Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Der große Coronathread
roxolana
16.03.2020, 07:24
Alle Personen
auch Angehörige bestimmter Berufsgruppen können gemäß § 8 Abs. 1 KatSG Bln. „zur Mitwirkung
bei der Katastrophenabwehr“ herangezogen werden, wenn die folgenden Merkmale des § 16 Abs. 1
ASOG vorliegen:
x Abwehr einer gegenwärtigen, erheblichen Gefahr,
Unmöglichkeit von Maßnahmen gegen die eigentlichen Verursacher,
x keine Abwehrmöglichkeit durch Ordnungsbehörden und Polizei oder durch Beauftragung von
Dritten,
x keine Gefährdung des Betroffenen und keine Verletzung höherwertiger Pflichten.
https://www.hwr-berlin.de/fileadmin/portal/Dokumente/Fachbereiche-Institute/FB5/Forschung/FB-5-Heft-14.pdf
Da kann man diskutieren, ob es eine Gefährdung oder eine Verletzung höherwertiger Pflichten darstellt, wenn man ein Elternteil (möglicherweise auch noch stillende Mutter) aus der Elternzeit in den Dienst gegen eine hochansteckende Erkrankung zurückholen will. Autolyse?
FirebirdUSA
16.03.2020, 07:30
Ja. Aber du müsstest erstmal einer entsprechenden Aufforderung nachkommen und im Eilverfahren dagegen klagen. Widerspruch setzt hier entsprechende Anordnung nicht aus nach meiner Kenntnis.
Aber ohne Betreuung kannst du dein Kind natürlich nicht lassen.
Las mich gerne korrigieren.
Edit: bis das umgesetzt werden würde müsste aber aus meiner Sicht noch einiges passieren. Darf ja auch keine andere Möglichkeit der Gefahrenabwehr geben. Ich wäre in EZ aktuell noch relativ entspannt.
pineapple
16.03.2020, 08:31
Aber ohne entsprechenden Schutz kann das doch nicht greifen ? Ich schick nen Feuerwehrmann ja auch nicht ohne Anzug ins Feuer oder nen Polizisten ohne Weste in den Schusswechsel?
Aber ohne entsprechenden Schutz kann das doch nicht greifen ? Ich schick nen Feuerwehrmann ja auch nicht ohne Anzug ins Feuer oder nen Polizisten ohne Weste in den Schusswechsel?
Im September 2001 warst du noch zu jung, um Nachrichten zu schauen, oder? Da wurden reihenweise Leute ohne adäquaten Schutz zu Rettungs- und Aufräumarbeiten geschickt.
https://www.nordbayern.de/panorama/corona-katastrophenfall-in-bayern-gilt-ab-sofort-ladenoffnungszeiten-gelockert-1.9875709
"Die Notfall-Telefonnummern werden personell deutlich verstärkt.
Die Testkapazitäten werden deutlich ausgebaut, getestet wird aber nur noch bei vorhandenen Symptomen.
Uni-Kliniken werden komplett von Forschung auf Versorgung umgestellt.
Ein Schutzschirm für alle kommunale Krankenhäuser soll entwickelt werden, zum Schutz vor finanziellen Verlusten.
Über die Uni-Kliniken sollen Medizinstudenten zur Unterstützung akquiriert werden. Auch Ärzte in Ruhestand und Ärzte in Elternzeit sollen reaktiviert werden. "
Weitere Maßnahmen in Bayern
Kackbratze
16.03.2020, 10:32
In Niedersachsen sollen Medizinstudenten in der Pflege arbeiten und helfen.
kartoffelbrei
16.03.2020, 10:42
Hat eigentlich irgendjemand Zahlen, wie viele Patienten im Moment Corona-bedingt stationär aufgenommen sind?
FuchsiBuchsi
16.03.2020, 10:44
In Niedersachsen sollen Medizinstudenten in der Pflege arbeiten und helfen.
Der Vorschlag kam ja Freitag von Spahn, hier zu akquirieren.
Meine Uni hat schon Donnerstag einen Aufruf gestartet.
Was mich da grundsätzlich irritiert: Es wird so verbreitet und klingt für die Allgemeinbevölkerung so, als wären studentische Hilfskräfte in der Pflege etwas ganz bahnbrechend neues. Öhm ja. Ich kenne keinen Studi, der nach seinem Pflegepraktikum nicht gefragt wurde, ob er später gegen Lohn mal mit aushelfen will, Sitzwachen etc. pp.
