Flemingulus
31.03.2011, 13:44
Jetzt ist grad an der Reihe:
Peter von Matt - Die Intrige: Theorie und Praxis der Hinterlist.
Ein ziemlich anspruchsvoller, analytischer Streifzug durch die Literatur als ein Variationenspiel über die Themen Simulation und Dissimulation. Es fängt mit einer Art Präambel, vor-literarisch und eher trivial, mit der Biologie der Hinterlist an (Fliegenragwurz und Teufelsmantis) und dann kommt ein schillerndes literarisches Kaleidoskop vom talentierten Mr. Ripley, über diverse Märchen, Sagen und Mythen, Beispiele weiblicher List in der Literatur, Hamlet, Jago, Bonnie & Clyde, Lessing, Schiller, Corneille, Graham Greene...
Leseprobe aus dem Vorwort (wie gesagt... geht rel. trivial los... aber es wird dann schon noch komplizierter ;-) ):
"Was lebt, muß Leben töten. Daher ist, was lebt, selbst immer in Gefahr, getötet zu werden, und sucht sich zu schützen. Das Töten wird dadurch schwieriger. Also muß, was lebt, Wege finden, das lebenerhaltende Töten einfacher zu machen.
Was lebt, muß sich vermehren. Dazu braucht es ein zweites Lebewesen. Also muß das erste zum zweiten gelangen oder Mittel finden, die Kopulation über größere Distanzen hin zu vollziehen. Es muß unter Umständen einen Go-between einsetzen. Der macht das nicht freiwillig; denn nichts, was lebt, ist von Natur aus hilfreich. Kuppeldienste werden nur geleistet im Gefolge einer Verlockung, einer Bestechung, einer Falle, einer List.
So gibt es Blumen, die ahmen Insekten nach, und Insekten, die ahmen Blumen nach, täuschend genau. Die Fliegenragwurz, Ophrys insectifera, eine kleine, zauberhaft elegante Pflanze, selten, aber in Mitteleuropa doch noch zu finden, hat ihre Blüte der Gestalt einer schmalen Fliege angeglichen, so überzeugend für wirkliche Fliegen, daß sie kopulieren wollen und sich an dem winzigen Phantom abarbeiten. Dabei stoßen sie mit dem Kopf an die Pollenpakete der Blume, Pollen bleiben am Kopf haften, und die erregten Tierchen befruchten damit beim nächsten aussichtslosen Versuch die nächste
Ophrys insectifera.
Das ist eine komödiantische List. Den Gegenzug des Trauerspiels inszeniert die afrikanische Teufelsmantis, Idolum diabolicum. Ihr hat man mit dem wissenschaftlichen Namen schon zu verstehen gegeben, was von ihr moralisch zu halten sei. Sie spielt die schöne Blume, eine hängende, farbige, leis im Winde spielende Orchideenblüte mitten unter vielen wirklichen Orchideenblüten. Die langen Fangarme hält sie, wie es bei den Mantisarten, den Gottesanbeterinnen, üblich ist, neben den kleinen, dreieckigen Kopf erhoben. Diese Fangarme sind beim Idolum diabolicum breit und weich gelappt und farbig leuchtend wie Blütenblätter. Ein Insekt, das auf Nektarsuche von Blume zu Blume schwirrt, schwirrt bei dieser besonders schönen Blüte genau vor das hungrige Maul und zwischen die blitzartig zugreifenden Krallen."
Peter von Matt - Die Intrige: Theorie und Praxis der Hinterlist.
Ein ziemlich anspruchsvoller, analytischer Streifzug durch die Literatur als ein Variationenspiel über die Themen Simulation und Dissimulation. Es fängt mit einer Art Präambel, vor-literarisch und eher trivial, mit der Biologie der Hinterlist an (Fliegenragwurz und Teufelsmantis) und dann kommt ein schillerndes literarisches Kaleidoskop vom talentierten Mr. Ripley, über diverse Märchen, Sagen und Mythen, Beispiele weiblicher List in der Literatur, Hamlet, Jago, Bonnie & Clyde, Lessing, Schiller, Corneille, Graham Greene...
Leseprobe aus dem Vorwort (wie gesagt... geht rel. trivial los... aber es wird dann schon noch komplizierter ;-) ):
"Was lebt, muß Leben töten. Daher ist, was lebt, selbst immer in Gefahr, getötet zu werden, und sucht sich zu schützen. Das Töten wird dadurch schwieriger. Also muß, was lebt, Wege finden, das lebenerhaltende Töten einfacher zu machen.
Was lebt, muß sich vermehren. Dazu braucht es ein zweites Lebewesen. Also muß das erste zum zweiten gelangen oder Mittel finden, die Kopulation über größere Distanzen hin zu vollziehen. Es muß unter Umständen einen Go-between einsetzen. Der macht das nicht freiwillig; denn nichts, was lebt, ist von Natur aus hilfreich. Kuppeldienste werden nur geleistet im Gefolge einer Verlockung, einer Bestechung, einer Falle, einer List.
So gibt es Blumen, die ahmen Insekten nach, und Insekten, die ahmen Blumen nach, täuschend genau. Die Fliegenragwurz, Ophrys insectifera, eine kleine, zauberhaft elegante Pflanze, selten, aber in Mitteleuropa doch noch zu finden, hat ihre Blüte der Gestalt einer schmalen Fliege angeglichen, so überzeugend für wirkliche Fliegen, daß sie kopulieren wollen und sich an dem winzigen Phantom abarbeiten. Dabei stoßen sie mit dem Kopf an die Pollenpakete der Blume, Pollen bleiben am Kopf haften, und die erregten Tierchen befruchten damit beim nächsten aussichtslosen Versuch die nächste
Ophrys insectifera.
Das ist eine komödiantische List. Den Gegenzug des Trauerspiels inszeniert die afrikanische Teufelsmantis, Idolum diabolicum. Ihr hat man mit dem wissenschaftlichen Namen schon zu verstehen gegeben, was von ihr moralisch zu halten sei. Sie spielt die schöne Blume, eine hängende, farbige, leis im Winde spielende Orchideenblüte mitten unter vielen wirklichen Orchideenblüten. Die langen Fangarme hält sie, wie es bei den Mantisarten, den Gottesanbeterinnen, üblich ist, neben den kleinen, dreieckigen Kopf erhoben. Diese Fangarme sind beim Idolum diabolicum breit und weich gelappt und farbig leuchtend wie Blütenblätter. Ein Insekt, das auf Nektarsuche von Blume zu Blume schwirrt, schwirrt bei dieser besonders schönen Blüte genau vor das hungrige Maul und zwischen die blitzartig zugreifenden Krallen."