrenzungen oder Arbeitszeiterfassung ohne Konsequenzen ausgehebelt.
Endoplasmatisches Reticulum
16.02.2022, 20:08
Arbeitnehmer könnten ihr Recht einfordern. Dazu kann man sich Hilfe holen. Aber auf dem Silbertablett gibt’s das nicht.
Habe ich mal gemacht. Wurde dafür gefeuert und habe keine Anschlussstelle im selben Fach finden können. Man setzt hier gefühlt immer den Mitt-20er Single-Internisten mit 5 Jahres-Vertrag außerhalb der Probezeit im Mangelgebiet als Maßstab, der auf Zuruf mit 2 Wochen Vorlauf durchs ganze Land ziehen kann und will. Sobald das nicht der Fall ist, relativiert sich das mit dem "man kann sein Recht einfordern", aber sowas von.
dissection
16.02.2022, 20:20
Ganz ehrlich Leute. Manchmal kommt mir die Situation surreal vor. Wir haben eine weltweite Pandemie und die Ärzte exponieren sich zum Teil täglich nicht unerheblich mit relevantem gesundheitlichem Risiko, sie stehen sozusagen mit der Pflege an der Front. Und während gefühlt in jeder, noch so patientenfernen Branche teils mehrfache steuerfreie Prämien gezahlt wurden und hohe Lohnforderungen durchgesetzt werden konnten, ist bei den (meisten) Ärzten gar nichts angekommen. Wer jetzt hier ernsthaft argumentiert, die Prämie sei doch letztendlich nur ein Minusgeschäft oder man solle selbst den Aufstand üben, dem soll gesagt sein, dass wir genau dafür eine Arbeitnehmervertretung haben. Es ist mir wirklich absolut unverständlich, wie man die augenscheinlich miserable Vertretung unserer Interessen hier weiter rechtfertigen kann.
Das geht jetzt nahtlos weiter mit den viel zu niedrigen Maximalforderungen, mit denen man hier wieder in die Verhandlungen eingestiegen ist, was noch absurder wird, wenn man bedenkt, dass auf die einmaligen Prämien ja genau deswegen verzichtet wurde. Die Inflation beträgt 5% (und das ist sicher nicht die wirkliche, wenn man Vermögenswerte mit berücksichtigt) und der MB steigt mit 5% Maximalforderung in die Verhandlungen ein? Das geht gar nicht. Punkt. Natürlich kann man keine 10%-ige Gehaltserhöhung erwarten (wir wollen ja die Lohn-Preis-Spirale nicht treiben), aber am Ende trifft man sich doch immer in der Mitte und dann landen wir mutmaßlich wieder bei guten 2%, was einem beträchtlichen Kaufkraftverlust gleichkommt.
Ich halte gerade die Lohnanpassungen für eine der wichtigsten Verhandlungspunkte, denn das ist zumindest etwas handfestes, das jedem zugute kommt und praktikabel ist. Wie wir wissen, bleibt von alle andere verabredeten Veränderungen am Ende in der Realität oft nicht mehr viel übrig. Ob man als Einzelner hier sein Recht im Zweifel durchsetzen kann, will ich nicht beurteilen. Aber ich finde es ehrlich gesagt ein Armutszeugnis, das als Argumentation für angeblich gute Verhandlungsergebnisse anzuführen. Befristungen sind auch immer noch der Alltag, auch das ist ein echtes Armutszeugnis bei der existenziellen Bedeutung unseres Berufes, der Nachfrage und den unbefristeten Verträgen aus der Wirtschaft.
Warum hat der MB nicht zu Streiks aufgerufen? Wir alle möchten den Patienten helfen. Aber irgendwo hört es auf. Wir waren kein einziges Mal während der Pandemie irgendwie im Fokus der Medien. Das laste ich unserer Vertretung an. Und jetzt ein Angebot von 0% durch die VKA? Das lässt im Grunde gar keine andere Antwort als einen Streik zu. Leute, das ist eine bodenlose Frechheit. Ich habe hier keine Erwartungen mehr und bin aufgrund der Erfahrungen schon seit geraumer Zeit aus dem MB ausgetreten.
Dies. Die Ärzteschaft lässt sich hoffentlich nicht mit hingeworfenen Brotkrumen abspeisen. Anpassung der tariflichen Gehälter ist eine der wenigen objektiven und konsistent durchgesetzten Errungenschaften von der alle tariflich bezahlten Ärzte profitieren. Bei vielen der weiter "in den letzten Jahren herausgehandelten" Selbstverständlichkeiten finden sich doch meist Umgehungsmöglichkeiten "zur Sicherstellung der Patientenversorgung". Wer noch einen Funken von Verständnis für das Schauspiel der "Arbeitnehmervertretung" des Saftlades Marburger Bund zeigt hat immer noch nicht den Wert seiner langen beruflichen Ausbildung in einer alternden Gesellschaft mit Fachkräftemangel erkannt und ist Teil des Problems.