Studis mit Pflegevorerfahrung sind ebenso bereits eingebunden.
Ich kann auch den Zorn der Pflege verstehen, dass das jetzt so rüber kommt, als könnte jeder Depp mal eben paar Tage angelernt werden und deren Job erledigen. Nicht cool.
roxolana
16.03.2020, 11:00
Ich wurde nicht gefragt. :-)) Aber ich durfte im Pflegepraktikum auch fast nix machen, selbst BZ messen war zu "invasiv". Ich war hauptsächlich mit Putzen und Schränke einräumen beschäftigt.
Mukopolysaccharid
16.03.2020, 11:10
naja, aber heißt es nicht "Unterstützung" = Essen austeilen, Patienten waschen, wiegen, anziehen, Betten beziehen, Regale auffüllen. Wieso man da überhaupt Medizin- Student sein muss, verstehe ich auch nicht.
Endoplasmatisches Reticulum
16.03.2020, 11:25
Aus ernst gemeintem Interesse als jemand, der lange Jahre in der Pflege gearbeitet hat: Welche Tätigkeiten sind denn das, die ich einem Medizinstudenten im mittleren bis höheren Fachsemester nicht "in ein paar Tagen" beibringen kann? Blisteraufschriften korrekt lesen? Vitalzeichen messen? Drainagen leeren? Stomabeutel kleben? Inhalator in den Wandanschluss ein- und ausklinken? Kissen in die Flanke und unter die Waden stopfen a.k.a. Dekubitusprophylaxe? Bett beziehen? Essen austeilen?
Klar, in Funktionsbereichen wie der ITS sieht das ganz anders aus. Aber ich behaupte, dass man mindestens 80 % der anfallenden praktisch-pflegerischen Tätigkeiten auf der Normalstation tatsächlich in wenigen Tagen einem durchschnittlichen Medizinstudenten soweit beibringen kann, dass der eine massive Entlastung der Pflege ist und sicherlich auch keine Patienten verstärkt gefährdet. Die meisten meiner ehemaligen Pflege-Kollegen definierten sich leider gegenüber Studis immer noch durch "darf nicht" statt "kann (noch) nicht". Oft wird ja auch die Haftbarkeit vorgeschoben. Aber das ist doch auch eine Farce. Warum die 20jährige MFA in der Arztpraxis nach Anlernen Blut abnehmen und i.m. impfen darf, der Medizinstudent im 8. Semester aber aus Sicht der Pflege selbst bei Lapalien wie BZ-Messung Kompetenzüberschreitung begeht, weil er kein Pflegeexamen hat? Ne, das hat sich mir noch nie erschlossen. Lustigerweise muss der Studi aber selbstverständlich die frische Hüft-TEP topfen oder aufs Klo mobilisieren, weil man als Pfleger keine Lust auf sowas hat. What could possibly go wrong ...
Bonnerin
16.03.2020, 11:26
Man sehe mir bitte den leichten Sarkasmus nach...
1. Weil kein Nicht-Mediziner in der aktuellen Situation mehr oder weniger freiwillig ein Krankenhaus betreten würde um da zu arbeiten.
2. Weil man argumentieren kann, dass auf Grund des Veranstaltungsausfalles eh auch mal gearbeitet werden kann.
3. Weil man hofft, dass zumindest die Medizin- und Zahnmedizinstudenten einen Schimmer von Desinfektion ect. haben. Wenn man sich anguckt, wie verzweifelt das RKI gerade versucht, der Allgemeinbevölkerungen Maßnahmen wie Hände waschen nahe zu bringen... :/
Aber grundsätzlich hast du natürlich Recht, die Formulierung ist für die Kollegen der Pflege unfair gefasst. Man hätte betonen sollen, dass zum Studium ja auch das Pflicht-Pflegen (ob nun Patienten oder die Raum-Pflege) gehört und darum Vorkenntnisse da sind. Kurz will in Ö z.B. auch auf Zivis und Ex-Zivis aus dem Bereich zurückgreifen.
Bei uns kam heute morgen ne Mail vom Dekanat, wo generall "Mithilfe von Studenten höherer Semester in der nächsten Zeit" angeteasert wurde, aber Infos folgen würden. PJ wurde explizit ausgenommen, auch vom generellen Veranstaltungsverbot. Wir sollen weiter arbeiten und das M3 soll nach momentaner Lage wie geplant stattfinden (eventuell aber halt ohne echten Patienten an Tag 1), um den Studienabschluss/Arbeitsbeginn nicht zu verzögern.