Ich hätte noch eine Frage: Wie ist denn z.B. elektronische Zeiterfassung definiert? Ich habe dazu im Tarifvertrag nichts gefunden. Ist die Voraussetzung hier eine manipulationsfreie automatische Erfassung der Anwesenheit oder zählt auch das Eintragen in eine Exceltabelle?
Was viele übersehen: ein Lohn-Plus ergibt sich nicht nur durch Aufwertung der Tabellenentgelte!
Der Marburger Bund fordert aktuell zum Beispiel auch dass man für eine Rufbereitschaft 3h statt 2h für die Nacht bekommt, am Wochenende ebenfalls mehr. Falls sich das durchsetzt macht das bei mir zum Beispiel eine Lohnsteigerung von 6-7 Prozent aus. Klar, wenn die die Anzahl der Rufbereitschaften beschränken, nehmen die mir das gleich wieder weg ;-)
Und bzgl. "Selbstverständlichkeiten": wenn das für euch alles Selbstverständlichkeiten sind, dann setzt sie doch selbst durch. Dann können wir uns diesen Thread sparen, den Thread im dem die Leute bzgl. Hierarchie in der Klinik abkotzen usw. Aber nein, es sind eben (leider) keine Selbstverständlichkeiten und daher braucht es jemanden der das durchsetzt.
Spannend vielleicht auch: diese Regelung dass man mehr Geld bekommt wenn man sehr kurzfristig einspringt wird in meiner Klinik gelebt. Hab ich tatsächlich schon bekommen. Muss man eine Email an den Zeitbeauftragten der Personalabteilung schreiben und es wird einem zugebucht. Total unkompliziert und ohne Diskussionen. Bei uns gibt es aber auch einen starken Betriebsrat der die Einhaltung der Tarifverträge wichtig findet. Vielleicht ist der deshalb so stark weil sich die Leute dort so engagieren. Und setzen dann Regeln um von Leuten aus dem Marburger Bund die sich dort engagieren.
Wobei es natürlich einfacher ist in einem anonymen Forum abzulästern dass andere mal was tun sollten statt sich selbst zu engagieren.
Was ich sagen will: auch der Marburger Bund kann die Dinge nur langsam verändern umso langsamer umso weniger Leute ihn unterstützen. Und da ist die Mitgliedschaft die niedrigste Form der Unterstützung und nicht mal das machen teils die Leute. Und dann muss ich auch sagen, dass ich aktuell keinerlei Aufbruchsstimmung spüre. Vor 15 Jahren waren wir irgendwie beseelt von der Idee jetzt endlich mal so richtig was bewegen zu können und meiner Meinung nach wurde damals was erreicht. Jetzt geht es um "gibt es die elektronische Zeiterfassung", ja bei vielen schon, bei anderen nicht, eigentlich ist es den meisten auch egal, läuft schon irgendwie. Das ist völlig anders als es vor vielen Jahren war. Daher auch immer die Frage was die Leute so erwarten und dann dafür tun werden.
Ich geh davon aus dass es Streiks braucht. Und da werden wir sehen wie stark sich die Leute engagieren. Wenns nur ein paar Hanseln sind braucht man sich danach nicht über einen schlechten Abschluss beschweren...
SineNomine
17.02.2022, 06:07
Was viele übersehen: ein Lohn-Plus ergibt sich nicht nur durch Aufwertung der Tabellenentgelte!
Der Marburger Bund fordert aktuell zum Beispiel auch dass man für eine Rufbereitschaft 3h statt 2h für die Nacht bekommt, am Wochenende ebenfalls mehr. Falls sich das durchsetzt macht das bei mir zum Beispiel eine Lohnsteigerung von 6-7 Prozent aus. Klar, wenn die die Anzahl der Rufbereitschaften beschränken, nehmen die mir das gleich wieder weg ;-)
Herzlichen Glückwunsch. Das betrifft dann nur diejenigen, die Rufbereitschaft haben, also fallen die meisten Assistenten raus. Aber schön, dass es für Dich dann ein zufriedenstellender Abschluss ist. Ich verstehe ja, dass wir alle Egoisten sind, ob wirs dann so raushängen lassen müssen, ist eine andere Sache...
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