EDIT @EndoplasmatischesRetikulum: Bei uns wurde explizit von der ICU-Leitung schon die Fachschaft angesprochen, damit da die Leute eingearbeitet werden können.
Mukopolysaccharid
16.03.2020, 11:51
Bei uns gabs damals noch, glaub in dem Schuljahr vor dem BOGY, das verpflichtende Sozialpraktikum. Da konnte man im Kindergarten, Altenheim oder KH arbeiten, ohne Vorkenntnisse. Glaube die Pflege würde genug Arbeiten für unerfahrene Praktikanten finden.
Ich denke, das was gelernte Pfleger von Medizinstudenten unterscheidet ist die Erfahrung im Erkennen und Einschätzen von Notfällen. Aber es spricht ja auch (hoffentlich) keiner davon, dass ein Studi eine gelernte Schwester 1:1 ersetzen soll, sondern nur unterstützen. Und da bieten sich Medizinstudenten natürlich schon dadurch an, dass keine grundsätzlichen Berührungsängste mit Krankenhaus und Patienten vorliegen, man meist die organisatorischen und und hierarchischen Strukturen prinzipiell kennt und natürlich eine gewisse Intelligenz vorliegen sollte...
Und, soweit ich unter den Medizinstudenten in meinem Umfeld bisher beobachte, besteht da auch eine weit überdurchschnittlich hohe Motivation, sich ins Getümmel zu stürzen. Möglicherweise spielt das Gefühl, als medizinische Fachkraft ernst genommen zu werden, "gebraucht" zu werden und auch jegliche eigenen idealistischen Vorstellungen direkt umsetzen zu können, eine gewisse Rolle.
Im Gegensatz zum studentischen überwiegen in meinem ärztlichen Umfeld im Moment eher Überlegungen, was man dem Strudel, der einen in Dinge, Tätigkeiten und Arbeitsbelastungen hineinsaugen wird, in die man nicht will, entgegensetzen kann.
Ohne jetzt ketzerisch sein zu wollen, aber die meisten Studenten denken dabei sicherlich nicht an pflegerische Tätigkeiten, wenn man ihnen sagt, dass man sie brauche.
FuchsiBuchsi
16.03.2020, 13:32
Ohne jetzt ketzerisch sein zu wollen, aber die meisten Studenten denken dabei sicherlich nicht an pflegerische Tätigkeiten, wenn man ihnen sagt, dass man sie brauche.
Seh ich auch so. Das verträumte Glänzen in den Augen wird schnell der Ernüchterung weichen.
(Das Semester hat bei uns noch lange nicht begonnen laut Plan. Es sitzt also keiner daheim und dreht Däumchen. Meine Studis sind eher alle mit Promotion und Jobs beschäftigt. Oder hocken schlicht in ihrer Heimat, nicht in der Unistadt.)
Bonnerin
16.03.2020, 13:33
Da hast du ziemlich sicher Recht, Schubbe. Und das wird einigen auch erst bei Tätigkeitsbeginn klar werden, denke ich.
Die PJler zur "beinahe-ärztlichen" Versorgung sind ja aus allen Plänen der Studiendekanate ausgenommen (nicht nur in Bonn, sondern laut Forumsposts auch in anderen Städten), ebenso wie die F20 M2-Schreiber/angehenden PJler.
Und der Rest der Kliniker (Vorklinik mal mit Fragezeichen, da habe ich keine Infos) wird halt die Pflege unterstützen, ob die Studierenden sich das jetzt so vorstellen oder nicht.
Wobei in meinem Umfeld einige mit den 25€/h der KV-Abstriche liebäugeln - für so ca. 2 Tage und dann hat man das Geld und geht wieder.
Man muss auch kritisch hinterfragen, ob man Personal, welches man 4-5 Jahre lang ausgebildet hat, unbedingt wieder in ein erweitertes Pflegepraktikum schicken möchte. Konkret muss man natürlich die genaue Umsetzung sehen, aber ich sehe da gewaltiges Konflikt- und Frustrationspotential.
FuchsiBuchsi
16.03.2020, 13:48
Wir haben nicht wenige Studis, die sobald die Einreise nach D denn überhaupt mal wieder möglich ist, dann erstmal in Heimquarantäne müssen. Gut das mag der Lage hier im Süden geschuldet sein.
Ich möchte den Optimismus über die Mobilisierung der Studenten damit natürlich nicht bremsen. ;-)
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